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Vorstellung
Mit Bildern Geschichte(n) erzählen

Blick auf das Mia-Münster-Haus, das auch das St. Wendeler Museum beherbergt. Schon auf der Fassade wird Kunst inszeniert. Der Künstler Cone the Weird sprühte sein Werk mit dem Titel „Divine Afflatus“ im Mai 2017 auf die Wand. Inspirieren ließ er sich vom Stadtheiligen Wendelin.
Blick auf das Mia-Münster-Haus, das auch das St. Wendeler Museum beherbergt. Schon auf der Fassade wird Kunst inszeniert. Der Künstler Cone the Weird sprühte sein Werk mit dem Titel „Divine Afflatus“ im Mai 2017 auf die Wand. Inspirieren ließ er sich vom Stadtheiligen Wendelin. FOTO: Evelyn Schneider
St. Wendel. Vor 29 Jahren wurde das St. Wendeler Museum im Mia-Münster-Haus eröffnet. Aktuell erfindet es sich und seine Dauerausstellungen neu. Von Evelyn Schneider

Es trägt den Namen einer Künstlerin. Jenes Kulturhaus auf der St. Wendeler Mott, das nicht nur der Stadt-und Kreisbibliothek ein Zuhause gibt, sondern auch dem Museum und somit den Werken der Malerin, der es ein Denkmal setzt: Mia Münster. Anfang der 1980er-Jahre entstanden die Pläne zu dem Bau, 1986 war Spatenstich. Noch vor der Fertigstellung wurde das Kulturhaus auf den Namen der St. Wendeler Künstlerin getauft, die 1970 verstorben war.


Im nächsten Jahr nun feiern Gebäude und Museum 30. Geburtstag, im April 1989 war Einweihung. Eine, die von Anfang an dabei war, ist Museumsleiterin Cornelieke Lagerwaard. „Wir hatten ein altes Heimatmuseum geerbt und die Aufgabe, aus dessen Bestand ein modernes Museum zu machen“, erinnert sich die gebürtige Niederländerin. So wurde unter anderem dauerhaft ein stadtgeschichtlicher Bereich eingerichtet, den Werken von Mia Münster Raum gegeben. „Von Anfang an waren auch Wechselausstellungen ein Thema“, sagt die Kunsthistorikerin. Der rote Faden und somit die Leitlinie für die Wahl der ausstellenden Künstler sei immer der Bezug zum Saarland gewesen. „Mit solchen Wechselausstellungen können wir viele verschiedene Zielgruppen erreichen“, erklärt Lagerwaard deren Bedeutung. Etwa 15 000 Besucher kommen pro Jahr in das St. Wendeler Museum. Das sei viel, wertet die Leiterin. Damit auch jene Menschen, die sich scheinbar im ersten Moment nicht für Bildende Künste begeistern können, das Haus kennen lernen, werden auch regelmäßig Konzerte in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt St. Wendel initiiert. „Das bringt wieder ein anderes Publikum.“

Ein Museum, so sagt Lagerwaard, ändere sich mit der Gesellschaft. Zwar blieben die Aufgaben wie das Sammeln, Erforschen und Vermitteln von Kunst erhalten. Aber die Arbeit mit den Menschen sei eine andere als vor 29 Jahren. „Damals galten wir als fortschrittlich, weil wir Handzettel zu den einzelnen Themen vorbereitet hatten, die Besucher gerne als Erinnerung mitnahmen“, erinnert sich die 63-Jährige schmunzelnd. Heute gelte es, moderne Medien einzubeziehen. „Das Museum ist zum Erlebnisort geworden.“



Und so erfindet sich das St. Wendeler Kulturhaus aktuell ein stückweit neu. Vier große Räume mit einer Fläche von 485 Quadratmetern können kreativ ausgestaltet werden. Hinzu kommt noch der Flurbereich mit 50 Quadratmetern. Hier hat unter anderem der berühmte Stadtheilige Wendelin seinen Platz. Hinter der Wendelslade, die aus dem 16. Jahrhundert stammt, hängen 21 Gemälde aus der Barockzeit. Die Kunsthistorikerin geht davon aus, dass drei Bilder fehlen. Üblich waren Zyklen mit zwei mal zwölf Gemälden, denn die Zahl zwölf gilt als heilig. 1796 wurden die Bilder restauriert, was der ausführende Experte darauf vermerkte. „Damals waren sie schon 100 Jahre alt.“

