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Ursachenforschung in Tholey
Experten suchen nach Ursprung der Bakterien

Mit Chlor versetzt, ist derzeit das Trinkwasser, das in Tholey und der Siedlung Blasiusberg aus den Wasserhähnen kommt. Es wurden bei Kontrollen coliforme Bakterien gefunden.
Mit Chlor versetzt, ist derzeit das Trinkwasser, das in Tholey und der Siedlung Blasiusberg aus den Wasserhähnen kommt. Es wurden bei Kontrollen coliforme Bakterien gefunden. FOTO: dpa / Lino Mirgeler
St. Wendel. Seit mehr als einer Woche wird im Ortsteil Tholey das Trinkwasser gechlort. Zur Sicherheit. Denn es wurden bei Proben coliforme Keime entdeckt. Von Evelyn Schneider

Wie und wo sind Keime ins Trinkwassernetz in Tholey geraten? Das ist die Frage, die aktuell die Experten der Wasser- und Energieversorgung Kreis St. Wendel (WVW) und des St. Wendeler Gesundheitsamts umtreibt. Im Ortsteil Tholey sowie im Bereich der Splittersiedlung Blasiusberg wird das Wasser seit mehr als einer Woche gechlort (wir berichteten). Routine. Die immer dann einsetzt, wenn bei den regelmäßigen Kontrollen Bakterien entdeckt werden. Gesundheitsbedenken gibt es laut WVW keine. Und doch beschäftigt diese Chlorung die Experten intensiv.


Denn bereits Ende September gab es die Meldung, dass im Bereich Tholey und Siedlung Blasiusberg dem Wasser Chlor beigemischt wird. Etwa eine Woche lang. Dann ergaben Proben: Alles wieder einwandfrei. Die Sache schien erledigt. Bis etwa zwei Wochen später wieder coliforme Keime entdeckt wurden. Aber wo genau kommen diese Keime her? Und wirken sie sich negativ auf den menschlichen Körper aus?

Andreas Kramer, Leiter des St. Wendeler Gesundheitsamts, erklärt, dass es verschiedene Arten coliformer Bakterien gibt. Die heutigen Analysen seien so fein, dass sie eine Vielzahl solcher Bakterien nachweisen können. Diese gibt es sowohl in der Umwelt als auch im Darm von Menschen und Tieren.



Wichtig ist die Abgrenzung zu E.coli-Bakterien. „Denn bei fäkaler Belastung des Trinkwassers ist eine Gefährdung der gesunden Bevölkerung zu befürchten“, erklärt der Mediziner. Doch einen Nachweis von E.coli. gab es nicht.

Vom Labor aus landen solche Analysen auf Kramers Schreibtisch. „Wenn wir die Liste mit den ermittelten Keimen kriegen, entscheiden wir, was passiert“, erklärt er das Prozedere. „In diesem Fall haben wir einen Grund gesehen, zu chloren.“ Daraufhin wurde das Leitungsnetz zunächst gespült und dann mit der Chlorung begonnen. Als nächstes galt es, an den Endpunkten zu kontrollieren, ob der Gehalt des desinfizierenden Elements überall gleich ist. „Dann kann das Trinkwasser von allen bedenkenlos genutzt werden“, so Kramer.

Während die Erkenntnis, dass keine E.coli-Bakterien im Wasser sind, die Verantwortlichen beruhigt haben dürfte, hat eine andere Nachricht – wegen der zeitlichen Nähe zu den Probenentnahmen – kurzzeitig für Aufregung gesorgt. Joachim Meier, Geschäftsführer der WVW, war gerade übers Wochenende in Hamburg, als er erfuhr, dass „20 Kinder in einer Kita in Tholey unter Brech-Durchfall litten“. Da sei der Puls erstmal hochgeschnellt, gesteht er. Und eine Frage schoss ihm durch den Kopf: „Konnte das mit dem Wasser zusammenhängen?“

Wie Kramer erläutert, sei schnell klar gewesen, dass ein Kind sich mit dem Norovirus infiziert und andere angesteckt hatte. Sofort habe er alle ansässigen Ärzte abgefragt, ob es weitere Patienten mit Norovirus gab. Dem war nicht so. Außerdem bat er um Benachrichtigung, sollten weitere Fälle bekannt werden.

