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Weihnachts-Erinnerungen
Verbotener Blick durchs Schlüsselloch

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Hier arbeitet das Christkind“ — diese Worte hingen Jahr für Jahr an unserer Wohnzimmertür. Etwa zwei Wochen vor Weihnachten war das Zimmer für uns Kinder tabu und abgeschlossen. Den Zettel an der Tür zierten Aufkleber mit Engeln, Sternen und Tannenbäumen.

Und tatsächlich: Immer wieder hörten meine Schwester und ich das Christkind zu später Stunde arbeiten. Die Neugier war groß, was es wohl in unserer guten Stube macht. Aber durchs Schlüsselloch gucken, wollten wir nicht. Zu groß war die Angst davor, dass das Christkind das bestrafen würde. Vor einem Weihnachtsfest — ich muss sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein — wagte ich es ein einziges Mal. Ich schaute durchs Schlüsseloch. Und sah vor dem Weihnachtsbaum einen Puppenwagen stehen. Meine Neugier war nun zwar befriedigt, aber plötzlich kam in mir die Angst hoch. Was, wenn meine Eltern mich nicht belügen, wenn sie sagen: „Wer durchs Schlüsselloch guckt, der bekommt nichts mehr zu Weihnachten. Dann nimmt das Christkind alle Geschenke wieder mit.“ Diese Angst trug ich nun mit mir herum bis Heiligabend, und das, ohne mit jemandem darüber zu sprechen. Am 24. Dezember kam dann die Erlösung: Ich bekam meinen Puppenwagen. Dennoch wagte ich es nie wieder, schon vor Weihnachten einen verbotenen Blick ins Wohnzimmer zu werfen. Nicht nur wegen der Angst, keine Geschenke zu bekommen. Ich hatte auch gemerkt, dass es viel schöner ist, am Weihnachtsabend überrascht zu werden. Also ließ ich Jahr für Jahr das Christkind in Ruhe arbeiten. Und freute mich dann am heiligen Abend über einen bunt geschmückten Weihnachtsbaum, über Kerzen und Weihnachtsmusik. Und über überraschende Geschenke. Laut meinen Eltern war das Christkind für all das verantwortlich.