| 19:17 Uhr

Klatsche für Politik und Wirtschaft

Provokant pointiert: Tim Cole während seines Vortrags vor Unternehmern und Politikern in St. Wendel. Foto: B&K
Provokant pointiert: Tim Cole während seines Vortrags vor Unternehmern und Politikern in St. Wendel. Foto: B&K FOTO: B&K
St Wendel. Auf dem vorletzten Platz rangiert Deutschland in Europa beim Breitbandausbau. Grund laut Experte: fehlender Innovationsmut. Matthias Zimmermann

Schallende Ohrfeige für Politik und Telekom von einem Internet-Profi: Sollte Deutschland im internationalen Vergleich nicht mehr konkurrenzfähig bleiben, dann liegt dies an zögerlichen Entscheidungen der Regierung und des Multimedia-Riesens. Denn beide haben Entwicklungen hin zur digitalen Zukunft verschlafen. Davon ist Tim Cole überzeugt.



Der deutsch-amerikanische Journalist sieht erhebliche Versäumnisse beim Aufbau einer leistungsfähigen Infrastruktur. "Es wurde zu langsam reagiert. Politiker sind die größten Bremsen", sagte er Medienvertretern vor Beginn des 26. St. Wendeler Wirtschaftstages am Montag. Zu dem hatte der Landkreis St. Wendel sowie die Sparkasse in den Saalbau der Kreisstadt geladen.

Mit Blick auf die Berliner Regierungsspitze und Kanzlerin Angela Merkel äußerte sich Cole: "Frau Merkel ist eine liebe Frau, aber vom Internet hat sie keine Ahnung. Wenn sie über Internet redet, dann gnade uns Gott." Überhaupt halte Cole die Ankündigungen seitens der Politik zum schnellen Ausbau der Datenverbindungen für "verbale Blasen". Der Telekom warf er vor: "Sie hat den Breitbandausbau sträflich vernachlässigt." So liege Deutschland heute in diesem Bereich an vorletzter Stelle in Europa.

Am Abend referierte der Pionier des deutschsprachigen Internettagebuchs, wie er sich selbst bezeichnet, vor Unternehmern und Politikern. "Unternehmen 2020: Verschlafen wir die digitale Zukunft?" - diese selbstgewählt provokante Überschrift zu seinem Vortrag ließ nichts Gutes ahnen. Aber Cole versicherte, dies als "Weckruf" verstanden haben zu wollen, damit sich seine Zuhörer mit der Digitalisierung in der eigenen Firma beschäftigen. "Wir sind schon seit 20 Jahren im digitalen Zeitalter", sagte er. Diese Revolution sei längst abgeschlossen.

Woran es nun aber unter anderem auch bei großen Konzernen hapert, sei die Vernetzung innerhalb der Abteilungen. Die Beschäftigten arbeiteten oftmals mit unterschiedlichen Systemen, die nicht zusammenpassten. Das behindere Arbeitsabläufe.

Cole zeigte sich "besorgt, weil deutsche Manager da nicht schnell genug entscheiden". Überhaupt was den Innovationsmut betrifft, tue sich in Deutschland eine große Lücke auf: Während in Kalifornien schon Elektroautos computergesteuert fahren, denke man bei Mercedes erst darüber nach.

Geschäftsführer kleiner und mittelständischer Betriebe in ländlichen Regionen müssten auf veränderte Kundenwünsche und deren Erreichbarkeit auf neuen Wegen reagieren. Eines seiner Schlagworte in diesem Zusammenhang: die Logistik. So bestellten seiner Erkenntnis zufolge mittlerweile viele Internetkunden ihre Waren an stationäre Läden, wo sie diese abholen. "Wenn sie dann im Geschäft sind, entdecken sie noch anderes und gehen mit einem vollen Einkaufswagen wieder raus." So warb Cole dafür, dass kleine Betriebe ebenfalls ihre Produkte und Dienstleistungen im weltweiten Netz vertreiben. Denn nur so wüssten sie anhand der direkten Kundenreaktionen, was diese überhaupt wünschen. "Das stellt das Marketing vor komplette Umbrüche", prophezeite er.

Doch nicht nur Geschäftsleute sieht er in der Pflicht. Er kam auf die Politiker zurück und forderte im Pressegespräch, schnelle Internetverbindungen bereitzustellen. So sei der Standort Land kein Nachteil gegenüber städtischer Gewerbegebiete.

Zum Thema:

Tim Cole (66), gebürtiger US-Amerikaner, ist Journalist und wurde bei einer baden-württembergischen Tageszeitung während eines Volontariats ausgebildet. Unter anderem arbeitete er bei den Stuttgarter Nachrichten. Weitere Stationen führten ihn zu den TV-Nachrichtensendern N24 und NTV. Dort moderierte er auch. Weiterhin veröffentlicht er Kolumnen in Wirtschaftsmagazinen und Zeitungen, darunter Capital und Die Welt. 1995 startete er mit einem Internet-Tagebuch und war damit nach eigenen Angaben der erste Publizist eines deutschen Blogs. Als Buchautor setzt er sich mit der digitalen Welt auseinander, analysiert Online-Wirtschaft, Arbeitsorganisation und Technologieeinsatz in Unternehmen. Mit diesen Themen tritt Cole wie jetzt auch in St. Wendel als Referent auf. Mittlerweile lebt er in Lungau nahe Salzburg/Österreich und arbeitet auch von dort aus.

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