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Diskussion
Zwischen Hoffnung und Angst 

 Im Tholeyer Rathaus diskutierten Medizinier und Betroffene über das Thema Organspende.
Im Tholeyer Rathaus diskutierten Medizinier und Betroffene über das Thema Organspende. FOTO: Marion Schmidt
Tholey. Betroffene und Mediziner sprachen in Tholey über das Thema Organspende. Von Marion Schmidt

Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (kurz: DSO) zufolge warten deutschlandweit etwa 10 000 Menschen auf ein Spenderorgan. Allein 8000 von ihnen hoffen auf eine neue Niere. Das sind nahezu vier Mal so viele, wie Spendernieren vermittelt werden können. Ina Schafbuch aus Marpingen steht auf der Warteliste und hofft seit Jahren auf die lebensrettende Transplantation. „Mein Mann hätte mir gerne eine Niere gespendet. Doch die Untersuchungen ergaben, dass seine Niere nicht geeignet ist. Damals fiel er aus allen Wolken, als er das erfuhr“, berichtet die 60-Jährige. Ihr Leidensweg begann vor 24 Jahren nach der Geburt der zweiten Tochter. Infolge einer Vergiftung versagte eine Niere. Mit Medikamenten konnten die Ärzte an der Uniklinik in Homburg das Schlimmste verhindern. Mit einer funktionslosen und einer eingeschränkt arbeitenden Niere musste Ina Schafbuch fortan ihr Leben meistern: „Als selbständige Optikerin gelingt mir das noch ganz gut, da ich mir meine Zeit selbst einteilen kann.“ Doch seit 2016 muss auch sie regelmäßig an die Dialyse. Alltagserleichternd ist, dass Ina Schafbuch die Dialysebehandlung zu Hause eigenständig vornehmen kann. Das geht mit der sogenannten Peritonealdialyse. Bei diesem Verfahren dient das Bauchfell als körpereigener Filter. Die Dialyselösung fließt über einen Katheter im Bauchraum in den Körper. Ina Schafbuch schließt sich jeden Abend vor dem Schlafengehen an das Dialysegerät an: „So hänge ich jede Nacht acht Stunden an der Dialyse. Tagsüber versuche ich, meinen Alltag zu meistern, was aber schwieriger wird.“ Da diese Heimdialyse zeitlich auf einige Jahre befristet ist – da die Filterleistung des Bauchfells nachlässt – hofft Ina Schafbruch täglich auf eine passende Spenderniere.


Um die Bevölkerung für das Thema Organspende zu sensibilisieren, hatten der Rotary-Club St. Wendel und das Infoteam Organspende Saar zu einer Podiumsdiskussion ins Tholeyer Rathaus geladen. Neben Ina Schafbuch als Betroffene saß auch Hanna Schmitt im Podium. Die Saarbrückerin spendete 2008 ihrer damals 28-jährigen Tochter eine Niere. Dies sei die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen. Nach dieser Grenzerfahrung rief Hanna Schmitt mit ihrem Mann den Verein Infoteam Organspende Saar (kurz: IOS) ins Leben. Dessen Botschaft lautet: „Organspende rettet Leben“. Schmitt weiß, dass einem tausend Fragen durch den Kopf, hat man sich zur Organspende entschlossen. „Nach der langen schweren Erkrankung meiner Tochter war die Entscheidung im ersten Moment leicht. Dann kamen die Fragen. Was ist, wenn meine verbleibende Niere krank wird? Was ist, wenn der Empfänger nicht gut mit meinem Organ umgeht und undankbar ist? Kann ich nachher noch arbeiten? Jeder Mensch ist sich selbst der Nächste und sollte sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen“, sagt sie. Ihre Tochter habe zwei Jahre gebraucht, um die Organspende der Mutter anzunehmen. „Sie hatte Angst, dass mir etwas passiert. Eines Tages kam sie dann zu mir und fragte, ob mein Angebot noch stehe. Ich habe aus Liebe gespendet. Doch, auch wenn es das eigene Kind ist, es war eine schwere Entscheidung.“

Auch medizinische Experten waren im Podium vertreten. Als Verfechterin der Organspende machte Dr. Ana Paula Barreiros auch auf die Schwierigkeit von Angehörigen aufmerksam, die plötzlich über eine Organspende eines geliebten Menschen entscheiden müssten: „Es ist schwer jemandem zu vermitteln, dass, obwohl sich der Brustkorb noch bewegt und das Herz noch schlägt, der Patient Tod ist. Hirntod ist wie Kreislauftod, das muss man erst einmal verstehen.“ Die geschäftsführende Ärztin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (kurz: DSO) Region Mitte brachte auch das Ungleichgewicht zwischen Akzeptanz und tatsächlicher Spendenbereitschaft zu Ausdruck: „Obwohl etwa 80 Prozent der Bevölkerung Organspende befürworten, tragen geschätzt etwa nur 35 Prozent einen Spenderausweis bei sich.“



Wie heikel das Thema ist, zeigten Wortmeldungen aus dem Publikum, die unter anderem die Hirntod-Diagnostik in Frage stellten. Dr. Martin Bier, Transplantationsbeauftragter des Marienkrankenhauses St. Wendel, erläuterte das Verfahren: „Nach strengstens überwachten Kriterien wird der Patient von einem Expertenteam untersucht. Wird der Hirntod nicht diagnostiziert wird, therapieren wir den Patienten weiter.“

Professor Dr. Urban Sester, Leiter des Transplantationszentrums der Universitätskliniken des Saarlandes, wünscht sich mehr Offenheit: „Unsere Gesellschaft muss zu einer Entscheidung kommen. In anderen Ländern wird unverkrampfter mit dem Thema Organspende umgegangen. Es gehört nicht zu unserer Kultur, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen.“ Neben dem offeneren Umgang mit dem Tod dürfte in Ländern wie Spanien ein Grund für die deutlich höheren Spenderzahlen auch sein, dass dort eine andere gesetzliche Regelung gilt: Wer nicht zu Lebzeiten ausdrücklich einer Organspende widerspricht, zum Beispiel in einem Widerspruchsregister, ist potenzieller Spender.

Mit der von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgetragenen doppelten Widerspruchslösung – jeder ist potenzieller Organspender, wenn er zu Lebzeiten nicht widerspricht oder die Angehörigen dies nach dem Tod ablehnen – hat Saar-Sozialministerin Monika Bachmann (CDU) so ihre Probleme. Für sie ist klar: „Man sollte sich zu Lebzeiten mit der Organspende auseinandersetzen und selbst für sich eine klare Entscheidung fällen, auch um die Angehörigen zu entlasten.“ Aus eigener Betroffenheit wünscht sie sich mehr Organspender: „Mein Mann musste fünf Jahre zur Dialyse und hat es leider nicht geschafft. Nach acht Jahren denke ich immer noch an die Tage, wenn wir zur Dialyse fuhren.“

Organspenderin Hanna Schmitt sieht in dem Umgang mit den Angehörigen und der Würdigung der Organspender Nachholbedarf: „Für die Angehörigen ist der pietätvolle Umgang mi dem Leichnam ein hochsensibles Thema. Auf der anderen Seite muss die lebensrettende Bereitschaft der Spender mehr Würdigung in der Gesellschaft erfahren.“ Als Entscheidungshilfe für potenzielle künftige Organspender gibt Ina Schafbuch folgendes mit auf den Weg: „Jeder sollte sich mal vorstellen, was wäre, wenn er selbst Betroffener wäre. Wenn man sich darüber Gedanken macht, kommt man schnell zu einer Entscheidung.“

Infotelefon Organspende,
Tel. (08 00) 9 04 04 00.