1. Saarland

Tholeyer Bruderschaft gerät im Streit um Nordportal der Abtei unter Druck

Tholeyer Denkmal-Streit : „Denkmalfrevel“ darf nicht toleriert werden

Landesdenkmalrat und Historisches Museum Saar mischen sich ein in den Streit zwischen der Denkmalbehörde und der Tholeyer Bruderschaft.

Wenn zwei sich streiten, hat das mitunter exemplarischen Charakter. Das meint jedenfalls der Direktor des Historischen Museums Saar, Simon Matzerath, bezüglich des Konfliktes zwischen Landesdenkmalamt und Tholeyer Bruderschaft – und mischt sich ein. Es geht, wie von der SZ berichtet, um millionenteure Renovierungsarbeiten an der frühgotischen Kirche St. Mauritius, einer der ältesten Kirchenbauten Deutschlands. Die Mönche haben ohne Genehmigung der Denkmalschutzbehörde einen massiven Eingriff am Nordportal vorgenommen. Wer hart sein will, nennt das Denkmalfrevel.

Matzerath vermeidet diesen Begriff. Er argumentiert kulturpolitisch, grundsätzlicher: „Wir fühlen uns mitverantwortlich für die Bewahrung des kulturellen Erbes des Saarlandes“, sagt er der SZ, und letzteres sieht er durch das eigenmächtige Vorgehen des Bauherren in Tholey nachhaltig beschädigt. Bekanntlich ließ die Bruderschaft die ihrer Meinung nach total verwitterten und unansehnlichen Rundbogen-Verzierungen (Archivolten) über dem Kircheneingang abmontieren und einlagern. Die Begründung: Stabilitäts-Probleme, aber auch religiöse Erwägungen. Denn die Bruderschaft wünscht sich etwas, „das das fromme Auge erfreut“. So drückt es der für Pressearbeit zuständige Bruder Wendelinus aus. Man kämpfe für eine bessere „Lesbarkeit“ der Szenen, favorisiere „Nachschöpfungen“, sprich Kopien, oder wolle zumindest Ergänzungen. Ein aus Bauherren-Sicht verständliches Anliegen, doch es kollidiert mit der Forderung des Landesdenkmalamtes, die abmontierten Bögen wieder anzubringen. Immerhin wurde ein Moratorium verabredet, während dessen der Leiter der Denkmalbehörde, Georg Breitner, ein Konzept erarbeitet, wie der Wiedereinbau überhaupt vonstattengehen könnte und wie viel er kostet.

Wie stark gefährdet das Portal bereits seit Jahren ist, belegt ein Gutachten des Instituts für Steinkonservierung (Mainz) aus dem Jahr 2007, das der SZ vorliegt: Das Tholeyer Nordportal sei „ein Fall von mehr als hundertjähriger Untätigkeit“ in Sachen Erhalt, heißt es dort. „Die Schäden sind bereits so weit fortgeschritten, dass die ikonografische Darstellung nur unvollständig ablesbar ist.“ Just diesen Zustand wollten die Mönche beenden. Dem Vernehmen nach wurde bereits ein neues Portal entworfen, das jedoch keine originalgetreue Rekonstruktion darstellt. Doch für Denkmalschützer ist eine Neuinterpretation ein Unding, zumal das Original noch vorhanden ist.

„Es gibt zum Rückbau keine Alternative“, sagt denn auch der Saarbrücker Museumschef Matzerath: „Ein gotisches Portal ist eine Einheit. Es muss in den Urzustand zurück.“ Wenn die Mönche mit ihrer Vorgehensweise, Fakten zu schaffen, durchkämen und ihre Neugestaltungs-Wünsche durchsetzten, hätte dies für Nachfolge-Sanierungsprojekte eine fatale Signalwirkung. Matzerath erklärt sein Engagement damit, dass es im Interesse seiner Einrichtung liege, die Öffentlichkeit für den Erhalt des kulturellen Erbes zu sensibilisieren. „Es geht nicht nur um die Akzeptanz und die Entdeckung des Wertes von Kulturgut, sondern auch darum, das Niveau im Umgang damit zu verbessern.“

Auch vom Landesdenkmalrat kommt harsche Kritik: „Wir sprechen hier über die Zerstörung eines Kulturdenkmals, selbst wenn die Bögen wiederangebracht werden“, sagt der Vorsitzende des Gremiums, Henning Freese, der SZ. Das Vorgehen der Bruderschaft sei „einmalig in der Bundesrepublik“. Klöster seien in der Geschichte die Hüter und der Hort unserer Kultur gewesen, nun ereigne sich ausgerechnet in einem Kloster eine solche „Katastrophe“. Andererseits zeigt sich Freese zufrieden darüber, dass zwischen Landesdenkmalamt und Bruderschaft „der Gesprächsfaden wiederaufgenommen wurde“. Nun müssten Fachleute ran, um „die Wunde im Baukörper zu heilen“. Womöglich hilft der Vatikan mit. Der Nuntius (Botschafter) des Heiligen Stuhles wurde nämlich gebeten, den Fall an den Vatikan weiterzuleiten und dort um eine kunsthistorische Einschätzung zu bitten.

 Stark verwittert, nicht mehr lesbar: die Archivolten. Deshalb nahmen die Tholeyer Mönche sie ab. Derzeit sind sie eingelagert.
Stark verwittert, nicht mehr lesbar: die Archivolten. Deshalb nahmen die Tholeyer Mönche sie ab. Derzeit sind sie eingelagert. Foto: Abtei Tholey

Womöglich ein bisschen spät, das sehen auch die Mönche so. „Es sind Ungeschicklichkeiten passiert“, sagt Frater Wendelinus und meint damit das Nichteinholen des Einverständnisses des Landesdenkmalamtes für die Abbau-Maßnahme: „Wir haben verstanden, dass die Kommunikation verbessert werden muss.“ Zugleich verweist Bruder Wendelinus darauf, dass 90 Prozent der Maßnahme (rund fünf Mio. Euro) einvernehmlich mit der Denkmalschutzbehörde liefen und dass die Archivolten nur rund 15 Prozent des Portals ausmachten. Von einer „Totalzerstörung“ könne keine Rede sein. Man habe aus „statischen Überlegungen heraus guten Gewissens“ gehandelt, sagt er, denn es sei ein riesiger Riss an der Fassade zu Tage getreten. Doch vorerst bleibt da der Vertrauensverlust, zusätzlich eine Imagedelle des Sponsors, der Illinger Familie Meiser, ohne die die „Wiederauferstehung“ der Tholeyer Abtei undenkbar wäre. Im Rundfunk und im Fernsehen wurde der Geldgeber fälschlicherweise als Initiator des Eingriffs dargestellt. Nein, sagt Frater Wendelinus, die Verantwortung trage allein das Kloster. Deshalb obliegt ihm jetzt freilich auch die Last des Krisenmanagements.