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Bilinguale Erziehung
Mit den Wurzeln in Kontakt bleiben

Anna Befort unterrichtet die Vorschulkinder in russischer Sprache. Foto: Frank Faber
Anna Befort unterrichtet die Vorschulkinder in russischer Sprache. Foto: Frank Faber FOTO: Frank Faber
St. Wendel. Viele Kinder in Deutschland wachsen mehrsprachig auf. Zwei Sprachen sind ihnen sozusagen in die Wiege gelegt, weil Mama oder Papa – oder sogar beide – ausländische Wurzeln haben. Nun ist es ja durchaus gewünscht, dass sich Menschen mit fremdländischen Wurzeln, die bei uns leben, in die Gesellschaft integrieren. Von Frank Faber

Diese gewünschte Integration kann für die Betroffenen aber auch unerwünschte Nebeneffekte haben. Nämlich den Verlust der eigenen Muttersprache und der kulturellen Identität. In St. Wendel steuert der Ende des vergangenen Jahres gegründete Verein „Umka-Zentrum für bilinguale Erziehung“ dagegen an.


Der Landkreis hat dem Verein einige Räume im St. Wendeler Cusanus-Gymnasium bereitgestellt. Ziel des Vereins ist nach eigenen Angaben die Förderung der Mehrsprachigkeit bei Kindern aus zweisprachigen Familien. Angesprochen sind zuvorderst Spätaussiedler aus russischsprachigen Ländern. Der Unterricht soll deren natürliche intellektuelle Entwicklung unterstützen, damit Talente frühzeitig erkannt werden und sich die Persönlichkeit besser entfalten kann. „Mittlerweile kommen saarlandweit 50 Kinder verschiedenen Alters zu uns“, berichtet Zoia Schmidt. Die Deutsch- und Englischlehrerin stammt aus Sibirien und hat gemeinsam mit Swetlana Kutscher den Vereinsvorsitz übernommen. Vier Mal pro Woche werden Kurse von ausgebildeten Lehrkräften angeboten.

„Wir beginnen spielerisch mit Bewegung. Die Kinder sollen keinen Druck verspüren, alles soll Spaß machen, denn so lernen sie besser“, sagt Schmidt. Ihre Kollegin Anna Befort, eine Grundschullehrerin, erzählt der Gruppe der Vorschulkinder das russische Märchen „Teremok“ (Tierhäuschen). Sie hält ein Plakat mit Tiermotiven hoch, und die Kinder sollen erkennen, welche Tiere im Märchen dabei waren. Eine Stunde lang lernt der Nachwuchs die russische Sprache, Choreografie und Kunsterziehung wechseln sich wöchentlich ab. „Die Eltern sind überrascht, dass ihre Kinder so große Fortschritte machen“, meint Schmidt. Es sei besonders wichtig, dass die Kinder sich auch mit der Oma in russischer Sprache unterhalten könnten. „Denn die Großeltern sind oft der deutschen Sprache nicht mächtig“, so die Vorsitzende.



Natalia Damer führt mit dem Nachwuchs im Schulalter die russische Version des bekannten Stuhltanzes „Reise nach Jerusalem“ auf. In der Choreografie-Stunde bringt die Yoga-Lehrerin die Gruppe auf Trab und beruhigt sie wieder. Hinterher steht Russisch und Literatur auf dem Stundenplan. „Für die harmonische Entwicklung der Fähigkeiten haben wir verschiedene Altersgruppen bei den Kindern gebildet“, erklärt Schmidt.

In der Gruppe der frühen Entwicklung „Mama und ich“ sammeln Kinder im Alter bis drei Jahre erste musikalische Eindrücke. „Die Vermittlung der Liebe zur Herkunftssprache und die Erweiterung des Horizonts und des Sprachwortschatzes ist für uns ganz wichtig. Dazu kommt die Entwicklung der moralischen Werte der Kinder“, fasst sie zusammen.

Geplant, so die Vorsitzende, sei das Angebot mit Kursen in Deutsch, Englisch und Französisch zu erweitern. „Da die Kinder im Alter bis zwölf Jahre ohne Mühe fünf bis sechs Sprachen erlernen können und diese ohne Akzent, auf dem Niveau der Muttersprachler sprechen können, wollen wir diese Chance nutzen“, blickt Schmidt voraus. Zudem bietet der Verein für die Entwicklung der Kreativität Kurse in klassischen Tänzen, Bildende Kunst sowie Schauspiel und Puppentheater an, die von Fachleuten geleitet werden. Obendrein will der Verein Umka auch verschiedene Themenabende veranstalten, an denen zum Beispiel die Großeltern teilnehmen können, um gemeinsam mit den Enkelkindern alte Kochrezepte auszuprobieren.

Am 8. März wird im Cusanus-Gymnasium der Frauentag gefeiert. An diesem Tag, der so etwas wie eine Kombination aus Valentins- und Muttertag ist, werden in Russland die Frauen von ihren Männern und Kindern besonders verwöhnt. „Dann findet eine Begegnung statt. Durch die Kinder wollen wir erreichen, dass sich die Eltern als ein Teil einer Gemeinschaft sehen“, sagt Schmidt. Die über das Jahr geplanten Feste würden das Gemeinschaftsgefühl bei Kindern und Erwachsenen entwickeln und Liebe und Freude an den Familientraditionen vermitteln.