1. Saarland

Vielleicht spielt da gerade der neue Kantor der Ludwigskirche

Vielleicht spielt da gerade der neue Kantor der Ludwigskirche

Dass das Vorstellungsgespräch für eine neue Stelle vor Publikum stattfindet, ist eher selten. In der Saarbrücker Ludwigskirche war das aber zwei Tage lang der Fall. Für die neu zu besetzende Kantorenstelle spielten die Bewerber öffentlich vor und mussten neben einer Komposition von Bach auch auf Zuruf Kirchenlieder interpretieren.

"Sechshundertvierundsechzig!", gibt Landeskirchenmusikdirektor Ulrich Cyganek vor. Dann herrscht lange Stille. Cyganek ruft es nicht laut, sagt es mehr in Richtung der Gemeinde, als hoch zur Empore. Dann Blätterrascheln, Geflüster von oben. Der Spannungsbogen überspannt, die Stille, die sich zwischen den beheizten Bänken der Saarbrücker Ludwigskirche einnistet, will unterbrochen werden. Die Atmosphäre gemischt aus gespannter Erwartung und innerer Unruhe, zwei Gemeindemitglieder in der vorderen Reihe wechseln einen fragenden Blick.

Dann die Erlösung: ein wildes, fantasievolles, furioses Instrumentalvorspiel. Mühelos füllt das gewaltige Instrument den Raum der Ludwigskirche aus. Das Spiel belebend, aber sehr frei interpretiert, virtuos, aber eilend. Mehr Jazz, als Vorbereitung auf einen Gottesdienst. An einigen Stellen wird gekichert.

Später wird eines der Gemeindemitglieder den Bewerber bewundernd fragen: "Wo nehmen sie nur diese Harmonien her?"

Das Auswahlkomitee um Superintendent Christian Weyer, das sich aus dem Presbyterium der Kirchengemeinde Alt-Saarbrücken und dem Kreissynodalvorstand zusammensetzt, wird keine leichte Entscheidung zu fällen haben, wenn sie die Kantorenstelle der Ludwigskirche neu besetzt. Aus ganz Deutschland haben sich vier Kirchenmusiker für die Stelle beworben. An zwei Tagen sind sie von der Evangelischen Kirche im Rheinland zu einem ganz besonderen Vorstellungsgespräch eingeladen worden.

"Vor Februar werden wir sicher zu keiner Entscheidung gekommen sein", sagt Christian Weyer. Schließlich sind die Anforderungen an die Bewerber hoch: "Der zukünftige Kantor muss auf hohe musikalische Qualität geprüft werden, außerdem soll er Kommunikationsfähigkeit zu verschiedenen Zielgruppen mitbringen", sagt Christian Weyer. Drei Choräle aus dem Gesangbuch sind vorzubereiten, jeweils drei oder vier Verse, jeder Durchgang hübsch variiert, sowie jeweils ein instrumentales Vorspiel dazu. Zudem sollten die Musiker ein bekanntes Stück Johann Sebastian Bachs und ein eigens ausgesuchtes Stück im Repertoire haben. Und dann gibt es da noch die Probe aufs Exempel: drei Gemeindelieder - auf Zuruf.

"Einhundertfünfundachtzig", sagt Landeskirchenmusikdirektor Cyganek jetzt in den Raum. Keine Wartezeit, kraftvoll, dynamisch ertönen die ersten Akkorde. Munter, aber akkurat. Mustergültig, aber belebt. 33 Besucher sind dieses Mal gefangen vom Klang, das Instrumentalvorspiel nimmt sie ein, alle setzen präzise zum Gemeindegesang ein. Wieder einander suchende Blicke. Möglicherweise spielt dort oben gerade der zukünftige Kantor der Ludwigskirche Saarbrücken.