1. Saarland

Verein macht verschollene Soldaten-Sterbeakten wieder zugänglich

Sterbeakten wieder zugänglich : Napoleons vergessene Soldaten

Der Verein für Landeskunde hat verschollene Sterbeakten digitalisiert. Eine Datenbank wird am Samstag freigeschaltet und öffnet neue Wege der Familienforschung.

Der Anruf kam aus Berlin und ging nach Spiesen-Elversberg: „Hier liegen tausende Totenzettel aus deiner Region“, hörte Stephan Friedrich 2015 von einem flüchtigen Bekannten. Als Friedrich – ein landesgeschichtlich interessierter Pädagoge und Autor – kurz darauf selbst im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz die Dokumente aus napoleonischer Zeit einsah, bemerkte er: Seine Unterschrift war die zweite auf dem Ausleihzettel. Die zweite in zweihundert Jahren. Friedrich wusste sofort: Er war auf einen ungehobenen Schatz gestoßen, auf Namen von Menschen, die im Dunkel der Geschichte versackt waren, die nun auf Militär-Sterbezetteln wieder auftauchten, 7848 an der Zahl. Es waren und sind Männer aus zwei Départements der linksrheinischen Region – dem Département du Mont-Tonnerre und dem Département de la Sarre –, die zwischen 1800 und 1815 für Napoleon in ganz Europa starben.

Mit Hilfe des Vereins für Landeskunde und Unterstützung traten die Dokumente den Weg ins Saarland an, wurden fotografiert und wieder zurückgeschickt, dann digitalisiert. Und ab Samstag werden sie öffentlich. Dann schaltet der Verein für Landeskunde im Saarland auf seiner Webseite eine Datenbank frei, in der Privatleute recherchieren können. Minister Reinhold Jost (SPD) gibt dafür den Startschuss: 7848 bisher nicht veröffentlichte genealogische Informationen gehen online. „Tausende Nachkommen der damaligen Familien aus dem linksrheinischen Bereich sind betroffen“, sagt der Vereinsvorsitzende Friedrich Denne. Vermutlich seien aufgrund der Kriegswirren die Militär-Sterbe-Zettel nicht mehr an die örtlichen Standesämter versandt worden. Außerdem kamen nach 1815 die Preußen in die Region. Bis heute fehlen die Sterbeurkunden also in den kommunalen Registern: „Sie bilden eine bisher unbekannte neue Quelle für die Familiengeschichtsforschung in Rheinland-Pfalz und dem Saarland“, so Denne.

Hat einen historischen Schatz entdeckt: Projektleiter Stephan Friedrich. Foto: Markus Dawo Foto: Markus Dawo

Bis zu diesem Erfolg war es ein beschwerlicher Weg, der nicht zu Ende gegangen werden konnte. Denn der Verein hatte ursprünglich vor, alle Sterbezettel zu übersetzen. Dieses Vorhaben erwies sich für die rein ehrenamtlich arbeitende 15-köpfige Projekt-Gruppe aufgrund der Masse für nicht bewältigbar. Vordringlich die Ortsnamen bereiteten Probleme. Die Soldaten hatten in den Hospitälern offensichtlich mundartlich gefärbte Angaben gemacht, die nach Gehör in „kreativer Schreibweise“ (Friedrich) aufgeschrieben wurden. „Dingmatt“ lässt sich auch heute noch ganz gut als St. Ingbert identifizieren, aber um in „Ensem“ Ensheim zu erkennen oder in „Sengschd“ Sengscheid, braucht es viel Phantasie. Oder besser: Recherche-Geduld. Die reichte bei den Projektteilnehmern trotzdem für 2900 Sterbezettel. Der Rest soll sich individuell komplettieren, die Datenbank ist prozesshaft angelegt.

Was wird, unabhängig von Familienforschung, damit erreicht? Emotional greifbar wird laut Projektleiter Friedrich, „wie eng wir mit Frankreich verbunden waren“. Man entreiße den Tod tausender junger Männer – die meisten kaum älter als 20 Jahre alt – der Anonymität: „Mit der Aufarbeitung der Dokumente geben wir ihnen ihre Ehre zurück. Sie sind nicht mehr in der Geschichte verloren.“ Doch auch der Soldatenalltag in napoleonischer Zeit rückt durch die Berliner Entdeckung hierzulande stärker in den Fokus. Die Männer starben nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in Militärhospitälern, sei es in Algier, Stettin oder Paris. In 80 Prozent der Fälle vermerkten die Ärzte Fieber als Todesursache. Darunter wurde vom Fleckfieber bis zum Wundfieber alles nur Erdenkliche subsumiert. „Viele Männer waren, schon bevor sie in die Schlacht zogen, körperlich in einem erbärmlichen Zustand“, sagt Friedrich, der sich zu einem Experten für Soldatenschicksale entwickelt hat. Die Rekrutierten marschierten, wie er berichtet, zu Fuß bis zu ihren Regimentern, beispielsweise von Ottweiler an die Côte d’Azur. Jeden Tag 20 Kilometer, bei mieser Verpflegung. Nachts blieben sie oft ohne Dach über dem Kopf. Friedrich beschäftigt sich intensiv auch mit Augenzeugen-Berichten, die vom Elend, nicht vom Glanz der Grande Armée künden. Wie der Brief vom 25. Juli 1812 aus dem Lübecker Spital von Emanuel Ziegler an seine Frau, die in der Nähe von Edenkoben lebte: „Ich hab vieles ausgestanden, Got weis, mir haben oft auf mein Ent gewart, aber ich habe mich doch wider erholt, Got sei es gedank(t), wiewoll es were besser gewesen vor beyder Seid, wenn ich gestorben were, (...) wenn ich aus dem Spital gehe, so hab ich weni(g)stens 3 huntter(t) Stund zu magen vor die armee anzuträfen, denn sie sein in Rusbollen, das ist ein betriebtes Lant, das bin ich noch bekannt von 5 bis 6 Jahr her, da hab ich Noth genug darin geliden, das mich die Leisse balt ausgezärt haben, da gehe ich nicht gern hien, doch ich mus, in Gottes namen, ich kan’s nicht endern. (…)“.

Der Totenschein von Jean Louis Bruch aus Saarbrücken. Foto: Totenschein von Jean Louis Bruch aus Saarbrücken, Sarre

Seit 1798 bestand in Frankreich eine allgemeine Wehrpflicht für Über-20-Jährige, doch die Rekrutierung lief nicht flächendeckend. Die von Napoleon angeforderten Kontingente wurden auf die Départements runtergebrochen, und es gab viele Ausnahmen. Wehruntüchtig war zum Beispiel derjenige, dem die Vorderzähne fehlten. Der Grund: Die Pulverpäckchen wurden mit den Zähnen geöffnet und ins Gewehr gefüllt, dessen Bedienung zwei Hände nötig machte.

Zwischen 1804 und 1813 wurden insgesamt 2,3 Millionen französische Staatsbürger eingezogen, mehr als 400 000 sollen getötet worden sein. Das war eine höhere Todesrate als später im Ersten Weltkrieg.

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