Zurzeit können Besucher noch in Artikeln einer Serie der Saarbrücker Zeitung über den Stadtheiligen sowie in Alben mit Fotos der verschiedenen Wallfahrten blättern. Künftig werden die Bilder digital über einen Monitor flimmern. Auch das Thema Ritter soll in diesem Bereich gespielt werden. „Wir haben ein ganz besonderes Exponat, eine Kanone aus dem 15. Jahrhundert“, sagt Lagerwaard. Eben zu jener Zeit sei die Wendelslegende entstanden. Über diese und die Geschichte des Heiligen wird informiert. „Auch in Arabisch“, sagt die Museumsleiterin. Als sie kürzlich syrische Flüchtlingsfrauen durch das Haus führte, habe sie deren großes Interesse an Wendelin bemerkt. „Sie waren begeistert, sahen in ihm einen Propheten, wie sie sie in ihrem Glauben auch kennen.“

Einen Raum weiter wird eifrig gearbeitet. Die Wände erhalten eine Holzvertäfelung. Hintendran werden Kabel verlegt, damit Monitore angeschlossen werden können. Zunächst, so der Plan, soll das helle Holz weiß gestrichen werden. Die Museumsleiterin kann sich aber auch bei Bedarf kräftige Farben vorstellen. Hier werden die Werke von Mia Münster (1894 - 1970) einziehen. Ein Großteil davon sind Leihgaben jener Familie, die den Nachlass der Künstlerin geerbt hat. Über die Jahre hat das Museum auch viele Werke angekauft, andere kamen als Schenkung dazu. Davon werden einige zum ersten Mal zu sehen sein. Mit Bildern und Zeichnungen der St. Wendeler Künstlerin entsteht auch ein Abbild jener Zeit, in der sie lebte. Der Wechsel zwischen Berlin und dem Saarland. Das Wirken unter dem Regime der Nazis. Auch Fotos ihrer Skizzenbücher mit Arbeiten für die Saarbrücker Zeitung werden gezeigt. „So bekommen gerade die jungen Besucher eine Idee davon, wie in Zeiten vor der Digitalfotografie gearbeitet wurde“, so Lagerwaard.

Ein paar Schritte weiter ist das Zimmer von Herzogin Luise, die zwischen 1824 und 1831 in der Kreisstadt residierte. Es sind keine Originalmöbel, die ausgestellt sind. Der Raum wurde anhand von Aufzeichnungen rekonstruiert. Was einst beliebt war bei den Besuchern, finde heute kaum noch Beachtung. Daher werden die Möbel verschwinden, nicht aber die Geschichte jener Frau, die St. Wendel etwas royalen Glamour verleiht. Heiratete doch ihr Sohn, Prinz Albert, Queen Victoria, Königin von Großbritannien und Irland. „In ihrer Zeit hier hat Herzogin Luise der Stadt ihren Stempel aufgedrückt“, sagt Lagerwaard. Sie sei quasi die Lady Di des 19. Jahrhunderts gewesen, modebewusst und mit einem Herz für die Armen.

Zur Stadtgeschichte gehört auch der 1776 geborene Komponist Carl Philipp Riotte. Der Pianist komponierte zu Ehren der Hochzeit von Luise und Ernst I. von Sachsen-Coburg-Saalfeld ein Bergmannslied. Um ihn modern in Szene zu setzen, wird es Hörproben geben. Zwei Porträts zeigen den Musiker und seine Ehefrau. Geschaffen wurden diese von Nikolaus Lauer (1756 - 1824), einem weiteren bedeutenden Sohn der Stadt St. Wendel. Das Museum besitze die wohl größte Sammlung des Porträtmalers im südwestdeutschen Raum. Er, der einstige Hofmaler, porträtierte später das reiche Bürgertum, Großindustrielle. „An seiner Person ist der Wandel in der damaligen Gesellschaft abzulesen“, erklärt Lagerwaard. Somit gehe es dem Museum nicht nur darum, seine Bilder zu präsentieren, sondern auch ein Stück weit Gesellschaftsgeschichte zu erzählen. „Ein Monitor, der wie ein Pastellbild anmutet, soll einen Film zeigen, in dem sich zwei Leute über die damalige Zeit unterhalten.“ Momentan wirkt der Raum, der Nikolaus Lauer gewidmet wird, noch etwas chaotisch. Zwar sind einige Werke des Künstlers schon eingezogen. Doch liegen sie auf dem Boden verteilt. „Sie dürfen nur liegend aufbewahrt werden, wegen der feinen Kreidepigmente“, erklärt die Kunsthistorikerin. Das ein oder andere bekannte Werk lacht dem Betrachter entgegen – wie das „Schokoladenmädchen“. Aber Moment, hat das nicht ein anderer Maler geschaffen? „Anfangs hat Nikolaus Lauer in Museen, Werke bekannter Künstler kopiert“, liefert die Expertin die Erklärung.

