Saarbrücken: Verband will Stigmatisierung der Sinti beenden

Saarbrücken : Verband will Stigmatisierung der Sinti beenden

Den rund 3000 Sinti und Roma im Saarland begegnen im Alltag noch immer Vorurteile. Sie sind am Freitag Thema bei einer Tagung zur Erinnerungsarbeit an der Saar-Universität.

Die Vorurteile wirken bis heute. „Ich wurde schon gefragt, in welchem Wald ich meinen Wohnwagen stehen habe. Ich besitze gar keinen Wohnwagen“, sagt Diana Bastian, Vorsitzende des Landesverbands der Sinti und Roma im Saarland. Immer wieder und immer noch begegneten ihr und den anderen etwa 3000 Sinti und Roma im Saarland solche Fragen von ihren Mitmenschen im Alltag. Deshalb sei es so wichtig, sagt Bastian, über die Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten zu berichten und die Erinnerung wachzuhalten.

Bastian gestaltet eine Arbeitsgruppe beim Tag der Erinnerungskultur am Freitag ab 9 Uhr im Historischen Institut der Saar-Uni. Es ist die zweite größere Veranstaltung der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Erinnerungsarbeit nach dem Zug der Erinnerung durch Saarbrücken am 9. November 2018, mit dem an die Reichspogromnacht erinnert wurde.

Die seit Oktober unter dem Vorsitz von Frank-Matthias Hofmann (Leiter evangelisches Büro Saarland) arbeitende LAG hat es sich zum Ziel gesetzt, die NS-Geschichte im Saarland aufzuarbeiten und die Erinnerung an den Terror auch nach dem Tod der letzten Zeitzeugen wachzuhalten. In der Saar-Uni werden vor allem Lehrerinnen und Lehrer an der Veranstaltung teilnehmen.

Diana Bastian sagt, dass sie selbst bereits als Kind an der Schule diskriminiert und stigmatisiert worden sei wegen ihrer Zugehörigkeit zu den Sinti und Roma. Ihre Familie sei dann von Bayern nach Kirkel umgezogen. „Man darf niemanden an den Pranger stellen“, betont Bastian, die heute in Zweibrücken lebt. Die Demokratie stehe auf wackeligen Beinen. Die Wahlerfolge bestimmter Parteien sprächen eine deutliche Sprache. „Ich nenne keine Namen, aber wir wissen alle, wovon wir reden.“ Antiziganismus und Antisemitismus hätten sich wieder ausgebreitet. „Wir wollen einfach nur zeigen: Leute schaut, wir sind Menschen wie Du und ich, wie jedermann“, betont Bastian.

Die Sinti und Roma seien mit etwa 70 000 Mitgliedern die größte Minderheit in Deutschland. „Seit ich diese breitere Öffentlichkeitsarbeit mache, sind mir auch soziale Kontakte weggefallen. Da wurde mir dann gesagt, es sei ihnen nicht bewusst gewesen, dass ich dieser Minderheit angehöre“, sagt Bastian, die in der Schmuckbranche tätig ist. Das seien dann traurige Erfahrungen. Wenn sie erlebe, dass es 74 Jahre nach Ende der Nazi-Herrschaft immer noch so sei, dass niemand Sinti und Roma als Nachbarn haben wolle.

Es gelte, in der Erinnerungsarbeit an die Verbrechen der Nazis auch jener zu gedenken, die in Deutschland Zivilcourage gezeigt und Sinti und Roma vor der Verschleppung in die Gaskammern gerettet und versteckt hätten. „Das kommt mir bis heute zu kurz“ , so Bastian.

Sie strebe die Einrichtung der Stelle eines Antiziganismusbeauftragten im Saarland an, analog zu der Stelle des Antisemitismusbeauftragten, die als erster seit Jahresanfang Professor Roland Rixecker (SPD) bekleidet. Diana Bastians Sohn Patrick, der den Landesverband der Sinti und Roma im Saarland managt, sagt, man habe Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) gebeten, die Einrichtung einer Geschäftsstelle des Landesverbands finanziell zu unterstützen. Es gehe dort um die Beratungsarbeit und die Projekte des Landesverbands. „Das wird immer mehr: Sowohl die Projekte als auch der Handlungsbedarf im Saarland“, betont Patrick Bastian.

Diana Bastian sagt, ihr Landesverband sei nicht nur Gründungsmitglied bei der LAG Erinnerungsarbeit, sondern auch beim Landesjugendnetzwerk Vielfalt. „Es gibt viele alte Sinti, die sind Analphabeten, da sie damals nicht in die Schule gehen durften“, berichtet Bastian. Da fahre sie oft längere Strecken zu den Betroffenen, nur um einen Brief durchzulesen. Der Rassismus sei leider erstarkt. Sie werde häufig angerufen, dass an Campingplätzen Schilder hängen würden mit der Aufschrift: „Sinti und Roma haben hier keinen Zutritt. No Gypsys!“ Da habe der Landesverband geklagt, das Verfahren laufe.

Diana Bastian kann also ihren Zuhörern im Workshop am Freitag leider auch Erinnerungen anbieten, die noch ganz frisch sind. Ihr Ziel sei es, wenn die Lehrer sie nach dem Tag der Erinnerungskultur einladen würden, an ihre Schulen zu kommen. „Ich will in den Köpfen der Schüler etwas bewegen“, sagt Bastian. Sie habe an ihrer ersten Schule gar nicht das Alphabet lernen dürfen, sondern sei zum Malen verdonnert worden. „Ich wollte, dass meine Kinder das nicht erleben müssen.“ Deshalb habe sie ihre Familie abgeschirmt, um ein normales Leben führen zu können. „Dafür ist unser Verband da. Um die Stigmatisierung zu beendenˋ“, sagt Diana Bastian.

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