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Familientreffen
Ein weltweit verzweigter Stammbaum

Das Gruppenfoto mit allen Teilnehmern des Familientreffens am Fuße des Schaumberges. Auch aus dem Kreis St. Wendel kommen Mitglieder.
Das Gruppenfoto mit allen Teilnehmern des Familientreffens am Fuße des Schaumberges. Auch aus dem Kreis St. Wendel kommen Mitglieder. FOTO: B&K / Bonenberger/
Tholey. In der Jugendherberge am Schaumberg trafen sich zahlreiche Mitglieder des Familienverbandes Winterhoff zu einem Familientag. Von Marion Schmidt

Familientreffen sind in Zeiten von Patchwork, Singelhaushalten und Individualisierung eine tolle Sache und geben ein Gefühl von  Zugehörigkeit. Dass solche Veranstaltungen im privaten Kreis nicht aus der Mode gekommen sind, hat  das Treffen des Familienverbandes der Winterhoffs gezeigt. Der Familienverband ist eine Vereinigung all jener, die den Namen Winterhoff tragen oder in irgendeiner Weise im Verwandtschaftsverhältnis stehen. Die meisten Namensträger können ihre Wurzeln bis auf den erstmals urkundlich 1503 erwähnten Stammhof Winterhoff in der Lüneburger Heide zurück verfolgen.


Einmal im Jahr trifft man sich  an wechselnden Austragungsorten. Karin Keller aus Freisen hat in diesem Jahr die Organisation übernommen und sich für die Jugendherberge auf dem Schaumberg entschieden: „Der Bürgermeister der Gemeinde Tholey hat mich bei meinen Vorbereitungen großartig mit Werbematerialien unterstützt.“ Klaus-Willem Winterhoff aus der Lüneburger Heide ergänzt: „Es ist wichtig, dass wir für unsere Treffen eine Location finden, die genügend Platz zum Übernachten, Speisen und Feiern bietet und auch für alle bezahlbar ist.“ Bei ihm und seiner Frau Claudia laufen die Fäden für die Familientreffen zusammen. Etwa 260 Familien sind in seinem Adressverteiler erfasst und werden regelmäßig  mit Familieninformationen versorgt. Das Ehepaar unterstützt jedes Jahr die Ausrichter des Familientages, versendet Rundschreiben und pflegt die Adressliste aller Mitglieder.

Mit einem Aufruf in der Presse und einem ersten Familientreffen 1935 in Müden (Celle) begann auch die Familienforschung, die heute  Frank Winterhoff, Vorsitzender des Familienverbandes, fortführt. Bis zum Zweiten Weltkrieg fanden die Familientreffen alle zwei Jahre statt. 1952 lebte diese Tradition wieder auf und wird seither jedes Jahr gepflegt.

Bei den  Familientreffen können die Mitglieder auf einer großen Karte ihre Wurzeln verfolgen. Die knapp eineinhalb mal drei Meter große Karte ist ein historisches Dokument aus den 1930er Jahren. In filigraner Handarbeit wurde hier die Ahnenforschung der Familie in einem klassischen Stammbaum mit vielen Hauptästen und Nebenzweigen auf die Leinwand gezeichnet. „Dieser Stammbaum wird wie ein museales Objekt konservatorisch und klimatisch sicher in einem Banktresor aufbewahrt. Einmal im Jahr wird die Karte zu unseren Treffen ausgepackt“, verrät Klaus-Willem Winterhoff. Das Fortschreiben des Stammbaums macht Frank Winterhoff heute in digitaler Form. Mehr als 3000 geborene Winterhoffs und mehr als 2000 eingeheiratete Ehefrauen und -männer sind in dem Familienstammbaum erfasst.

Viele Winterhoffs kommen aus der Landwirtschaft, wie Dieter Winterhoff vom Königreicher Hof in St. Wendel. Die Winterhoffs sind in der ganzen Welt zu finden. Viele seien Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Missionierung nach Südafrika ausgewandert. Ihre Nachkommen leben dort auch heute noch. So etwa Randolf Drews. Der 66-jährige lebt in Pretoria und hatte die weiteste Anreise zum Schaumberg. „Im vergangenen Jahr war ich das erste Mal dabei. Das Familientreffen und die Kontakte haben mir so gut gefallen, dass ich jetzt jedes Jahr in dieser Zeit für drei Wochen nach Deutschland komme“, berichtet Drews, dessen Eltern sich 1921 in Südafrika niedergelassen hatten.



Auf eine ganz besondere Art und Weise drückt Kirsten Winterhoff ihre Verbundenheit zum Familienclan aus. Ihren Rücken ziert in der Schulterpartie ein Tattoo mit dem Familienwappen. „Das habe ich mir 2014 in einer tiefen Verbundenheit zu meiner Familie stechen lassen“, erklärt die junge Frau aus Mechernich. Auch Karin Keller trägt das Familienwappen immer bei sich – in Form eines goldenen Amuletts: „Mein Großvater hat mir diesen Gold-Anhänger mit unserem eingravierten Wappen zur Konfirmation geschenkt.“

Nach einem Familientreffen 2007 in Homburg haben sich die Winterhoffs nun das zweite Mal im Saarland getroffen. Der Ablauf der Familientreffen ist fast schon ein Ritual: Freitags erfolgten die Anreise und das gemeinsame Abendbrot. Am Folgetag steht vormittags die touristische Erkundung der Gastgeber-Region auf dem Programm. Nach dem Mittagessen steht der erste Höhepunkt des Familientreffens an.

„Seit 2003 veranstalten wir für alle ein selbst kreiertes Wurfspiel, über das der jährliche Familienkönig oder die Familienkönigin ermittelt werden“, berichtet Klaus-Willem Winterhoff. In diesem Jahr hat sich Ausrichterin Karin Keller ein Wurfspiel mit selbstgenähten Reissäckchen ausgedacht. „Jeder muss versuchen, von den fünf Reissäckchen möglichst viele in die Vertiefung einer schrägen Holzplatte zu werfen. Wer die meisten Treffer gelandet hat, wird Familienkönig.“ Im Außengelände der Jugendherberge versucht jeder sein Glück. Katja und Eileen Winterhoff aus Lotte haben sich als Kampfrichter neben dem Spielfeld niedergelassen und dokumentieren die Würfe ihrer Verwandten. Der Sieger des Spiels wird erst am Abend beim festlichen Bankett bekanntgegeben. Zu diesem Anlass werfen sich alle ordentlich in Schale. Mit Spannung erwarten alle zunächst die Verkündigung des neuen Familienkönigs. Am erfolgreichsten beim Wurfspiel ist Corina Hoffmann vom Königreicher Hof in St. Wendel.

Der zweite Höhepunkt des Abends ist die bis zum Abend geheimgehaltene Gratualations-Aktion für Detlef und Maria Winterhoff, die beim Familientreffen ihre goldene Hochzeit feiern. Mit Tränen in den Augen lauscht das mit Zylinder und Schleier geschmückte Paar der Jubilar-Rede von Tochter Kirsten. Nach Mitternacht endet der Festabend mit einer weiteren liebgewordenen Familientradition. „In der Lüneburger Heide endet ein Fest immer mit einem Schlusskreis. Das haben wir auch vor ein paar Jahren eingeführt. Wir stellen uns im Kreis auf, halten uns an den Händen und singen das Volkslied ‚Kein schöner Land’“, erzählt Klaus-Willem Winterhoff.

Sonntags klingt das Familientreffen traditionell mit dem offiziellen Veranstaltungsteil aus. Hier wird unter anderem über den aktuellen Stand der Ahnenforschung berichtet sowie über den Austragungsort des nächsten Familientreffens diskutiert. Obwohl die ganze Familie nach einer langen Nacht in der Früh durch einen fehlgeschalteten Feuerwehralarm und fünf sirenenheulende Löschzüge aus dem Schlaf gerissen wird, ist Klaus-Willem Winterhoff hoch zufrieden mit dem Familientag am Schaumberg: „Das war wieder ein sehr harmonisches und ereignisreiches Treffen. Alle haben sich wohl gefühlt und den Austausch miteinander genossen.“

Klaus-Willem Winterhoff zeigt auf dem historischen Stammbaum, wo seine Wurzeln liegen.
Klaus-Willem Winterhoff zeigt auf dem historischen Stammbaum, wo seine Wurzeln liegen. FOTO: Marion Schmidt