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Höhere Zustimmung als in der Türkei
Türken in der Region stimmen klar für Erdogan

Erdogan lässt sich nach seinem Sieg in Ankara feiern. Auch in Deutschland gab es großen Jubel.
Erdogan lässt sich nach seinem Sieg in Ankara feiern. Auch in Deutschland gab es großen Jubel. FOTO: dpa / Uncredited
Saarbrücken/Mainz/Berlin. Das starke Ergebnis des türkischen Präsidenten in Deutschland irritiert und schockiert die Politik. Was ist bei der Integration schiefgelaufen?

Fast zwei Drittel der wahlberechtigten Türken in der Region haben bei der Präsidenten- und Parlamentswahl für Amtsinhaber Recep Tayyip Erdogan gestimmt – deutlich mehr als in seiner Heimat. Mainz, wo die meisten Türken aus dem Saarland ihr Votum abgaben, lag mit 64,5 Prozent im Mittelfeld der Ergebnisse der 13 deutschen Wahllokale. Die größte Zustimmung erhielt Erdogan in Essen, wo 76,3 Prozent für ihn votierten und nur 13,2 Prozent für den Hauptkonkurrenten Muharrem Ince.


Rund 1,44 Millionen Türken waren in Deutschland zur Wahl aufgerufen, allerdings gab nur etwa jeder Zweite seine Stimme ab. Nach Auszählung aller Stimmen kam Erdogan hierzulande auf 64,78 Prozent – bei einem Gesamtergebnis von 52,59 Prozent. Die starke Unterstützung für den umstrittenen Machthaber löste gestern prompt eine neue Integrationsdebatte aus. Der frühere Grünen-Chef Cem Özdemir kritisierte das Wahlverhalten scharf. „Die feiernden deutsch-türkischen Erdogan-Anhänger jubeln nicht nur ihrem Alleinherrscher zu, sondern drücken damit zugleich ihre Ablehnung unserer liberalen Demokratie aus. Wie die AfD eben“, sagte er.

Union und FDP machten ebenfalls Versäumnisse bei der Integrationspolitik aus. Erdogan hatte schon bei früheren Abstimmungen deutlich mehr Rückhalt bei den Türken in Deutschland als bei denen zu Hause. CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer sagte dazu: „Das lässt Rückfragen auch zu über die Frage, inwieweit es wirklich in der Vergangenheit gelungen ist, dass sich diese Bürgerinnen und Bürger vor allen Dingen und in erster Linie auch als deutsche Staatsbürgerinnen und Bürger fühlen und weniger als türkische.“



Die Linke gab der Bundesregierung eine Mitschuld an dem Wahlergebnis, weil sie Erdogan mit ihrer Außenpolitik gestärkt habe. Die Türkische Gemeinde warnte aber vor Pauschalkritik. „Deutsche Politiker machen es sich zu leicht, wenn sie Erdogans Anhänger in Deutschland als Integrationsverweigerer abstempeln. Sie sollten selbstkritisch nach ihrem eigenen Anteil daran fragen, dass eine seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Gruppe im Staatschef eines anderen Landes ihren Anführer sieht“, erklärte der Vorsitzende Gökay Sofuoglu.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) rief Erdogan gestern unterdessen auf, so schnell wie möglich den Ausnahmezustand aufzuheben. Ein solcher Schritt könnte „das Verhältnis zwischen der Türkei und Deutschland, aber auch zwischen der Türkei und Europa“ verbessern, sagte der Saarländer. „Das wäre ein erstes, aber wichtiges Signal.“