Tanzcafé für Demenzkranke: Tanzen gegen das Vergessen

Tanzcafé für Demenzkranke : Tanzen gegen das Vergessen

Einmal im Monat treffen sich Demenz-Erkrankte und ihre Angehörigen auf Einladung der Malteser Hilfsdienste zum Tanzcafé.

Es ist ein besonderer Tanz-Treff an diesem Nachmittag. Und es sind besondere Menschen, die daran teilnehmen. Darunter ein früherer leitender Angestellter, der vergessen hat, wie man einen Computer einschaltet. Eine Hausfrau, die nicht weiß, ob sie gerade mit dem Auto oder zu Fuß gekommen ist. Und viele, die mit den Schultern zucken, wenn man sie fragt, wie alt sie sind. Sie alle – die einen mehr, die anderen weniger – leiden an Demenz. Doch sie eint noch mehr: Die Liebe zur Musik – und zur Bewegung. Deshalb treffen sie sich einmal im Monat zum Tanzcafé. Vor einem halben Jahr haben der Malteser Hilfsdienst und die Tanzschule Bootz-Ohlmann am Eurobahnhof dieses neue Projekt ins Leben gerufen. Motto: „Tanzen gegen das Vergessen“. Und der Name ist Programm.

Kaum hat Tanzlehrerin Alice De Grazia das erste Lied angestellt – traditionell den „Bummel-Petrus“ – beginnen einige auf ihren Stühlen schon mit den Füßen zu wippen. Doch noch ist erst einmal „Warmmachen“ im Sitzen angesagt. Mit Trampeln auf dem Boden oder dynamischen Armbewegungen, als ob man über den Tisch wischen oder Wolle wickeln würde. Das kennen die Teilnehmer: Begeistert machen sie mit. Und spätestens als die 36-Jährige den „Badewannen-Tango“ von Peter Alexander erklingen lässt, hält es niemanden mehr auf seinem Platz. Vielen älteren Ehepaaren sieht man an, dass sie schon viele Jahre zusammen tanzen. Dass sie ein eingespieltes Team auf der Tanzfläche sind. Da ist es auf einmal unerheblich, wenn eine/r von ihnen heute vieles andere vergessen hat. Doch auch wer alleinstehend ist, wie etwa der 87-jährige Günther Savioli, kann mitmachen: Ehrenamtliche Demenzbegleiter des Malteser Hilfsdienstes und Pflegekräfte aus dem Gesa-Seniorenheim in Quierschied, wo er lebt, stehen nicht nur als Betreuer, sondern auch als fröhliche Tanzpartner zur Verfügung.

Mag sein, dass nicht immer jeder Schritt sitzt. Dass die Bewegungen nicht mit dem Rhythmus übereinstimmen. Dass manche nur noch ein bisschen schlurfen, statt über die Tanzfläche zu wirbeln. Doch all das ist bei diesem Tanzcafé völlig unerheblich. „Es spielt überhaupt keine Rolle, welchen Schritt ich mache“, sagt Alice De Grazia, Fachtanzlehrerin für Seniorentanz an der Tanzschule Bootz-Ohlmann. „Wir bewegen uns einfach zur Musik!“ Und die ist abwechslungsreich und reicht auf Wunsch der Gäste vom Walzer über Tango bis zum Rock‘n’Roll.

Manche, wie Erwin (69) und Gabi Büch (65), haben sich früher beim Tanzen kennengelernt und beherrschen auch jetzt noch so manche Figur aus dieser Zeit. Das bringt ihnen beim Twist gar den Applaus der anderen Teilnehmer ein. Doch wenn ein Walzer erklingt, wird es auf einmal still auf der Tanzfläche. Viele Paare lächeln sich an, scheinen den Moment der Nähe und das gemeinsame Erlebnis fernab aller Probleme zu genießen. Einmal abschalten zu können, ein Stück Normalität zu erleben, das schätzen auch die Angehörigen der Demenz-Erkrankten. Anita Lender-Beck, Vorsitzende des Demenz-Vereins im Köllertal, ist mit ihrem Mann und einigen anderen Mitgliedern hier. Besonders gut findet sie, dass das Tanzcafé nicht in einer Pflegeeinrichtung, sondern in der Tanzschule stattfindet. „Hier hat man nicht das Gefühl, dass man in einer Therapiegruppe ist“, sagt sie. Und dass sie beim ersten Treffen schon genau hinschauen musste, wer von den Paaren denn der Erkrankte sei und wer die Begleitung.

Schöne Momente zu erleben, den Pflegealltag zu vergessen, Freude zu teilen, sich bei Gesprächen auszutauschen und ungezwungen bewegen zu können: Das sind die Ziele jenes Projekts, das die Malteser auf Initiative von Mazella Hirsch vor einem halben Jahr nach einem Vorbild in Limburg und unter der Schirmherrschaft von Saarbrückens Oberbürgermeisterin Charlotte Britz gestartet haben. Seitdem findet das „Tanzen gegen das Vergessen“ an jedem zweiten Dienstag im Monat von 14 bis 16.30 Uhr mit rund 20 Teilnehmern statt.

„An diesem Ort zu sein, hat nichts mit Krankheit zu tun“, sagt Rosemarie Baltes, stellvertretende Standort-Koordinatorin. „Das hier ist keine Selbsthilfegruppe, sondern hier erlebt man einfach unbeschwerte Stunden; so wie jeder andere Mensch, wenn er zum Tanzen geht.“ Und weil alle von derselben Erkrankung betroffen seien, verlaufe der gemeinsame Nachmittag für alle Beteiligten sehr entspannt. „In dieser Zeit kann man wirklich vergessen, dass der Alltag nicht immer ganz einfach ist“, sagt sie.

Auch den Demenz-Erkrankten tut gerade das Tanzen gut. Denn die Verbindung von Musik und ungezwungenen rhythmischen Bewegungen erzeuge gute Laune und körperliches Wohlbefinden. Zudem ließen sich im Tanz häufig verloren geglaubte Fähigkeiten wieder aktivieren und die Motorik werde gefördert – was nicht zuletzt eine Sturzprophylaxe bedeutet.

Als Fachtanzlehrerin für Seniorentanz des ADTV (Allgemeiner Deutscher Tanzlehrerverband) ist Alice De Grazia prädestiniert für dieses Tanzcafé. Einerseits wiederholt sie bestimmte Rituale und Lieder, um den Teilnehmern Sicherheit zu geben, andererseits bringt sie immer wieder neue Accessoires wie Tücher, Plastikteller oder Schaumstoffrollen mit, um für Abwechslung zu sorgen. Hinzu kommt ihre sympathische Art, ohne jegliche Berührungsängste, im Umgang mit den älteren und erkrankten Menschen. „Beim ersten Mal hatte ich schon großen Respekt davor, was mich erwartet“, gibt sie rückblickend zu. „Aber ich bin ein Typ, der Sachen auf sich zukommen lässt und die Menschen dort abholt, wo sie sich gerade befinden.“ Für alle Beteiligten wird das Tanzcafé so zum Geben und Nehmen. „Das Schöne ist, die Freude in den Augen der Gäste zu sehen. Das tut einfach gut“, sagt die Tanzlehrerin. Dass manche Teilnehmer sich beim nächsten Mal nicht mehr an den Ort oder an sie erinnern, frustriere sie nicht. „Ich denke dann nicht: Ach wie schade, sie haben es vergessen“, sagt Alice De Grazia, „sondern ich denke: Es ist schön, dass sie in diesem Moment eine tolle Zeit erleben.“