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Ein Beispiel der Integration
Ein kleiner Tiger mit starkem Willen

Ob Trampolin springen oder Fahrrad fahren – Elia liebt es, draußen zu spielen. Besonders gerne kickt der Achtjährige auch mit seinem Vater im Garten.
Ob Trampolin springen oder Fahrrad fahren – Elia liebt es, draußen zu spielen. Besonders gerne kickt der Achtjährige auch mit seinem Vater im Garten. FOTO: B&K / Bonenberger/
Elia Dorscheid geht in die zweite Klasse der Waldorfschule, liebt Sport und hat stets einen frechen Spruch auf Lager. Der Junge aus St. Wendel lässt sich nicht unterkriegen — trotz Down-Syndrom. Von Sarah Konrad

In drei Metern Höhe ist Elia auf sich gestellt. Seine Augen fixieren einen gelben Griff. „Ich schaffe das. Ich schaffe das“, murmelt der Achtjährige. Er streckt seine Finger nach dem Klotz aus, krallt sich daran fest und zieht sich mit aller Kraft nach oben. Es folgt ein Blick zu Trainer Frank, der ihn sichert. „Kannst du noch?“, fragt er. Elia nickt und klettert weiter. Zug um Zug. Bis seine Hand auf den roten Buzzer schlägt. „Gewonnen“, ruft er, „Ich bin ein starker Tiger.“


Seine Mutter jubelt ihm zu. Dass ihr Sohn einmal eine Kletterwand bezwingen würde, hätte sie sich nach der Geburt nicht vorstellen können. Damals habe die Ärztin gleich vermutet, dass ihr Baby Down-Syndrom hat. Das flache Gesicht, der offene Mund, die schräg stehenden Augen und die tiefliegende Nasenwurzel – alles deutete darauf hin. „Als ich es erfuhr, bin ich aus allen Wolken gefallen“, erinnert sich Bettina Dorscheid. Denn bis zu diesem Tag im November 2009 waren sie und ihr Mann Christoph überzeugt: „So etwas kann jedem passieren, aber nicht uns.“

Weltweit leben etwa fünf Millionen Menschen mit dem Handicap. Laut Informationen des Vereins Saar 21 kommt auf zirka 800 Geburten ein Kind mit Down-Syndrom. In Deutschland werden pro Jahr etwa 1200 Babys mit der genetischen Besonderheit geboren, im Saarland sind es rund zehn. Statt der üblichen 23 Chromosomenpaare weisen ihre Zellen ein zusätzliches Chromosom auf. „Das Chromosom 21 ist bei ihnen dreifach vorhanden, deswegen spricht man auch von einer Trisomie 21“, erklärt der Arbeitskreis Down-Syndrom Deutschland auf seiner Webseite. Die genaue Ursache für die Zellteilungsstörung sei bis heute unbekannt. Es ist jedoch erwiesen, dass das Risiko hierfür mit zunehmendem Alter der Mutter steigt. Trotzdem kann im Prinzip jede Familie betroffen sein. Denn rund 80 Prozent der Frauen seien bei der Geburt ihres Down-Syndrom-Babys jünger als 35 Jahre.



Bettina Dorscheid war 36, als sie ihr erstes Kind erwartete. „Wir wussten, dass es eine Risikoschwangerschaft war“, sagt sie. Eine Fruchtwasseruntersuchung lehnten die werdenden Eltern dennoch ab. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass Bettina ein Baby mit dieser genetischen Veranlagung auf die Welt bringen würde, lag bei eins zu 3750. „Wir haben uns darüber nie Gedanken gemacht. Das war für uns gar nicht existent“, erzählt sie.

Ihr Blick fällt auf Elia. Das Klettertraining hat den starken Tiger in einen müden Krieger verwandelt. Zurück zu Hause hat es sich der braunhaarige Junge daher auf der Couch bequem gemacht. Ungeduldig sucht er auf dem Tablet-Computer nach einer neuen Folge seiner Lieblingsserie. Er wischt, er zoomt, er klickt. Zeichentrickfiguren hüpfen über den Bildschirm und undeutliche Stimmen schallern aus dem Kopfhörer. Christoph Dorscheid sieht auf die Uhr: „Elia, Zeit zum Schlafen.“ Sein Sohn reagiert nicht. „Machst du bitte das Tablet aus.“ Wieder ignoriert der Achtjährige die Ansage. Sein Vater, der gerade noch entspannt am Esszimmertisch gesessen hat, schiebt den Stuhl zurück, steht auf und wirft Elia einen strengen Blick zu. Jetzt erst schaut der auf, grinst frech, nimmt hastig den Kopfhörer ab, springt vom Sofa und flitzt die Treppe hinauf in sein Zimmer.

