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Erinnerungen
Wie ich das Glöckchen des Christkinds fand

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Der Klang eines Glöckchens hat mich als Kind zur Bescherung gerufen. Golden, glänzend, kostbar habe ich es mir vorgestellt. Und geläutet hat es das Christkind. Ein zartes Wesen im weißen Kleid mit langen blonden Jahren, das nicht nur Geschenke brachte, sondern auch Rätsel aufgab.

Wie flink und geschickt muss es sein, dass es sich stets unbemerkt ins Wohnzimmer schleicht, um zu läuten. Und hat es nur ein Glöckchen oder viele. Vielleicht gar in jedem Haus eines? Ich weiß nicht mehr, wie alt ich war, aber ich erinnere mich noch an eine unglaubliche Entdeckung in der Vorweihnachtszeit. Eines Tages fand ich in dem Büro meines Großvaters versteckt in einem kleinen Hohlraum zwischen Gefächern ein goldenes Glöckchen. Das goldene Glöckchen. Aufgeregt rannte ich zu meiner Mutter. Für mich war klar: Das Christkind hatte es vergessen. Das barg eine Gefahr und eine Chance. Etwas bang fragte ich mich, wie das mit der Bescherung werden würde. Deshalb stellte ich die kostbare Schelle wieder an ihren Platz zurück. Und am heiligen Abend würde ich mich im Flur verstecken und warten, bis das Christkind kommt und sein Glöckchen holt. Am Tag der Tage war ich entsprechend aufgeregt und legte mich auf die Lauer. Doch dieses clevere und findige Wesen entwich mir – irgendwie, auf wundersame Weise. Und ehe ich mich versah, hörte ich den vertrauten Klang eines Glöckchens. Ich rannte ins Büro. Die goldene Schelle stand noch da. Wie das? Grübelnd ging ich ins Wohnzimmer, wo die Geschenke unterm Tannenbaum lagen. Heute weiß ich: Meine Familie hat zwei güldene Glöckchen.