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Aktion
Weil Bilder oft mehr sagen als Worte

Ein Foto in Schwarz-weiß, bei dem es um Tätigkeiten und nicht um einzelne Menschen geht, ist das Thema eines Wettbewerbs in den sozialen Netzwerken. Daran hat sich auch der Löschbezirk Urweiler beteiligt.
Ein Foto in Schwarz-weiß, bei dem es um Tätigkeiten und nicht um einzelne Menschen geht, ist das Thema eines Wettbewerbs in den sozialen Netzwerken. Daran hat sich auch der Löschbezirk Urweiler beteiligt. FOTO: B&K / Bonenberger/
Urweiler. Löschbezirk Urweiler beteiligt sich an Foto-Challenge und macht dabei auf ein ernstes Thema aufmerksam: brandverletzte Kinder. Von Evelyn Schneider

Es gibt sie in regelmäßigen Abständen – Aktionen und so genannte Challenges in sozialen Netzwerken. Mal muten sie wie ein moderner Kettenbrief an, mal eher wie eine Mutprobe. So gab es im Sommer 2014 beispielsweise die Cold-Water-Challenge. Dieser Video-Wettbewerb, bei dem kaltes Wasser über Köpfe gegossen wurde oder in der Waschstraße auf leicht bekleidete Körper niederprasselte, machte auch unter den Hilfsorganisationen im St. Wendeler Land die Runde. Neben der Gaudi ging es damals auch um den guten Zweck. Und doch stellt sich bei jeder Aktion die Frage: mitmachen oder nicht?


Aktuell ist unter anderem auf Facebook die Black-and-white-Challenge angesagt. Sieben Tage lang soll dabei alle 24 Stunden ein Foto gepostet werden – und zwar in Schwarz-weiß. „Es geht darum, gewisse Tätigkeiten darzustellen, ohne dabei bestimmte Menschen in den Mittelpunkt zu rücken“, erklärt Stefan Grevener, Vize-Wehrführer der St. Wendeler Feuerwehr. Die Aktion – das wird beim Stöbern in den sozialen Netzwerken deutlich – ist gerade in der Blaulicht-Szene ein Thema. Und so trudelte vor einigen Tagen auch eine Nominierung für die Challenge beim Löschbezirk Urweiler ein. Dessen stellvertretender Löschbezirksführer Hans-Werner Jung steht solchen Wettbewerben generell eher kritisch gegenüber. „Wenn es nach Blödsinn aussieht, dann ignorieren wir solche Nominierungen“, sagt er. Und möglichweise wäre es auch nicht zu der Serie an Schwarz-Weiß-Fotos auf der Facebook-Seite des Löschbezirks gekommen, wenn es da nicht eine zündende Idee gegeben hätte. Denn der Löschbezirk erweiterte den eigentlichen Slogan „Sieben Tage, sieben Bilder, keine Menschen“ um den Zusatz „ein guter Zweck“.

Dieser gute Zweck ist der 1993 gegründete Verein Paulinchen. Die Initiative für brandverletzte Kinder sei immer wieder Thema im Löschbezirk, wie Jung sagt. Gerade bei der Bambini- (14 Kinder) und der Jugendfeuerwehr (15 Mitglieder). So lag der Gedanke nahe, die Fotoaktion für Paulinchen zu nutzen. „Eine riesige Geldsumme wird nicht zusammenkommen“, ist sich Jung bewusst. Spontan fällt den Feuerwehrleuten der symbolträchtige Betrag 112,07 Euro ein. Doch gehe es darum, die Menschen wachzurütteln. Und vielleicht würden andere Löschbezirke dem Urweiler’ Vorbild folgen. Von St. Wendels Wehrführung gab es sofort grünes Licht für die Aktion. „Es ist eine gute Gelegenheit, Paulinchen abseits des Tages des brandverletzen Kindes in den Fokus zu rücken“, findet Grevener.



Was es bedeutet als Kind Brandverletzungen zu erleiden, hat Hans-Werner Jung am eigenen Leib erfahren müssen. Im Alter von fünf Jahren erlitt er Verbrennungen im Gesicht. Jemand warf eine Plastiktüte ins Feuer, in dessen Nähe Jung stand. Die entzündete Tüte stieg auf und landete auf seinem Gesicht. „Wenn die Menschen von Brandverletzungen hören, denken sie immer sofort an große Katastrophen. Doch meist entsteht so etwas im Kleinen, im Alltäglichen“, sagt der Vize-Löschbezirksführer, der im Alter von 17 Jahren in die Feuerwehr eintrat.

Das bestätigt auch Verena Laumer, die bei Paulinchen für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. „Die meisten Unfälle passieren im häuslichen Umfeld. Die Tasse mit heißem Tee, heiße Oberflächen wie Herdplatten oder auch das Wasserbad zum Inhalieren gehören zu den Gefahrenquellen für Neugeborene, Säuglinge und Kleinkinder“, informiert Laumer. Kinderhaut sei viel dünner als die von Erwachsenen. So könne eine Tasse mit heißer Flüssigkeit bis zu 30 Prozent der Haut eines Säuglings oder Kleinkindes verbrühen. Jedes Jahr erleiden nach Angaben von Paulinchen zirka 30 000 Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren in Deutschland Verbrennungen oder Verbrühungen. Etwa 6000 dieser jungen Opfer müssen stationär in einer Klinik behandelt werden. 76 Prozent aller thermisch verletzten Kinder sind jünger als fünf Jahre. Starke Schmerzen, Operationen, Therapien, lebenslang Narben – all das geht mit Verbrennungen einher.

Der in Norderstedt angesiedelte Verein Paulinchen ist bundesweit aktiv und berät Betroffene. „Wir stehen den Familien mit brandverletzten Kindern über den langen Prozess mit Narbenkorrekturen, Rehabilitation, Kompressionskleidung und Stigmatisierung zur Seite. Bei Veranstaltungen haben brandverletzte Kinder die Möglichkeit, einander kennenzulernen, während die Eltern Erfahrungen austauschen können“, berichtet Verena Laumer. Paulinchen finanziere sich weitestgehend aus Spenden. „Deshalb freuen wir uns sehr über den Beitrag des Löschbezirks Urweiler“, sagt die Sprecherin. Denn es sei dem Verein wichtig, auf Gefahren aufmerksam zu machen, um die Unfallzahlen langfristig zu senken. Jung selbst ist froh, noch kein junges Brandopfer bei einem Einsatz erlebt zu haben.

Sieben Schwarz-Weiß-Fotos zieren inzwischen die Facebook-Seite des Urweiler Löschbezirks. Motive mit Fahne samt Heiligem Florian sowie dem Leitspruch „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr“, Bobbycars, Einsatzwagen oder auch dem Flyer von Paulinchen sind zu sehen. Ein Team von drei/vier Leuten kümmert sich um die Seite, so Jung. Sie haben auch die Fotos für die Aktion geschossen. Sieben Mal hat Urweiler weitere Feuerwehr-Kameraden für die Aktion nominiert. Zwei davon, die Löschbezirke Dörrenbach und Grügelborn, haben auch den erweiterten Slogan übernommen und setzen sich für den guten Zweck ein.

Nachwuchs-Feuerwehrleute sind mit Spaß dabei: Gruppenfoto mit den jungen Mitgliedern der Urweiler Bambini- und Jugendfeuerwehr.
Nachwuchs-Feuerwehrleute sind mit Spaß dabei: Gruppenfoto mit den jungen Mitgliedern der Urweiler Bambini- und Jugendfeuerwehr. FOTO: B&K / Bonenberger/