Die Eltern müssen lachen. Böse sein können sie ihrem Kind fast nie. Im Gegenteil: Beide sind froh, dass Elia versucht, seinen Kopf durchzusetzen und so gut mit der Technik klarkommt. Zwei wichtige Voraussetzungen für ein möglichst selbstständiges Leben. Und das wünschen sich Christoph und Bettina Dorscheid für ihren Sohn. Gleich nach der Geburt haben sie daher angefangen, ihn zu fördern. Mit Logopädie, Krankengymnastik und weiteren Therapien.

Mutter Bettina hat ihren Job aufgegeben, um ausschließlich für Elia da sein zu können. Vater Christoph kniet sich dafür umso mehr in seine Tätigkeit als Vertriebsleiter und sorgt für die finanzielle Sicherheit der Familie. „Das ist ein Kompromiss, der nicht immer einfach ist“, sagt er. „Aber das Ergebnis zeigt, dass es die richtige Entscheidung war.“ Nach dem integrativen Kindergarten schaffte es Elia sogar, auf eine Regelschule zu wechseln. Mittlerweile geht er in die zweite Klasse der Waldorfschule in Walhausen.

Dort erwartet ihn am nächsten Morgen um kurz vor 8 Uhr auch schon seine Integrationshelferin. Die beiden klatschen ab. „Na, hast du gut geschlafen?“, fragt Tanja Pospischil. „Nicht so gut. Papa hat wieder mal geschnarcht“, antwortet Elia. Er lacht, nimmt seine Mama zum Abschied in den Arm, drückt sie noch ein zweites Mal und läuft ins Klassenzimmer. Die Integrationshelferin folgt ihrem Schützling.

Gemeinsam stellen sie sich mit den anderen Kindern, dem Lehrer und der Klassenhelferin in einen Kreis. Sie fassen einander an den Händen, singen, klatschen, springen und rufen beim Mathespiel Zahlen in den Raum. Elia hält sich die Ohren zu. „Mir ist das zu laut“, beschwert er sich. Die Integrationshelferin nimmt den Jungen zur Seite und beruhigt ihn: „Wir holen jetzt deine Ohrenstöpsel und dann gehen wir zurück zu den anderen.“

Pospischil kennt den Schüler genau. Sie sieht, ob er sich wohlfühlt oder gestresst ist und wann er eine Auszeit braucht. „Elia ist sehr lärmempfindlich. Deshalb war ihm die Situation im Kreis so unangenehm“, erklärt sie. Außerdem habe ihn das Mathespiel überfordert. Denn im Gegensatz zu seinen Klassenkameraden kann Elia erst bis zwölf zählen. „Wenn er nicht mehr mitkommt, verliert er schnell die Lust“, sagt Pospischil. Auch sei seine Konzentrationsfähigkeit sehr eingeschränkt. Nach etwa 20 Minuten würde Elia meist abschalten.

Um gezielt an diesen Problemen  zu arbeiten, erhält der Achtjährige fünf Förderstunden pro Woche. In dieser Zeit verlässt er die Klasse und bekommt separaten Unterricht. Den stimmt die Förderlehrerin oft konkret auf Elia und seine Entwicklung ab. Manchmal üben die beiden aber auch den Stoff, den seine Mitschüler gerade durchnehmen. „Seitdem er in die Schule geht, hat er große Fortschritte gemacht“, sagt Bettina Dorscheid. Bis zur Einschulung habe sich Elia noch geweigert, einen Stift in die Hand zu nehmen. Jetzt könne er erste Wörter schreiben und lesen. Im Fach Deutsch zähle er sogar zu den besseren Schülern.

Heute soll Elia vor der ganzen Klasse einen Spruch aufsagen, den ihm sein Lehrer ins Zeugnis geschrieben hat. Das Licht ist ausgeschaltet, eine Kerze flackert. Elia blickt konzentriert in die kleine Flamme. „Sankt Martin hatte Kraft und Mut, doch war er auch von Herzen gut. Sah er beim Menschenbruder Not, sogleich er Rat und Hilfe bot“, legt er los. Zitiert das Gedicht Vers für Vers – scheinbar ohne nachzudenken zu müssen. Der Lehrer ist zufrieden. Elia darf sich wieder setzen. „Das haste gut gemacht“, lobt ihn sein Banknachbar. Die beiden Jungs grinsen sich verschmitzt zu.

