Virtuelles Mehrgenerationenhaus bringt im Saarland Jüngere und Ältere zusammen

Virtuelles Projekt in zehn Saar-Kommunen : Tablet-Kränzchen in Schwalbach

Ein virtuelles Mehrgenerationenhaus bringt Jüngere und Ältere zusammen. Projekt läuft jetzt in zehn Kommunen.

(dpa) Unterschiedlicher kann sich ein Internetkurs wohl nicht zusammensetzen. Mit einer 19-Jährigen, für die ein Leben ohne Smartphone kaum vorstellbar wäre. Mit einem Fernmeldetechniker, der sich per se für technische Dinge interessiert. Oder mit einer 79-Jährigen, die noch nie mit einem Computer zu tun hatte.

Aber es ist auch keine „normale“ Gruppe, die sich in Schwalbach (Kreis Saarlouis) zusammengefunden hat. Die Teilnehmer heißen auch nicht „Mitglieder“, sondern „Bewohner“. Denn seit September vergangenen Jahres leben die insgesamt 15 Menschen unterschiedlicher Altersstufen unter einem Dach – digital zumindest.

„Virtuelles Mehrgenerationenhaus“ heißt das Projekt, das die Landesmedienanstalt Saarland (LMS), das Medien-Netzwerk Saar-Lor-Lux und das saarländische Sozialministerium Anfang 2016 ins Leben gerufen haben. Sechs Modellkommunen beteiligen sich inzwischen daran, vier weitere sind jetzt dazustoßen.

Wer einen der Plätze erhält, wird mit Technik ausgestattet und mit Wissen versorgt, um im digitalen Zeitalter nicht den Anschluss zu verlieren. So erhalten die Teilnehmer nicht nur einen Tablet-PC, sondern lernen in Kursen auch, ihn richtig zu benutzen. Wie man Apps herunterlädt, Rezepte findet, Reisen bucht oder seine Daten schützen kann. Und vor allem: Wie sie über Messenger-Dienste und soziale Netzwerke in Kontakt bleiben können.

Das Ziel ist es, den Begegnungsraum vor Ort um interaktive Kommunikationsformen zu erweitern und den Menschen die Möglichkeit geben, sich im realen wie auch im virtuellen Leben generationenübergreifend miteinander zu vernetzen. Zudem sollen „die gesteigerten Anforderungen an jeden Einzelnen durch die Digitalisierung praxis- und alltagsnah vermittelt werden“, erläutert Medienanstalts-Direktor Uwe Conradt (CDU).

Die Kommunen profitierten in mehrfacher Hinsicht davon: Denn mittel- und langfristig könne die Nachbarschaftshilfe durch die generationenübergreifende Vernetzung der Einwohner deutlich gestärkt werden. „Auch dem gesamtgesellschaftlichen Problem der Verein­samung von Älteren und körperlich eingeschränkten Personen kann durch die hier stattfindende Integration entgegengewirkt werden“, sagt Conradt.

Sozial- und Familienministerin Monika Bachmann (CDU) betont, dass es nicht darum gehe, den persönlichen, direkten menschlichen Kontakt zu ersetzen. „Dieser ist und bleibt unersetzlich“, sagt sie. „Es geht uns vielmehr darum, zusätzliche Möglichkeiten des Kontakts zu eröffnen.“

Dass das funktionieren kann, lernt Inge Schneider gerade in ihrer Gruppe „VMGH Schwalbach“ kennen. Als Altenpflegerin hatte sie bislang „keine Geduld und keine Nerven“, sich privat mit einem Computer zu beschäftigen. Nun lebt die 65-Jährige seit vier Jahren in Schwalbach. Mithilfe des Projekts, so hoffte sie, könne sie als Rentnerin neue Kontakte knüpfen. Mit Erfolg: Mit vielen anderen „Bewohnern“ tauscht sie nicht nur ständig Nachrichten per Smartphone und Tablet aus, sondern trifft sich mit einigen auch ganz real zum Korbflechten, Gedächtnis-Training oder Kaffeetrinken.

Auch Roswitha Port, mit 79 Jahren die älteste in der Runde, ist begeistert von dem „Virtuellen Mehrgenerationenhaus“. Es sei ideal, um soziale Kontakte zu pflegen – auch innerhalb der Familie. „Am Telefon muss man oft warten, bis man jemanden erreicht hat. Übers Tablet geht es auch ohne Termine.“

Selbst die 19-jährige Lea Schmitt kann in dem Kurs noch etwas lernen: „Ich habe vielleicht mehr technisches Hintergrundwissen als die anderen“, meint sie. „Aber dafür haben die anderen mehr Lebenserfahrung. Es gibt viel, über das wir uns austauschen können.“ Der frühere Fernmeldetechniker Gunter Heckmann nimmt nicht nur neue Tipps zum Umgang mit Smartphone und Tablet mit, sondern lernt auch von dem Miteinander. Und noch etwas gefalle ihm gut: „Die Gruppe ist so zusammengewachsen, da ist nie jemand genervt.“

Die Projektkoordinatorin der Gemeinde Schwalbach, Anja Wrona, ist überzeugt von dem Konzept: „Ich fand die Idee von Anfang an genial, als ich gelesen habe, dass dies hier wirklich eine Gruppe ist, die zusammenwächst.“

Dass dies tatsächlich der Fall sei, könne sie bei den regelmäßigen Treffen und „Tablet-Kränzchen“ inzwischen immer wieder beobachten. Deshalb sei sie überzeugt, dass das „Virtuelle Mehrgenerationenhaus“ auch dann noch weiter mit Leben angefüllt sein werde, wenn die offizielle Begleitung durch die Landesmedienanstalt  zum Ende dieses Jahres ausläuft. Neue Bewohner sind willkommen.

(dpa)
Mehr von Saarbrücker Zeitung