Aktuell ist im St. Wendeler Museum einiges im Umbruch und im Entstehen. Läuft alles nach Plan, will Cornelieke Lagerwaard im Herbst zunächst den Mia-Münster-Raum eröffnen. Die übrigen folgen Schritt für Schritt. Wechselausstellungen gehören weiterhin zum Konzept des Museums, das sich auch für jene öffnen möchte, die nicht in der Region leben. Die Internetseite der Bildungseinrichtung soll überarbeitet werden und in Zukunft den kompletten Bestand auflisten. Auch jene Exponate, die nicht ausgestellt werden. Als Beispiel nennt die 63-Jährige eine Sammlung historischer Hobel. Sollte jemand auf diesem Gebiet forschen, könne er sich die Stücke auf Wunsch live ansehen. Einmal im Monat soll es einen Termin geben, an dem Interessierte Originalexponate unter die Lupe nehmen können. „Die kriegen dann Handschuhe an und können forschen“, sagt die Kunsthistorikerin, die dieses Konzept in einem Museum in Holland gesehen hat und gleich begeitert davon war.

Wichtig sind Lagerwaard auch Workshops. Regelmäßig sollen Kinder und Erwachsene in Kursen die Möglichkeit haben, sich mit den verschiedensten Themen auseinander zu setzen. Von Sütterlin-Schrift über die Rolle der Frau bis hin zur Porträtmalerei – hat die Museumsleiterin schon einige Ideen parat. Aktuell zeigt das Museum eine Ausstellung mit den Ergebnissen der Workshops aus dem Projekt „Reloaded“. Dieses möchte die „Straße der Skulpturen“ in das Bewusstsein der Menschen rücken. Denn jene Kunstwerke im Zeichen des Friedens haben auch ihren festen Platz innerhalb der Erlebniswelt des St. Wendeler Museums.

Serie Museen im Saarland: Die SZ stellt in den nächsten Monaten jeweils wöchentlich ein saarländisches Museum vor. Teil 1: Interview mit Meinrad Maria Grewenig, Generaltdirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte und Präsident des Saarländischen Museumsverbandes (6.Juni), Teil 2: Roland Mönig und die Moderne Galerie.(13. Juni). Teil 3: Ludwig Galerie Saarlouis (20.Juni). Teil 4: Das St. Wendeler Museum im Mia-Münster-Haus (27. Juni). Teil 5: Uhrenmuseum in Köllerbach (4. Juli)

Cornelieke Lagerwaard hält ein Gemälde Mia Münsters von der Wallfahrt zumHeiligen Wendelin in Händen. Es wurde dem Musuem geschenkt.
Cornelieke Lagerwaard hält ein Gemälde Mia Münsters von der Wallfahrt zumHeiligen Wendelin in Händen. Es wurde dem Musuem geschenkt. FOTO: Bonenberger & Klos / B&K
Aktuell wird das St. Wendeler Museum umgestaltet. In einem Raum liegen Porträtgemälde des Künstlers Nikolaus Lauer, an der Wand stehen Werke von Mia Münster.
Aktuell wird das St. Wendeler Museum umgestaltet. In einem Raum liegen Porträtgemälde des Künstlers Nikolaus Lauer, an der Wand stehen Werke von Mia Münster. FOTO: Evelyn Schneider
„Großer Fuß“ ist der Titel der Skulptur von Yoshimi Hashimoto. 1977 hat er sie auf der Baltersweiler Höhe geschaffen.
„Großer Fuß“ ist der Titel der Skulptur von Yoshimi Hashimoto. 1977 hat er sie auf der Baltersweiler Höhe geschaffen. FOTO: Evelyn Schneider