1. Saarland

Und die Dolmetscherin heißt wohl Vera

Und die Dolmetscherin heißt wohl Vera

St. Johann. Wenn es eine Kunst wäre, vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen, dann wäre Hans Gerhard schon alleine deshalb ein ganz großer Künstler. Das wirklich Gute an dem Mann ist allerdings, dass er es schafft, diese Kunst des geistigen Herumirrens, seine Gedankensprünge lesbar zu machen. Das geht dann etwa so: Da gibt es einen Mann namens Lou Reed

St. Johann. Wenn es eine Kunst wäre, vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen, dann wäre Hans Gerhard schon alleine deshalb ein ganz großer Künstler. Das wirklich Gute an dem Mann ist allerdings, dass er es schafft, diese Kunst des geistigen Herumirrens, seine Gedankensprünge lesbar zu machen.Das geht dann etwa so: Da gibt es einen Mann namens Lou Reed. Der lebt in New York, genauer: in Brooklin. Der ist Musiker. Und der große New Yorker Schriftsteller Paul Auster hat einen "Viertelbeweihräucherungsfilm, eigentlich sogar zwei" gemacht - über Brooklyn.

In Saarbrücken, das ja ab und zu auch Saarbrooklyn genannt wird, gibt es auch einen nicht ganz unbekannten Musiker, nicht aus New York, aber immerhin aus Amerika: Lee Hollis. Der ist Punkrocker und schreibt Kurzgeschichten und zapft Bier "in einer der dunkelsten Kneipen in der Gegend", dem Nauwieser Viertel. Und wenn er so durch Deutschland komme, schreibt Hans Gerhard, dann sei das so: "Jeder kennt Lee und beneidet das Nauwieser Viertel darum, dass Lee dort lebt." "Und jetzt beweihräuchere ich das Viertel, in dem er lebt."

Das Ganze hochoffiziell. Hans Gerhard ist seit August vom Stadtrat damit beauftragt, eine Dokumentation übers Nauwieser Viertel zu erarbeiten. Dass nicht alles, was er da so "dokumentiert", auch wirklich wahr ist, hat er schon in seiner Bewerbung klargemacht. Keiner aus der Reihe der städtischen Kulturpolitiker solle später sagen können, dass er von nichts gewusst habe.

24 Texte hat Hans Gerhard seinen Auftraggebern zugesagt. Zwölf davon seien "total fertig", sechs immerhin "halb fertig". Und weil es ja noch ein paar Monate hin sind bis zum Ende seiner Amtszeit als Viertel-Chronist, wähne er sich auf einem guten Weg, versicherte der Autor, der auch Rechtsanwalt ist, bei der Präsentation eines "Zwischenergebnisses" am Dienstagabend im Theater im Viertel.

Zuversichtlich ist der Schriftsteller auch, dass es klappt, mit einem Zuschuss der Stadt die Geschichten in einem "Druckwerk" zu vereinen. "Druckwerk" ist das Stichwort, das sich der Schreibende und Vorlesende selbst gibt, um für alle, die so was womöglich nie oder selten gesehen haben, ein zerfleddertes Taschenbuch von beträchtlichem Umfang hochzuhalten.

Er sei schließlich keiner von denen, die "Stipendien verfrühstücken". Er liefere auch etwas fürs Geld. Zum Beispiel die Erkenntnis: "Man spricht ja gerne von Zeitfenstern, um auszudrücken, dass man bald tot ist." Oder die Frage: "Wie können es sich diese blöden Amis eigentlich leisten, so überhaupt keinen Standpunkt zu vertreten, sondern einfach nur ihren Job zu machen?"

Die Geschichte mit Lee und Lou falle in die "Kategorie total wahr", versichert Hans Gerhard. Den russischen Zwangsarbeiter, den er in einer Nauwieser-Viertel-Werkstatt während des Kriegs von zwei Einbeinigen bewachen lässt, hat es dagegen nie gegeben. Aber so, wie er es beschreibt, hätte es natürlich doch gewesen sein können. Das ist künstlerische Freiheit und ein weiteres Brett für Sprünge vom Hölzchen aufs Stöckchen - und hin zu einer russischen Dolmetscherin, die gut aussieht und das alles, so will es Hans Gerhard in einer seiner Geschichten, 60 Jahre später übersetzt, die es auch nicht wirklich gibt, und die wahrscheinlich Vera heißt.