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Jobcoaching
Autist und arbeitslos? Das muss nicht sein

 So nicht – Ordnung ist das ganze Arbeitsleben, das gilt für viele Autisten. Ihre Leistungen für den Arbeitsmarkt werden immer noch weitgehend unterschätzt.
So nicht – Ordnung ist das ganze Arbeitsleben, das gilt für viele Autisten. Ihre Leistungen für den Arbeitsmarkt werden immer noch weitgehend unterschätzt. FOTO: dpa-tmn / Andrea Warnecke
SaarLouis/Homburg. Rund 6500 erwachsene Autisten leben im Saarland. Viele sind gut ausgebildet und finden trotzdem keine Stelle. Das Autismus-Therapie-Zentrum Saar bietet jetzt Jobcoaching an – und startet heute mit einer Informations-Kampagne. Von elss und Cathrin Elss-Seringhaus

Alles, was mit Systematik und Routine zu tun hat, liegt Autisten. Sie sind die Besten, wenn es darum geht, Fehler zu finden. Was andere als Monotonie ablehnen, entlastet sie. Für manche Jobs sind ihre Fähigkeiten geradezu ideal, nicht nur in der IT-Branche, auch im Kaufmännischen. Trotzdem sind laut einer Regensburger Studie 85 Prozent der Autisten arbeitslos, und nur fünf Prozent finden eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt. Unter Autimus versteht man, grob gesagt, eine Entwicklungsstörung, die etwa zu Problemen beim sozialen Umgang und Austausch führt.


Dennoch, sagen Studien, ist jeder dritte Autist ist für seine aktuelle Tätigkeit zudem überqualifiziert. Der Verband „Autismus Saarland e.V“ und das Autismus-Therapie-Zentrum Saar wollen das ändern. Sie treten an, um mehr Autisten in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln und haben Dienstleistungsangebote entwickelt, sowohl für Autisten selbst wie auch für Arbeitgeber. Heute laden sie zu einer Info- und Auftaktveranstaltung in die Arbeitskammer des Saarlandes ein. Das Motto der Tagung: „Typisch untypisch“ – Menschen im Autismusspektrum in der Arbeitswelt“.

Beim Autismus-Therapie-Zentrum in Saarlouis (mit Nebenstelle in Homburg) wird bereits seit einem Jahr die Beratungs- und Vermittlungsstelle „connect 2“ für betriebliche Inklusion getestet. Projektleiter Christoph Giloi hat im vergangenen Jahr nach eigenem Bekunden 43 Menschen beraten, davon fanden zwei eine Stelle. „Autisten wären am liebsten ganz normale Arbeitnehmer“, sagt er. Freilich gelingt das nur mit Ausnahmeregelungen.  Denn eine Unterbringung im Großraumbüro kommt wegen der  Reizüberempfindlichkeit der Autisten nicht in Frage, auch sind soziale Kontakte nicht ihre Stärke. Zwischenmenschliche Konflikte, nicht etwa Beschwerden über Leistungsdefizite,  bedeuten für Autisten das größte Arbeitsplatz-Risiko. Sprich, die Unterbringung in einem Einzelbüro empfiehlt sich sowie Aufgaben, die kein kommunikationsintensives Teamwork erfordern. Dann läuft’s.



 Christoph Giloi kümmert sich im Autismus-Therapie-Zentrum um neue Angebote.
Christoph Giloi kümmert sich im Autismus-Therapie-Zentrum um neue Angebote. FOTO: Michael Besserdich

„Wir haben mit der Arbeitgeberseite sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt Giloi. Bei der heutigen Veranstaltung in der Arbeitskammer ist deshalb auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) mit von der Partie. Deren Geschäftsführer Dr. Carsten Meier räumt ein, dass bisher Menschen mit Autismus vor allem in Nischen in der Forschung oder in der IT-Branche angestellt würden. Dabei lohne es sich, sie für ein viel  breiteres Tätigkeitsfeld als potentielle Mitarbeiter ernsthaft in den Blick zu nehmen: „Dies sollte eine Selbstverständlichkeit sein, wird aber gerade in Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels noch wichtiger. Ich habe aber den Eindruck, dass sich die Arbeitswelt auch an dieser Stelle verändert und die Betriebe zunehmend das vielfältige Potenzial von Menschen mit Handicaps erkennen und ihnen Chancen bieten.“

Dass der Blick auf Autisten im Wandel ist, bemerkt auch die Geschäftsführerin des Autismus-Therapie-Zentrums, Anne-Rose Kramatschek-Pfahler.  „Wir bewegen uns weg von der Defizitorientierung hin zur Stärkenperspektive. Viele Menschen mit Autismus werden immer noch in Behindertenwerkstätten beschäftigt, aber das ist eine Unterforderung. Diese Menschen erleben es als Ausgrenzung. Doch die meisten schaffen den Weg in eine Festanstellung nicht, und wenn, dann nur mit viel Unterstützung.“  Und die bekommen Autisten jetzt von einem neuartigen Jobcoaching-Service des Autismus-Therapie-Zentrums. Zuständig ist ebenfalls Giloi. Er bietet Begleitung zu Bewerbungs-Gesprächen an, gibt Tipps zur Arbeitsplatzgestaltung und zum Büro-Alltag. 

Die Autisten selbst können bei verschiedenen Kostenträgern einen Förderantrag stellen, etwa bei der Arbeitsagentur, dem Integrationsamt oder bei der Rentenversicherung. Denn sie werden in der Regel als Menschen mit Schwerbehinderung eingestuft. Statstische Erhebungen und verlässliche Zahlen zu ihrem Erwerbsleben sind allerdings rar. Fest steht, dass ihre Erwerbsquote (40 Prozent) noch unter der von Schwerbehinderten liegt. Langzeitarbeitslosigkeit und Frühverrentung sind das Schicksal der Mehrheit.

Im Saarland leben – geschätzt – rund 9961 Betroffene, davon sind etwa 6500 im erwerbsfähigen Alter. Das Autismus-Therapie-Zentrum betreut derzeit 57 erwachsene Menschen. Dies zeigt., welches Potenzial noch zu heben wäre. Die Agentur für Arbeit nimmt deshalb ebenfalls an der heutigen Veranstaltung teil. Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Saarland, Jürgen Haßdenteufel, erwartet, dass „diese Behinderung in der öffentlichen Wahrnehmung präsenter gemacht wird“. Die Chancen der direkt beim Therapie-Zentrum angedockten Vermittlungsstelle „connect 2“ schätzt er hoch ein: Man kenne dort die Betroffenen häufig schon seit ihrer Kindheit und wisse, „wo ihre Stärken liegen“.  Dem Jobcoaching für Autisten im Betrieb misst er einen „ganz hohen Stellenwert“ zu: „Mögliche Vorbehalte lassen sich bekanntermaßen am besten in persönlichen Gesprächen, auch mit den zukünftigen Kollegen, klären.“

Infos: Bei Christoph Giloi, Saarbrücker Straße 116, 66424 Homburg, Telefon: (06841) 6870374; giloi@autismuszentrum-saar.de mobil: