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Zusammenarbeiten statt zusammenlegen

St. Wendel. Man nehme zwei Kandidaten, die Landrat sein möchten, 250 Zuschauer, die mal lachen, mal "Buh" rufen, sowie wichtige Themen für den Landkreis St. Wendel, und man bekommt eine überwiegend sachlich geführte Podiumsdiskussion. Diese richteten am Dienstagabend Saarländischer Rundfunk und Saarbrücker Zeitung gemeinsam in der Aula des Gymnasiums Wendalinum aus, die Moderation teilten sich denn auch die Redakteure Thomas Gerber (SR) und Volker Fuchs (SZ). Die Kandidaten: der amtierende Landrat Udo Recktenwald von der CDU und der SPD-Landtagsabgeordnete Magnus Jung . In vielen Punkten sind sie sich einig, bei der Gewichtung und auch der Umsetzung von Themen sind jedoch Unterschiede zu erkennen. Diese Unterschiede gelte es herauszuarbeiten, betont Gerber zu Beginn der etwa eineinhalbstündigen Diskussion. Unterschiede gibt es beispielsweise bei den Kosten für den Wahlkampf . Laut Recktenwald investiert die CDU 30 000 Euro in den Landrats-Wahlkampf. Diese Zahlen zweifelt Jung an, er geht davon aus, "dass der Wahlkampf der CDU ein Vielfaches kostet". Sein eigener Wahlkampf koste die SPD 20 000 Euro. Zudem vermisst Jung eine Portion Fingerspitzengefühl bei "der einen oder anderen Veranstaltung des Landkreises, die gehäuft stattfinden und aus der Kreiskasse bezahlt werden". Recktenwald kontert: "Ich mache meine Arbeit weiter; es wäre nicht gut, alles ruhen zu lassen, nur weil Wahlkampf ist." Landkreise auflösen oder zusammenlegen - von diesem Vorschlag halten beide nichts. "Die Größe ist nicht entscheidend", sagt Recktenwald und hält es für falsch, pauschale Forderungen zu machen. Zehn Prozent weniger Personal - das beinhalte den Vorwurf, dass zehn Prozent der Mitarbeiter Däumchen drehen würden. Das verunsichere die Mitarbeiter. Vielmehr müsste man überall genau hinschauen: Wer macht was wie? In St. Wendel komme man dann zu dem Ergebnis: Es sieht gut aus. Weiter setzt sich Recktenwald für die Sachbearbeiter-Ebene ein, gerade im sozialen Bereich. Die Arbeit sei da, die Mitarbeiter müssten also ebenfalls da sein - da nütze es auch nichts, Landkreise einzusparen. "Mit der Zusammenlegung würden die Aufgaben nicht verschwinden", sieht das Magnus Jung genauso. Entscheidend sei nicht, ob es nun drei oder sechs Landkreise gebe, sondern dass die Aufgaben gut bewältigt würden - effektiv, wohnort- und bürgernah. Dabei kritisiert Jung allerdings, dass im Landkreis St. Wendel mehr Personal beschäftigt sei als in den anderen Landkreisen im Saarland. Das Ziel müsse daher sein, in den nächsten Jahren Personal abzubauen und Kosten einzusparen. Die Frage laute, wie kann man die Arbeit besser organisieren? Udo Recktenwald zeigt sich vorbereitet: In St. Wendel kommen 169 Euro Personalkosten auf einen Einwohner, in Merzig-Wadern seien es beispielsweise zehn Euro mehr. "Wir haben kein Ausgaben-, sondern ein Einnahmeproblem", sagt der Landrat. Er fordert eine Beteiligung an der Umsatzsteuer und verweist auf Einsparungen dank interkommunaler Zusammenarbeit. Auch diese wollen beide Kandidaten. Für Jung kommt die Umsetzung allerdings zu spät; er wirft dem Landkreis Versäumnisse vor: "Da wurde die Chance verschlafen, die modernste Verwaltung im Land zu werden." Seine Aussage, der ehemalige Bürgermeister Klaus Bouillon sei ein Hindernis für die interkommunale Zusammenarbeit gewesen, löst Buhrufe bei den CDU-Anhängern im Publikum aus. Hier kontert Jung: "Ich kann die Buhrufe verstehen; weil in der Region Zeit verloren ging." Recktenwald spricht von "dicken Brettern", die gebohrt werden mussten in den Gemeinden - und von Überzeugungsarbeit. Der Reflex in den Kommunen sei gewesen: Achtung, der Landkreis will uns Aufgaben wegnehmen. Mittlerweile seien die Gemeinden aber bereit, in das Boot einzusteigen. Zusammenarbeiten statt zusammenlegen - das ist die Devise beider Kandidaten auch beim Thema Gemeindefusionen. Was immer wieder tiefe Löcher in den Haushalt der Kommunen reißt, sind die Schwimmbäder . Daher stellt Fuchs in den Raum, ob es nicht sinnvoll wäre, Bäder zur Sache des Landkreises zu machen. Recktenwald regt an, dass Gemeinden und Landkreis gemeinsame Konzepte für die Infrastruktur entwickeln. Dann müssten auch unbequeme Fragen gestellt werden dürfen: Wieviele Schwimmbäder brauche man? Für Jung steht fest: "Wir haben im Landkreis nicht zu viele Bäder." Die, die da seien, würden auch benötigt, um den Kindern das Schwimmen beizubringen, aber auch für den Gesundheitssport. Nachdenken wollen beide Kandidaten darüber, ob Gemeinden, die kein eigenes Schwimmbad betreiben, deren Bürger aber in die Nachbargemeinde ins Bad gingen, sich solidarisch zeigen mit den Bad-Kommunen. So kommen zum Beispiel weniger als 20 Prozent der Besucher des Schaumbergbades aus der Gemeinde Tholey selbst. Große Hoffnungen setzen Jung und Recktenwald in den Tourismus. Der Ferienpark am Bostalsee sei die richtige Entscheidung gewesen, da sind sie sich einig. "Jeder Euro, den wir in den Tourismus investieren, wirft das Sieben- bis Achtfache ab", spricht Recktenwald die Wertschöpfung an - und bekommt dafür Applaus. Auch Jung nennt das Ja für den Ferienpark die "wichtigste Entscheidung im Landkreis in den letzten 20 Jahren". Als Tourismusregion habe St. Wendel einen "dramatischen Schritt nach vorne" gemacht. Jetzt gelte es, die Chancen, die der Ferienpark bietet, für die Region insgesamt zu nutzen. Deshalb müsse in die Infrastruktur in den Dörfern um den See investiert werden, sagt Jung. Das sieht auch Recktenwald so: "Man darf nicht stehen bleiben". Jetzt seien die Voraussetzungen geschaffen, dass Menschen ins St. Wendeler Land kommen. Ihnen müsse gezeigt werden, wie schön es hier ist, damit sie wieder kommen - nicht nur in den Ferienpark. Ein weiteres Standbein für den Tourismus ist der grenzüberschreitende Nationalpark, den beide begrüßen. 100 000 bis 200 000 zusätzliche Besucher - diese Zahl nennt Jung zum Thema Nationalpark. Geld für kommunale Kasse Melanie Mai

Man nehme zwei Kandidaten, die Landrat sein möchten, 250 Zuschauer, die mal lachen, mal "Buh" rufen, sowie wichtige Themen für den Landkreis St. Wendel, und man bekommt eine überwiegend sachlich geführte Podiumsdiskussion. Diese richteten am Dienstagabend Saarländischer Rundfunk und Saarbrücker Zeitung gemeinsam in der Aula des Gymnasiums Wendalinum aus, die Moderation teilten sich denn auch die Redakteure Thomas Gerber (SR) und Volker Fuchs (SZ).

Die Kandidaten: der amtierende Landrat Udo Recktenwald von der CDU und der SPD-Landtagsabgeordnete Magnus Jung . In vielen Punkten sind sie sich einig, bei der Gewichtung und auch der Umsetzung von Themen sind jedoch Unterschiede zu erkennen. Diese Unterschiede gelte es herauszuarbeiten, betont Gerber zu Beginn der etwa eineinhalbstündigen Diskussion.

Unterschiede gibt es beispielsweise bei den Kosten für den Wahlkampf . Laut Recktenwald investiert die CDU 30 000 Euro in den Landrats-Wahlkampf. Diese Zahlen zweifelt Jung an, er geht davon aus, "dass der Wahlkampf der CDU ein Vielfaches kostet". Sein eigener Wahlkampf koste die SPD 20 000 Euro. Zudem vermisst Jung eine Portion Fingerspitzengefühl bei "der einen oder anderen Veranstaltung des Landkreises, die gehäuft stattfinden und aus der Kreiskasse bezahlt werden". Recktenwald kontert: "Ich mache meine Arbeit weiter; es wäre nicht gut, alles ruhen zu lassen, nur weil Wahlkampf ist."

Landkreise auflösen oder zusammenlegen - von diesem Vorschlag halten beide nichts. "Die Größe ist nicht entscheidend", sagt Recktenwald und hält es für falsch, pauschale Forderungen zu machen. Zehn Prozent weniger Personal - das beinhalte den Vorwurf, dass zehn Prozent der Mitarbeiter Däumchen drehen würden. Das verunsichere die Mitarbeiter. Vielmehr müsste man überall genau hinschauen: Wer macht was wie? In St. Wendel komme man dann zu dem Ergebnis: Es sieht gut aus. Weiter setzt sich Recktenwald für die Sachbearbeiter-Ebene ein, gerade im sozialen Bereich. Die Arbeit sei da, die Mitarbeiter müssten also ebenfalls da sein - da nütze es auch nichts, Landkreise einzusparen. "Mit der Zusammenlegung würden die Aufgaben nicht verschwinden", sieht das Magnus Jung genauso. Entscheidend sei nicht, ob es nun drei oder sechs Landkreise gebe, sondern dass die Aufgaben gut bewältigt würden - effektiv, wohnort- und bürgernah. Dabei kritisiert Jung allerdings, dass im Landkreis St. Wendel mehr Personal beschäftigt sei als in den anderen Landkreisen im Saarland. Das Ziel müsse daher sein, in den nächsten Jahren Personal abzubauen und Kosten einzusparen. Die Frage laute, wie kann man die Arbeit besser organisieren?

Udo Recktenwald zeigt sich vorbereitet: In St. Wendel kommen 169 Euro Personalkosten auf einen Einwohner, in Merzig-Wadern seien es beispielsweise zehn Euro mehr. "Wir haben kein Ausgaben-, sondern ein Einnahmeproblem", sagt der Landrat. Er fordert eine Beteiligung an der Umsatzsteuer und verweist auf Einsparungen dank interkommunaler Zusammenarbeit. Auch diese wollen beide Kandidaten. Für Jung kommt die Umsetzung allerdings zu spät; er wirft dem Landkreis Versäumnisse vor: "Da wurde die Chance verschlafen, die modernste Verwaltung im Land zu werden." Seine Aussage, der ehemalige Bürgermeister Klaus Bouillon sei ein Hindernis für die interkommunale Zusammenarbeit gewesen, löst Buhrufe bei den CDU-Anhängern im Publikum aus. Hier kontert Jung: "Ich kann die Buhrufe verstehen; weil in der Region Zeit verloren ging." Recktenwald spricht von "dicken Brettern", die gebohrt werden mussten in den Gemeinden - und von Überzeugungsarbeit. Der Reflex in den Kommunen sei gewesen: Achtung, der Landkreis will uns Aufgaben wegnehmen. Mittlerweile seien die Gemeinden aber bereit, in das Boot einzusteigen. Zusammenarbeiten statt zusammenlegen - das ist die Devise beider Kandidaten auch beim Thema Gemeindefusionen.

Was immer wieder tiefe Löcher in den Haushalt der Kommunen reißt, sind die Schwimmbäder . Daher stellt Fuchs in den Raum, ob es nicht sinnvoll wäre, Bäder zur Sache des Landkreises zu machen. Recktenwald regt an, dass Gemeinden und Landkreis gemeinsame Konzepte für die Infrastruktur entwickeln. Dann müssten auch unbequeme Fragen gestellt werden dürfen: Wieviele Schwimmbäder brauche man? Für Jung steht fest: "Wir haben im Landkreis nicht zu viele Bäder." Die, die da seien, würden auch benötigt, um den Kindern das Schwimmen beizubringen, aber auch für den Gesundheitssport. Nachdenken wollen beide Kandidaten darüber, ob Gemeinden, die kein eigenes Schwimmbad betreiben, deren Bürger aber in die Nachbargemeinde ins Bad gingen, sich solidarisch zeigen mit den Bad-Kommunen. So kommen zum Beispiel weniger als 20 Prozent der Besucher des Schaumbergbades aus der Gemeinde Tholey selbst.

Große Hoffnungen setzen Jung und Recktenwald in den Tourismus. Der Ferienpark am Bostalsee sei die richtige Entscheidung gewesen, da sind sie sich einig. "Jeder Euro, den wir in den Tourismus investieren, wirft das Sieben- bis Achtfache ab", spricht Recktenwald die Wertschöpfung an - und bekommt dafür Applaus. Auch Jung nennt das Ja für den Ferienpark die "wichtigste Entscheidung im Landkreis in den letzten 20 Jahren". Als Tourismusregion habe St. Wendel einen "dramatischen Schritt nach vorne" gemacht. Jetzt gelte es, die Chancen, die der Ferienpark bietet, für die Region insgesamt zu nutzen. Deshalb müsse in die Infrastruktur in den Dörfern um den See investiert werden, sagt Jung. Das sieht auch Recktenwald so: "Man darf nicht stehen bleiben". Jetzt seien die Voraussetzungen geschaffen, dass Menschen ins St. Wendeler Land kommen. Ihnen müsse gezeigt werden, wie schön es hier ist, damit sie wieder kommen - nicht nur in den Ferienpark. Ein weiteres Standbein für den Tourismus ist der grenzüberschreitende Nationalpark, den beide begrüßen. 100 000 bis 200 000 zusätzliche Besucher - diese Zahl nennt Jung zum Thema Nationalpark.
Geld für kommunale Kasse



Auch für den Ausbau erneuerbarer Energien setzen sich beide Kandidaten ein. Allerdings wünscht sich Jung, dass die Gewinne beispielsweise aus der Windenergie öfter in der kommunalen Kasse landen: "Die Initiativen im Landkreis sind gut, gehen aber nicht weit genug." Er fordert kommunale Unternehmen, die selbst investieren und die Gewinne abschöpfen. Recktenwald hingegen verweist auf die Energieprojektgesellschaft, die unter anderem in den Windpark in Oberthal investiert habe, der eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung genieße. Außerdem werde gemeinsam mit der Gemeinde Nohfelden der Windpark in Eisen umgesetzt.

Kritisch sieht Jung die Situation der Arbeitsplätze im Landkreis. Zu hoch sei die Quote der geringfügig Beschäftigten. Er wolle sich verstärkt dafür einsetzen, mehr sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze zu schaffen. Auch den hohen Anteil an Zeitarbeit kritisiert er. Recktenwald betont, dass dieser Anteil bei 1,2 Prozent liege - der Landesschnitt sei 2,9 Prozent. Umgekehrt hätten die Bürger im Landkreis ein hohes verfügbares Einkommen, weil die Lebenshaltungskosten niedriger seien. Und: Es gelte auch, die vor allem mittelständischen Unternehmen zu unterstützen: "Mitarbeiter müssen ordentlich bezahlt, Unternehmen aber auch ordentlich behandelt werden." Denn ohne Unternehmen gebe es auch keine Gehälter.

Die Parteianhänger sind nach der Podiumsdiskussion mit ihren Kandidaten zufrieden. Der Wahlkampf beider Bewerber geht jetzt in den Endspurt. Bis zum Sonntag, 15. März. Dann hat der Wähler das Wort.