Völklinger Schüler sind die ersten im Saarland, die eine Partnerschaft mit einer türkischen Schule begründen.

Deutsch-türkische Freundschaft : Verständigung bei Rap-Musik und süßem Tee

Völklinger Schüler sind die ersten im Saarland, die eine Partnerschaft mit einer türkischen Schule begründen. Nach einem Besuch in der Türkei steht nun der Gegenbesuch im Saarland an.

Neun Oberstufenschüler des Berufsbildungszentrums Völklingen-Heidstock bereiten sich gerade intensiv auf den Gegenbesuch türkischer Schüler vom Atatürk-Anadolu-Lisesi im westtürkischen Aydin vor. Die neun waren die ersten saarländischen Schüler, die eine Partnerschaft mit einer türkischen Schule begründen wollen. Im Oktober vergangenen Jahres waren sie in der 200 000-Einwohner-Stadt, die 50 Kilometer von der Ägäis entfernt liegt, eine Woche bei ihren gastgebenden Schülern und deren Familien untergebracht. Am 20. März landen die türkischen Gastgeber in Frankfurt, um dann in Völklingen und Umgebung saarländische (Schul-)Kultur kennen zu lernen.

„Wir haben ein großes positives Echo nach der SZ-Berichterstattung über unsere Klassenfahrt erhalten. Jetzt hat uns Bildungsminister Ulrich Commerçon am 25. März eingeladen, zusammen mit unseren türkischen Gästen über die neue Partnerschaft in seinem Ministerium zu sprechen“, sagte BBZ-Lehrer Kadir Cetin der SZ. Für die meisten der neun BBZ-Oberstufenschüler war die Reise nach Aydin eine Reise in eine weitgehend unbekannte Kultur. „Die Gastfreundschaft war überwältigend“, sagte Michael Schostock. Er sei von seinem Gastschüler und den Eltern abgeholt worden vor der Schule. Und dann habe es bei der Gastfamilie eine äußerst reichhaltiges Abendessen gegeben. In Büffetform war der Tisch mit kalten und warmen Speisen voll belegt. „Ich habe fast alles probiert und hatte in der Nacht Bauchschmerzen“, sagte Schostock. Und Tee mit Zucker gab es zu fast jeder Tageszeit. Andere berichteten von der großen Wärme auch nachts, die die Wolldecken in den Betten überflüssig machten. Jonas Dietrich wurde wie einige andere morgens um halb sechs vom Ruf des Muezzins geweckt, dessen Stimme über Lautsprecher und bei offenem Fenster in sein Schlafzimmer drang.

„Wir hatten gleich herausgefunden, wo unsere gemeinsamen Interessen liegen. Mein gastgebender Schüler und ich hören beide gerne Rap. Er kannte sogar deutsche Rapper“, sagte Dietrich. Die Verständigung zwischen den saarländischen und den türkischen Schülern sei meistens auf Englisch gelaufen. Zwar lernen die türkischen Schüler an ihrem Oberstufengyynasium Deutsch, aber die Saarländer im BBZ kein Türkisch. Die neun BBZ-Schüler waren bei relativ gut situierten Familien untergebracht, einige der Gastmütter waren Grundschullehrerinnen, die Gastväter teils pensionierte Armeeoffiziere. Sophie Gerten berichtete, dass die Nachbarschaft in Aydin sehr groß geschrieben wird. „Wir wurden von den Nachbarn meiner gastgebenden Schülerin abgeholt. Und beim Abendessen waren auch gleich Nachbarn mit dabei, die Fotos machten“, sagte Gerten.

Die Schulkultur am Atatürk Anadolu Lisesi ist für die Völklinger BBZ-Schüler recht überraschend gewesen. „Montags mussten alle 800 Schüler auf dem Schulhof antreten, dann wurde die türkische Flagge gehisst, die Hymne gesungen und der Schulleiter berichtete von den Wochenplänen“, erzählte BBZ-Lehrerin Julia Günther, die die Klassenfahrt zusammen mit dem Kollegen Cetin und der Kollegin Yesim Tasci begleitete. Am Freitag die gleiche Prozedur mit Flagge einholen. Zudem hänge in jedem Klassenzimmer ein gerahmtes Foto des Gründers der modernen Türkei, Kemal Atatürk. Jede Klasse verfüge über Smart-Boards, nur die Tische und Stühle seien noch 70er-Jahre-Stil.

Mit Besuchen im antiken Ephesos, der Kalksinterterrassen von Pamukkale oder der ehedem griechischen Stadt Sirince, wo 1923 tausende Griechen zwangsweise aus ihrer Heimat vertrieben wurden, gehörten zum Kultur-Programm. Wie die Begegnungen mit dem Bürgermeister Aydins und dem Bildungsminister der Region. Da die Region Aydin keine Hochburg der Erdogan-Anhänger sei, sondern eher liberal, habe die politische Großwetterlage mit den deutsch-türkischen Konflikten um Pressefreiheit und Menschenrechte keine Rolle gespielt bei ihrem Besuch, erklärte Cetin.

Statt dessen ging es um nachhaltige Ernährung. Besuche in einer Olivenölmühle oder einer Bäckerei, die die in Deutschland weitgehend unbekannte Süßwarenspezialität Helva aus Sesam und Zucker herstellt, gehörten ebenso zum Programm, das von der Robert-Bosch-Stiftung mitfinanziert wurde, wie ausgiebige Wochenmarktgänge. Beim gemeinsamen Kochen in einem Restaurant wurde auch eine Schafskopfsuppe zubereitet, die nicht nach jedermanns Geschmack war.

Begeistert war BBZ-Schülerin Anna Lena Butterbach vor allem von den Bekleidungsgeschäften und deren niedrigen Preisen. „Ich habe mir 50 coole schöne Teile gekauft auch Schuhe“, sagte Butterbach. Dabei profitierte sie wie ihre Mitschüler vom günstigen Umrechnungskurs zwischen Euro und der schwachen türkischen Lira. Offenbar passte alles noch in den Koffer.

„Jetzt wollen wir auch den türkischen Schülern etwas bieten. Saarbrücker Schloss und Ludwigskirche, das Völklinger Weltkulturerbe und die Grube Velsen, Trier, Luxemburg und Metz sind als Besuchsziele auf der Liste“, sagte BBZ-Lehrer Cetin. Ob sich das alles verwirklichen lasse, sei noch offen. Denn die Preise der Busunternehmen sind im Saarland wesentlich teurer als bei den türkischen Kollegen.

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