Bei seinen Mitschülern sei Elia beliebt. „Seine feine und höfliche Art kommt gut an“, hat Lehrer Gerold Laininger beobachtet. Jeden Morgen würde der Junge all seinen Klassenkameraden die Hand geben und sie persönlich begrüßen. Davon könne ihn auch niemand abbringen. „Er hat eben einen starken Willen“, sagt der Pädagoge. An der Waldorfschule ist Elia das einzige Kind mit Down-Syndrom. Ein Problem sei das nicht. Den Unterricht störe er nicht mehr oder weniger als die anderen Kinder auch. „Letztendlich ist es doch so, dass jeder seine Stärken und Schwächen hat“, sagt Laininger und fügt hinzu: „Jeder Mensch ist anders, das macht die Vielfalt aus. Und das versuche ich, meinen Schülern beizubringen.“

Eine Lektion, die auch vielen Erwachsenen nicht schaden würde, da ist sich Bettina Dorscheid sicher. Gaffer, dumme Sprüche und Vorurteile – immer wieder erlebt die Familie aus St. Wendel auch unschöne Situationen. Neulich auf dem Spielplatz etwa habe Elia in einer Hütte Feuerwehrmann gespielt. „Da hat eine Frau ihr Kind weggenommen. Sie wollte nicht, dass sich ihr Sohn mit meinem abgibt“, erzählt Bettina Dorscheid. Die Mutter hat gelernt, schlagfertig zu sein. Keine Panik, ist nicht ansteckend, ist nur Down-Syndrom, antwortet sie solchen Leuten gerne. Trotzdem: „Mir tut so etwas einfach im Herzen weh“, sagt sie.

Besonders hart getroffen hat die Eltern eine Rede des AFD-Politikers Josef Dörr. Im Frühjahr hatte er Förderschüler mit ansteckenden Patienten verglichen. Außerdem sagte er: Durch die Inklusion würden an Schulen „Kinder mit Down-Syndrom unterrichtet (...) mit anderen Kindern, die ganz normal, gesund sind“. Für die Dorscheids waren diese Aussagen wie ein Schlag in den Magen. „Dass Politiker in Deutschland so etwas noch von sich geben dürfen und damit nur bedingt einen Aufschrei auslösen, kann ich absolut nicht nachvollziehen“, lässt Christoph Dorscheid seiner Wut freien Lauf. Elia sei das beste Beispiel dafür, dass die Aussagen des AFDlers keinen Sinn ergeben. Es solle bloß niemand diesen Quatsch glauben. „Ein Kind wie Elia zu haben, macht Spaß“, betont Christoph Dorscheid. Er genießt es, Zeit mit seinem Sohn zu verbringen. Schwimmen, Ski fahren, Trampolin springen, Fußball spielen – am liebsten powern sich die Männer so richtig aus.

An diesem Nachmittag ist Elia besonders aufgeregt, als sein Vater das kleine blaue Fahrrad aus der Garage schiebt. Die Stützrädchen sind abmontiert. Der Achtjährige rückt die Brille zurecht, zurrt den Helm fest und schwingt sich auf den Sattel. Christoph Dorscheid hält ihn fest. „Papa, ich kann das. Lass mich“, ruft Elia. Der kleine Tiger strampelt los, tritt in die Pedale und fährt davon. Ganz alleine.

Elia liebt es, draußen auf seinem Trampolin zu hüpfen. Und trotz seines Handicaps radelt der Achtjährige auch schon ohne Stützrädchen davon .
Elia liebt es, draußen auf seinem Trampolin zu hüpfen. Und trotz seines Handicaps radelt der Achtjährige auch schon ohne Stützrädchen davon . FOTO: B&K / Bonenberger/
Sicherheit hat beim Klettern oberste Priorität. Trainer Frank Schön zeigt dem Jungen daher, wie ein Achterknoten aussehen muss.
Sicherheit hat beim Klettern oberste Priorität. Trainer Frank Schön zeigt dem Jungen daher, wie ein Achterknoten aussehen muss. FOTO: Sarah Konrad
Integrationshelferin Tanja Pospischil ist in der Schule immer an Elias Seite. Im Deutschunterricht üben die beiden den Buchstaben B.
Integrationshelferin Tanja Pospischil ist in der Schule immer an Elias Seite. Im Deutschunterricht üben die beiden den Buchstaben B. FOTO: Sarah Konrad
Zielstrebig und ohne Angst zu haben, klettert Elia die Wand hinauf.
Zielstrebig und ohne Angst zu haben, klettert Elia die Wand hinauf. FOTO: Sarah Konrad