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Synagogengemeinde Saar
„Der Antisemitismus wird aggressiver“

 (Symbolbild).
(Symbolbild). FOTO: dpa / Daniel Reinhardt
Saarbrücken. Die Synagogengemeinde Saar wird mit Hetzanrufen konfrontiert. Leider keine Ausnahme, so der Vorsitzende Richard Bermann. Von Oliver Schwambach
Oliver Schwambach

Diese Ton-Datei macht einen sprachlos – vor Scham und Entrüstung. Ein Mann singt, unverkennbar Adolf Hitler nachäffend: „Synagogen sollen abgeschafft werden. Raus aus Deutschland!“ Was aber noch das Harmloseste ist in dieser zweieinhalb-minütigen Suada, in der unverhohlen auch zum Mord an Juden aufgerufen wird. Am Ende behauptet der anonyme Anrufer dreist, all dies sei bloß ein Scherz der TV-Sendung „Verstehen Sie Spaß?“ gewesen. „Doch damit hat das natürlich nichts zu tun“, sagt Richard Bermann, Vorsitzender der Synagogengemeinde Saar. Die Gemeinde habe sofort Strafanzeige gestellt. Landeskriminalamt und Staatsschutz seien damit befasst, so Bermann.


Freitag vor einer Woche gingen die beiden Anrufe, wohl aber von derselben Person, im Sekretariat der Gemeinde ein. Am Montag danach, als das Büro wieder öffnete, habe man sie auf dem Anrufbeantworter vorgefunden und gleich die Polizei verständigt. Jetzt am Wochenende hat Richard Bermann die antisemitischen Hetzanrufe auch via Youtube öffentlich gemacht. Zwar hat er keine allzu große Hoffnung, dass man so den oder die Täter ermitteln könne, aber er will auch darüber informieren, mit wie viel offenem Hass Juden hierzulande konfrontiert sind. Dazu hat er die Audio-Dateien noch mit erklärenden Texten versehen, aber auch mit einem Foto von Krematoriumsöfen aus einem Vernichtungslager und einer Aufnahme, auf der man erhängte KZ-Insassen sieht. Bilder, die die Hetzreden des Anrufers aufs Schärfste kontrastieren.

Leider, sagt Bermann, sei dies kein Einzelfall. So habe vor nicht allzu langer Zeit „ein arabisch aussehender Mann“ gegen die Tür der Synagoge in Saarbrücken getreten, als sich dort Jugendliche für einen Gesangswettbewerb getroffen hatten. Im Nauwieser Viertel häuften sich Hakenkreuz-Schmierereien, Gemeindemitglieder fänden wüste antisemitische Beschimpfungen in ihren Briefkästen vor. Stets anonym. „Das läuft über das ganze Jahr so durch“, sagt Bermann: „Der Antisemitismus wird eindeutig aggressiver, und es wird immer mehr.“



Das beunruhige zunehmend auch die rund 870 Mitglieder der hiesigen Synagogengemeinde. Mit großer Sorge blickt Bermann nach Frankreich. „Die Gelbwesten-Bewegung ist offenbar auch sehr attraktiv für Rechtsextreme“, sagt er. Was zuletzt die Attacke auf den Philosophen und Autoren Alain Finkielkraut gezeigt habe. Noch sei es in Deutschland nicht so wie in Frankreich, meint der Vorsitzende der Synagogengemeinde, „aber wenn die Gelbwesten rüberschwappen“, fürchtet er, könne das auch hier den ohnehin wachsenden Antisemitismus noch verstärken.

Richard Bermann hat die Audio-Datei auf youtube gestellt: https://m.youtube.com/watch?v=gIDT2EQcMPA