1. Saarland

"Unser Leben dreht sich um Oma"

"Unser Leben dreht sich um Oma"

Überherrn. Katharina Bro sitzt gern am Wohnzimmerfenster. "Hier habe ich alles im Blick", sagt die 87-Jährige und krault den Familienhund, der oft an ihrer Seite sitzt. Wie ihr Gefährte heißt? "Das weiß ich nicht mehr." Die Demenz hat ihr Leben verändert - und das ihrer Familie

Überherrn. Katharina Bro sitzt gern am Wohnzimmerfenster. "Hier habe ich alles im Blick", sagt die 87-Jährige und krault den Familienhund, der oft an ihrer Seite sitzt. Wie ihr Gefährte heißt? "Das weiß ich nicht mehr." Die Demenz hat ihr Leben verändert - und das ihrer Familie. "Das ist doch Dasti, Oma", sagt der 56-jährige Josef Bro, der seine Mutter in seiner Familie in Überherrn-Altforweiler seit vier Jahren pflegt, weil sie sich seither nicht mehr allein versorgen kann. Die Situation sei nicht einfach, meint Bro, "aber ich kann es mir nicht anders vorstellen".

Die Alternative wäre eine Heimunterbringung. "Das will ich nicht", sagt der Sohn, der zurzeit in Rente auf Zeit ist, während seine Frau Ulrike arbeitet. Auch Sohn Matthias (15) lebt mit im Haus, Tochter Caroline (26) studiert in Trier. "Wegen der Demenz braucht Oma eine Rundum-Betreuung, die kann ein Heim ja gar nicht bieten", meint Bro. Und so verzichtet die Familie auf längeren Urlaub oder spontane Ausflüge. "Unser Leben dreht sich jetzt um Oma."

Wie Katharina Bro werden im Saarland laut Sozialministerium rund 22 000 Pflegebedürftige daheim versorgt, das sind knapp 70 Prozent aller Betroffenen. Finanziell und organisatorisch sei die häusliche Pflege eine Herausforderung, sagt Bro. "Wenn ich wieder arbeiten würde, müsste Oma ja ins Heim." Dass er seine Mutter nun täglich pflegt, empfindet er dagegen als selbstredend: "Früher hat sie mich versorgt, jetzt ist es eben umgekehrt."

Aber anstrengend ist es, vor allem wegen der Demenz. Bro kann seine Mutter kaum aus den Augen lassen, sonst wird sie unruhig. Orientierungslosigkeit und Unruhe sind Demenz-Symptome, wie die Vergesslichkeit. Seine Mutter nimmt Medikamente, die ihre Krankheit aufhalten, aber nicht heilen können. Um ihre körperliche Pflege kümmern sich Josef Bro und ein ambulanter Pflegedienst, der aus Leistungen der Pflegekasse bezahlt wird. Aber 440 Euro monatliches Pflegegeld für die Pflegestufe II seiner Mutter seien "eigentlich zu wenig", meint Bro. Dazu kämen zwar weitere Einkommen, "aber es geht am Ende des Monats nicht auf". Pro Quartal fallen allein 1200 Euro für Medikamente an.

Eine weitere Herausforderung der häuslichen Pflege: Mit dem Verlust von Selbstständigkeit umzugehen, mit der Umkehrung gewohnter Rollen. "Mir macht es nichts aus, Oma zu waschen", sagt Josef Bro, "aber ihr schon." Für eine Entlastung aller Beteiligten sorge ein Ortswechsel jeden Sonntag. "Der Demenzverein Saarlouis holt Oma ab und sie verbringt dort den Tag." Bro ist im Vorstand des Vereins, der "eine große Hilfe" sei. Dort habe er gelernt, mit der Krankheit der Mutter richtig umzugehen. Und so bindet er Oma so gut es geht in jeden Pflege-Tag ein. "Wir kochen zusammen oder sie legt die Wäsche zusammen." Das schafft Katharina Bro routiniert, wie früher. Manchmal, in "lichten Momenten", werde es schlimm, sagt ihr Sohn. "Dann sagt sie 'Ich bin so leer im Kopf und weiß nichts mehr', weint und will nach Hause." Aber die Momente vergehen. Und dann geht es weiter, sagt Josef Bro. "Es muss ja."Foto: Ruppenthal