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NS-Zeit als regionales Thema
Warum St. Wendel eine Erinnerungskultur braucht

Das Arnold-Janssen-Gymnasium ist diesmal Gastgeber der kreisweiten Holocaust-Gedenkveranstaltung. Dabei wird die eigene Geschichte der Schule als nationalpolitische Erziehungsanstalt thematisiert.
Das Arnold-Janssen-Gymnasium ist diesmal Gastgeber der kreisweiten Holocaust-Gedenkveranstaltung. Dabei wird die eigene Geschichte der Schule als nationalpolitische Erziehungsanstalt thematisiert. FOTO: B&K
St. Wendel. Landrat Udo Recktenwald erklärt, wie es zu diesem Begriff kam. Für ihn sind Projekte zum Gedenken an die NS-Zeit nach wie vor wichtig. Von Evelyn Schneider

„Völlig verbrannt“: Das ist eine der Bedeutungen, die sich für das Wort „Holocaust“ finden. Im Altertum verstanden die Menschen unter dem Begriff die Brandopferung von Tieren. Seit 1945 steht er für einen grausamen Völkermord.



Einmal im Jahr wird mit einem Gedenktag am 27. Januar an die mehr als sechs Millionen Juden erinnert, die von den Nazis ermordet wurden. Das Datum kommt nicht von ungefähr. Es ist der Tag, an dem das Konzentrationslager in Auschwitz-Birkenau befreit wurde. In Deutschland gibt es diesen Gedenktag seit 1996, seit 2006 ist er international und seit 2015 wird er besonders im Landkreis St. Wendel gewürdigt.

Aber wie kam es dazu? Alles begann vor mehr als zehn Jahren mit einem Buch, das sich mit der NS-Zeit in der Region beschäftigt. „Bei der Lektüre wurde mir bewusst, dass es diesen Teil der Geschichte auch in meiner Heimat gibt“, erinnert sich Landrat Udo Recktenwald (CDU). Das Thema ließ ihn nicht mehr los. Er dachte an den Bildungsauftrag des Kreises. Daran, Werte zu vermitteln, Gedankenlosigkeit entgegenzuwirken.

Im nächsten Schritt entstand ein Gesprächs-Kreis, zu dem unter anderem Mitglieder der Kulturlandschaftsinitiative St. Wendeler Land (Kulani), des Adolf-Bender-Zentrums, des Vereins Wider das Vergessen und gegen Rassismus oder verschiedener Heimatvereine gehörten. Gemeinsam ging es darum zu überlegen: Wie kann eine Erinnerungskultur aussehen?

Es fanden sich mehrere Ideen. So genannte Stolpersteine wurden verlegt, sieben Orte gegen das Vergessen nach jüdischen Mitbürgern benannt, Kränze am Tag der Reichspogromnacht an Stelle der einstigen Synagoge niedergelegt und das Buch „Nazis aus der Nähe“ veröffentlicht. Letzteres arbeitet die NS-Zeit in der Region auf. Aktuell ist der Band vergriffen. Es wurde auch eine zentrale Gedenkveranstaltung initiiert. Die vierte Auflage ist auf Freitag, 26. Januar, 17.30 Uhr, in der Aula des Arnold-Janssen-Gymnasiums St. Wendel terminiert. Zum Programm gehört der Vortrag „Ein Zeitzeuge berichtet aus seiner Jugend im Nationalsozialismus“ des 1928 geborenen Hermann Scheid. „Es ist spannend, weil er die Zeit wirklich erlebt hat. Er berichtet aus seiner Schulzeit“, sagt Recktenwald. Da es immer weniger Zeitzeugen gibt, ist es für den Landrat besonders wichtig, die jungen Menschen an die NS-Zeit zu erinnern. Und so ist seit Start der Veranstaltungsreihe 2015 die Beteiligung von Schülern ein zentraler Punkt. Nachdem in den Vorjahren bereits eine Gruppe das Projekt „Wendalinum wider das Vergessen“ vorgestellt hat, sich die Stolperstein-AG der Türkismühler Gemeinschaftsschule präsentierte und sich ein Seminarfach des Cusanus-Gymnasiums mit den „Spuren von Krieg und Faschismus im St. Wendeler Land“ beschäftigte, zeigen diesmal Schüler der „Arbeitsgemeinschaft Video“ des Arnold-Jansen-Gymnasiums ihren Dokumentarfilm „Zwischen Christuskreuz und Hakenkreuz – eine Spurensuche zur Napola-Zeit des Missionshauses St. Wendel“. „Es ist klasse, dass wir Schüler bewegen konnten, sich mit dieser Zeit zu beschäftigen“, lobt Recktenwald.

Mehr als 70 Jahre liegen die Gräueltaten der Nazis zurück. Da gibt es auch Stimmen, die sagen: Es ist lang her, müssen diese Gedenkveranstaltungen sein? Für den St. Wendeler Landrat eindeutig ja. Gerade, weil die meisten Generationen diese Zeit nicht mehr erlebt haben, können sie darüber reden und sollten es auch tun. Eine Hemmschwelle diesem Thema gegenüber gebe es meist bei den älteren Menschen. „Mit meinen Großeltern konnte ich über diese Zeit nicht reden.“

Recktenwald ist froh darüber, dass die Erinnerungskultur schon vor Jahren angestoßen wurde. „Denn gerade jetzt erleben wir eine brüchige Demokratie und wie fragil Frieden ist“, sagt Recktenwald. Eigentlich, so gibt er zu, dürfte es gar keine „Erinnerungskultur“ geben. Es müsste selbstverständlich sein, sich zu erinnern. „Aber ich glaube, wir müssen die Leute draufstoßen. Damit der Holocaust nicht nur eine Sequenz im Geschichtsunterricht ist.“ Für den Landrat ist das Erinnern an die NS-Zeit nicht gleichbedeutend damit, eine Schuld von damals hochzuhalten. „Wir können auf vieles stolz sein.“ Und das dürften die Deutschen auch. Denn Patriotismus sei ein Stolz auf das eigene Erreichte und nicht gleichbedeutend mit Nationalismus, der die eigene Nation verherrliche und sich gegen andere richte.

Für Recktenwald wird das Thema „NS-Zeit“ immer ein wichtiger Schwerpunkt der Erinnerungskultur bleiben. Doch soll sie nicht darauf beschränkt werden. Es gehe dabei um alle Bereiche, die die Region ausmachen. „Es ist wichtig, die Wurzeln zu kennen.“ So kann sich der Landrat vorstellen, dass sich die Erinnerungskultur auch mit dem Bergbau beschäftigt. Aber dessen Ende sei noch zu nah.

Landrat Udo Recktenwald spricht über die Bedeutung einer kreisweiten Veranstaltung zum Gedenken an die zahlreichen Opfer des Nationalsozialismus.
Landrat Udo Recktenwald spricht über die Bedeutung einer kreisweiten Veranstaltung zum Gedenken an die zahlreichen Opfer des Nationalsozialismus. FOTO: Bonenberger/Landkreis