1. Saarland

Vom Beginn eines neuen Lebens

Vom Beginn eines neuen Lebens

Völklingen. Mit der Ankunft am Saarbrücker Hauptbahnhof hat für den 14-jährigen Jamil Nazemi (Name geändert) am 2. März dieses Jahres ein neues Leben angefangen. Jamil ist, wie viele andere vor ihm, mit großen Hoffnungen auf ein besseres, friedlicheres Leben nach Deutschland aufgebrochen

Völklingen. Mit der Ankunft am Saarbrücker Hauptbahnhof hat für den 14-jährigen Jamil Nazemi (Name geändert) am 2. März dieses Jahres ein neues Leben angefangen. Jamil ist, wie viele andere vor ihm, mit großen Hoffnungen auf ein besseres, friedlicheres Leben nach Deutschland aufgebrochen. Geflüchtet ist er aus der Provinz Herat, im Westen Afghanistans, wo man seine damals 14 Jahre alte Schwester gegen den Willen der Eltern zwingen wollte zu heiraten und bewaffnete unbekannte Männer seine Familie bedrohten.Jamil hat aber auch ein politisch unstabiles Land zurückgelassen, aus dem immer noch fast täglich Terroranschläge der Taliban auf Soldaten und Zivilisten gemeldet werden. Vor etwa einem Jahr war die fünfköpfige Familie zunächst gemeinsam in Richtung Deutschland aufgebrochen und mit der Hilfe von bezahlten Schlepperorganisationen über den Iran und die Türkei bis nach Griechenland gelangt.

Dann wurde sie durch einen unglücklichen Zufall auseinander gerissen. Bei einem Zwischenstopp in einer Stadt in Griechenland, erzählt Jamil, gerieten er und seine Familie in einen Tumult. In einem wüsten Handgemenge verlor er seine Eltern und seine zwei Schwestern. "In Griechenland wurde ich auch von Polizisten mit Fäusten geschlagen", sagt der mittlerweile Deutsch sprechende Jugendliche, der heute in einer Wohngruppe für elternlose, minderjährige Flüchtlinge in Völklingen lebt. "Die Polizeibeamten fragten mich: Warum bist du in unser Land gekommen? Ich antwortete: Ich lebe hier nicht, ich will weiter nach Deutschland". Alleine, mit etwas Geld von seinem Vater, setzte er den Weg per Lastwagen, Auto und Zug von Griechenland über Italien, Frankreich bis nach Deutschland fort.

Trotz erheblicher Strapazen während seiner Flucht durchlief Jamil, am Saarbrücker Hauptbahnhof von Beamten der Bundespolizei aufgegriffen und dem sozialen Dienst des Jugendamtes in Obhut übergeben, binnen neun Monaten problemlos einen geradezu beschleunigten Integrationsprozess. Übergangsweise wurde er zunächst für kurze Zeit in einer Art Notauffangstelle für Kinder und Jugendliche in Saarbrücken-Jägersfreude beherbergt, danach in einer Wohngruppe für junge Flüchtlinge in Völklingen einquartiert, in der er bis heute lebt. Anschließend absolvierte der bildungshungrige Junge über fünf Monate einen Deutsch-Kurs und besucht seit August eine Berufsschule in Völklingen.

Doch das Leben in der Wahl-Heimat Deutschland hat auch eine Kehrseite: Wenn auch sei-ne Eltern und die beiden Schwestern das Zielland Deutschland erreicht haben, halten sie sich doch an verschiedenen Orten auf. Die Mutter lebt zurzeit mit einer Tochter im etwa 300 Kilometer von Völklingen entfernten nordrhein-westfälischen Neuss, der Vater mit der zweiten Tochter in einem ostdeutschen Bundesland. Wo genau, kann Jamil nicht sagen. Wie der Jugendliche stecken auch seine Eltern in einem Gesetzesdilemma: Weil sie bereits einen Antrag auf Asyl gestellt haben, dürfen sie ihre derzeitigen Aufenthaltsorte nicht verlassen. Jamils Aufenthalt wird vom deutschen Gesetzgeber (für die Dauer des laufendes Asylverfahrens) nur geduldet.

Immerhin darf Jamil nächste Woche zu seiner Mutter und Schwester nach Neuss reisen und mit ihnen zusammenleben. Damit wäre - über das Asylverfahrensgesetz, das die sogenannte Familienzusammenführung regelt - die Familie zumindest teilweise wieder vereint. Für Jamil ein weiterer Neuanfang in Deutschland.