Das Trinkwasser wird über Hochbehälter und Leitungen, die sich über Kilometer erstrecken, zu den Menschen geliefert. Aber wo und wie können die Bakterien ins Wasser gelangt sein? Theoretisch gibt es mehrere Möglichkeiten. So könnte laut Kramer beispielsweise ein Tier in einen Hochbehälter gefallen und dort verendet sein. Zwar gibt es überall Schutzgitter, doch könnten die auch mal beschädigt sein. Im Fall von Tholey schließen die Experten diese Variante aus. „Die Proben in den Hochbehältern waren immer in Ordnung“, sagt Günter Schnur, technischer Leiter der WVW.

Denkbar wäre auch das Szenario, dass ein Bagger bei Bauarbeiten der Leitung eine kleine Beschädigung zufügt, bei der kein Wasser austritt, sondern Erde durch feine Risse ins Wasser gelangt. Neben den Varianten, dass etwas von außerhalb Keime eingebracht hat, gibt es noch die Möglichkeit, dass im Innern der Leitungen Bakterien mobilisiert wurden. Die Experten sprechen von einem Biofilm im Netz. Fließt das Wasser wie üblich durch die Rohre, passiert nichts. Ändert sich jedoch die Fließrichtung oder -geschwindigkeit, können sich anhaftende Keime lösen. Doch ist es denkbar, dass das Wasser seinen Lauf ändert? Was in der Natur nicht möglich ist, kann im Wassernetz durchaus passieren. „In Tholey gibt es zwei Zonen“, erläutert Günter Schnur. Eine Hoch- und eine Tiefzone. Der Hochbehälter am Schaumberg versorgt die Orte Theley und Tholey mit hohem Wasserdruck. Die Tiefzone hingegen, die einen Bereich von Tholey betrifft, wäre mit diesem Druck überfordert. Daher versorgt ein Behälter am Schaumbergbad diesen Bereich mit Wasser. Zwischen den beiden Behältern liegt laut Schnur ein Höhenunterschied von 35 Metern. Es gilt: Je höher der Wasserdruck, desto höher die Fließgeschwindigkeit. Somit rauscht also innerhalb des Ortes Tholey das Wasser mit unterschiedlichem Tempo durch die Rohre. In der Regel ist das aber immer gleich. Es sei denn, es werden neue Leitungen ans Netz genommen. Dann kann sowohl die Fließgeschwindigkeit, als auch die Richtung kurzzeitig durcheinander kommen. „Wir hatten in Tholey zwei größere Baustellen – an der St. Wendeler Straße und der Dirminger Straße“, so Schnur. Nachdem dort die Leitungen verlegt und desinfiziert waren, gingen sie ans Netz. In diesem Moment hätte etwas mobilisiert werden können. Eine mögliche Erklärung?

Fakt ist, die WVW hat an verschiedenen Stellen Proben gezogen und jeweils Keime gefunden – wenn auch in geringer Zahl. „Man muss sich das vorstellen wie einen Baum, von dessen Stamm verschiedene Äste abgehen.“ An den jeweiligen Enden wurden Bakterien nachgewiesen. „Daher haben wir die Idee, dass der Ursprung der Bakterien irgendwo am Zulauf liegen könnte“, so Schnur.

Die Ursachenforschung geht auf Hochtouren weiter. Neue Proben werden gezogen. Allein in Tholey gibt es 21 Kilometer Leitungen und 950 Hausanschlüsse. Theoretisch könnte der Ausgangspunkt der Bakterien überall sein. WVW-Chef Meier bittet auch die Anwohner, zu überlegen, ob von ihrem Haus etwas ausgehen könnte. Denn der Wasserversorger möchte so schnell wie möglich die Ursache für die Verunreinigung finden. „Wir nehmen das verdammt ernst“, sagt Meier. Und Phillipp Wagner vom St. Wendeler Gesundheitsamt bringt noch einen anderen Gedanken ins Spiel: „Eigentlich ist diese Geschichte doch der Beweis dafür, dass das System funktioniert. Denn sonst wäre doch nichts gefunden worden.“ < siehe auch Text Seite C3 über die Wasserversorgung in Tholey