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Klappe, die erste: Von der Straße vor die Kamera

Kameraleute stellen die Filmkamera ein. Sie gleitet über Schienen, damit die Einstellung nicht verwackelt. Foto: Bonenberger & Klos
Kameraleute stellen die Filmkamera ein. Sie gleitet über Schienen, damit die Einstellung nicht verwackelt. Foto: Bonenberger & Klos FOTO: Bonenberger & Klos
St Wendel. Gemeinsam steuern sie auf ihren ersten Spielfilm hin. Die drei Studenten der Film-Hochschule in München arbeiten mit einer Crew an einem Drama, das kommendes Jahr Premiere haben soll. Geld für ihre Arbeit sprudelt aus mehreren Quellen. Matthias Zimmermann

Helllichter Tag, die Sonne scheint von einem leicht mit Schleierwolken behangenen Himmel. Dennoch nicht ausreichend Licht, das durch die gewaltig großen Fenster in die Aula des Wendalinums dringt. In dem hohen Raum des historischen St. Wendeler Gymnasiums laufen Dreharbeiten. Für die Kamera nicht hell genug. Deshalb simulieren gewaltige Scheinwerfer auf Hebebühnen vor dem Haus Sonnenstrahlen.


Der technische Aufwand für den geplanten Spielfilm wirkt auf den unbedarften Beobachter immens, gehört aber zur Standardausrüstung bei solchen Dreharbeiten, wie Beteiligte wissen lassen. Lastwagen mit dem Equipment der engagierten Münchner Produktionsfirma stehen vor der Schule.

Drinnen sind als Verantwortliche Studenten am Werk, die für ihr Diplomprojekt Schauspieler, Assistenten und technische Crewmitglieder in der Kreisstadt für mehrere Tage zusammenbringen.



Seit Dienstag nutzen sie das in den Schulferien üblicherweise leerstehende Gebäude. Unter anderem für eine Einstellung mit dem Landesjugendchor und deren Dirigentin Angela Lösch, die im geplanten 90-Minuten-Streifen zu sehen sein werden. Die Laiendarsteller stehen auf der Bühne der Aula. Die Kamera vor ihnen im Parkett gleitet über Schienen auf sie zu, ohne zu ruckeln. Erste Probeeinstellungen beginnen. Und trotz der zahlreichen Mitarbeiter, die emsig durch den Saal wuseln, ist es mucksmäuschenstill. Disziplinierte Arbeit bei laufender Kamera. Für den Streifen mit dem Titel "Luft".

An die 70 Kollegen sind eingespannt, berichtet Produzentin Isabelle Bertolone. An diesem Tag sollen bis zu 50 von ihnen am Set sein. Hauptdarsteller, Laien, Statisten, Kameraleute, Assistenten , Komparsen. Viele der Stammbelegschaft kennen sich von früheren Drehs. Wie kam das Team an jene für die Nebenrollen? Bertolone berichtet: "Wir haben an einem Tag in Saarbrücken gecastet." Und in der Fußgängerzone Passanten angesprochen.

Es wurden einige gebraucht, ergänzt ihr Kollege Marius Ehlayil. Denn es gebe unterschiedliche Einstellungen, die verschiedene Charaktere bedürfen. So sei unter anderem auch in Völklingen eine Techno-Party gedreht worden. Dafür habe die Crew 16- bis 35-Jährige gesucht. In einer anderen Sequenz gehe es um eine Traumwelt, bei der Ältere in Bäumen sitzen. "Da brauchten wir auch Darsteller, die keine Höhenangst haben", sagt Isabelle Bertolone.

Der komplette Film werde im Saarland entstehen. Weitere Drehorte waren Neunkirchen und Ottweiler, aber auch das Ostertal. "Dort ging es um eine Mutprobe auf einem Zug. Wo stellt uns sonstwo jemand einen Zug zur Verfügung?", hebt Ehlayil hervor. Der die Unkompliziertheit seiner Heimat schätzt. Der Wiebelskircher: Anders als in Metropolen, die regelmäßig mit Filmteams und beispielsweise Straßensperren zu tun haben und deswegen teilweise genervt sind, gingen die Menschen hier offen und interessiert mit Anfragen zu einem Dreh um. "Aber man muss sensibel damit umgehen und mit den Menschen reden", setzt der Filmemacher voraus.

Um dann an die Arbeit zurückzukehren. Unter das grelle Scheinwerferlicht.

Mit dem geplanten Spielfilm "Luft" betritt Anatol Schuster Neuland. Für den 30-jährigen Regisseur aus Hessen handelt es sich dabei nach eigenen Angaben um seinen ersten langen Spielfilm. Er ist auch gleichzeitig fürs Buch verantwortlich und bringt den Film als Abschlussarbeit fürs Diplom an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München ein. Seit 2009 studiert er dort.

Einen Erfolg verbuchte der junge Darmstädter 2015 während der Berlinale mit dem Beitrag "Ein idealer Ort". Im Nebenprogramm des Wettbewerbs erhielt er dafür den Preis "Dialogue en Perspective" in der Kategorie Perspektive Deutsches Kino.

In dem neuen Drama, das jetzt im Saarland entsteht, soll es um die 15 Jahre alte Träumerin Manja und die Rebellin Louk (16) gehen. Sie treffen in einem Wald aufeinander. Eine Freundschaft entsteht. Und Manja bietet Louk Schutz, die auf der Flucht ist. Manjas Verlangen erstarkt, Louk für immer zu schützen.

Um den Streifen zu finanzieren, stehen nach Angaben von Isabelle Bertolone (26) dem Team um Filmemacher Schuster diverser Fördertöpfe bereit. Laut der Produzentin aus Siegen/Nordrhein-Westfalen seien dies unter anderem Unterstützungen des Bayerischen Rundfunks (BR) in München sowie des Filmförderungsfonds' (FFF) Bayern. Die HFF sowie die Edgar-Reitz-Filmstiftung in der bayerischen Landeshauptstadt beteiligten sich ebenfalls an den Kosten.

Über deren Höhe schweigen sich die beteiligten aus. Produzent Marius Ehlayil (23) aus Wiebelskirchen verweist auf die etwaigen Ausgaben für eine Tatort-Folge, die bei 1,1 Millionen Euro liegen sollen. "Der Aufwand unserer Produktion ist mindestens genauso hoch, wenn nicht noch höher", sagt er. "Aber das Team arbeitet aus Leidenschaft mit. Und jeder bekommt dasselbe", ergänzt seine Kollegin. Was so viel bedeute: Die Crew bekomme nicht annähernd das bezahlt, womit jene rechnen könnten, die beim Krimi-Dreh für die ARD mitarbeiteten.

Binnen fünf Wochen soll der Studentenfilm im Kasten sein. Für 2017 kündigt die junge Produzentin die Premiere an. Auch im St. Wendeler Land werde er wegen des hiesigen Drehorts gezeigt, versichert sie. Der Termin werde rechtzeitig bekannt gegeben.

Wagen der Münchner Produktionsfirma vor dem St. Wendeler Gymnasium Wendalinum. Foto: Matthias Zimmermann
Wagen der Münchner Produktionsfirma vor dem St. Wendeler Gymnasium Wendalinum. Foto: Matthias Zimmermann FOTO: Matthias Zimmermann
Mit Setbuch in der Hand (von links): Regisseur Anatol Schuster aus Darmstadt, der Wiebelskircher Produzent Marius Ehlayil sowie dessen Kollegin Isabelle Bertolone aus Siegen. Foto: B&K
Mit Setbuch in der Hand (von links): Regisseur Anatol Schuster aus Darmstadt, der Wiebelskircher Produzent Marius Ehlayil sowie dessen Kollegin Isabelle Bertolone aus Siegen. Foto: B&K FOTO: B&K