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Workshop
Anhand der Ampel Gefahren einschätzen

Die Bundespolizisten Brigitte Kreutzer und Eric Finkler zeigen, wie man einen Angriff erfolgreich abwehren kann.
Die Bundespolizisten Brigitte Kreutzer und Eric Finkler zeigen, wie man einen Angriff erfolgreich abwehren kann. FOTO: Marion Schmidt
St. Wendel. Während eines Workshops zeigten zwei Polizisten Jugendlichen, wie diese sich im Falle einer Bedrohung richtig zur Wehr setzen. Von Marion Schmidt

Ob aus Berichten in den Medien, aus persönlicher Betroffenheit oder als Zeuge, beinahe täglich werden wir mit Gewalttaten konfrontiert. „In jüngster Vergangenheit ist die Möglichkeit gestiegen, Opfer einer Gewalttat zu werden“, sagte Bundespolizist Eric Finkler. Dabei habe sich die Gewalt verändert. „Früher war nach einer körperlichen Auseinandersetzung Schluss, wenn jemand am Boden lag. Heute wird mit schlimmen Folgen für das Opfer nachgetreten“, präzisierte Finkler. Auf Einladung des St. Wendeler Projektes „Mitmacher gesucht – Verein(t)“ zeigte der Bundespolizist gemeinsam mit Kollegin Brigitte Kreutzer zwölf Workshop-Teilnehmern, wie sie unverletzt aus Gewaltsituationen entkommen oder als Helfer und Zeuge sinnvoll agieren können. Das Thema ihres Workshops lautete „Gewaltprävention – Zivilcourage Training“.


Dabei ging es nicht um die Vermittlung von Kampftechniken, sondern um die Frage, wie jeder aus brenzligen Situationen ohne Blessuren herauskommt. Während der dreistündigen Schulung zeigten die Trainer zunächst die Zusammenhänge der einzelnen Phasen einer Gewalt- und Konfliktsituation auf und veranschaulichten dies in einer dreistufigen Gewaltampel. Anschließend vermittelten sie Strategien, wie man sich in den einzelnen Phasen wirksam helfen kann. „Wir wollen Kompetenzen vermitteln, wie man Gefahrensituationen frühzeitig erkennen kann, wie man seine eigene Körpersprache stärkt und sich einfach aber wirksam wehren kann“, erläuterte Finkler.

Die Trainer definierten in ihrem Ampel-Modell die erste grüne Stufe als die Präventions-Phase. Hier geht es um das Erkennen einer Gewaltsituation, um einen ersten Blickkontakt zwischen Täter und Opfer.  Es ging auch um die Frage, warum werden wir Opfer, warum Täter. „Meist üben junge Menschen im Alter zwischen 14 und 21 Jahren Gewalt aus. Es gibt keine Geschlechterunterschiede“, erklärte Eric Finkler. Die Trainer sehen verschiedene Einflussfaktoren wie Alkohol, Drogen, schlechter Freundeskreis, Herkunft und familiäre Probleme als Auslöser von straffälligem Verhalten Jugendlicher. Aber auch kommunikative Gepflogenheiten in der Gesellschaft, die Ansprachen wie „Hey Alter“ toleriert, würden einen respektvollen Umgang miteinander verdrängen und die Hemmschwelle zur Gewaltbereitschaft senken. „Wenn jemand Streit sucht, kann jeder zum Opfer werden. Doch suchen Täter sich oft schwache Personen für ihre Attacken aus. Wir bieten uns durch unsere Körpersprache mit einem gebückten Gang und nach unten gerichtetem Blick schon als Opfer an“, so Finkler. Der Tipp der Referenten: Sich mit aufrechter Haltung selbstbewusst bewegen und einer verdächtigen Person nur kurzen Blickkontakt widmen. „Dieser kurze Blick signalisiert, ich habe dich gesehen. Ein zu langes Anschauen könnte den anderen schon reizen“, erklärte Finkler. „Wenn man aus dieser ersten Kontaktsituation rausgeht, sollte man noch aufmerksam alles im Blick behalten“, ergänzte Brigitte Kreutzer.



In ihrer zweiten, gelben Ampelstufe erläuterten die Polizisten die Phase der Gewaltvermeidung. Der Täter testet an, ob sein Opfer stark oder schwach ist. Die Referenten demonstrierten in einigen Rollenspielen, wie sie in dieser Phase eine
Distanzüberbrückung herstellen können. Beschwichtigende Gesten wie offenen Handflächen abwehrend schräg nach oben heben, in Schrittstellung gehen, lautstark rufen und bei der Anrede die distanzierte Anrede mit „Sie“ wählen, so die Strategie der Profis.

In der dritten Ampelphase schließlich stehen die Zeichen auf Rot. Der Täter ist gewaltbereit und will sein Opfer körperlich attackieren. Die Experten rieten, in solchen Situationen zu bedenken, dass eine Verteidigung verhältnismäßig sein sollte. „Schwierig wird es bei Messerattacken. Da ist oberste Vorsicht geboten“, ergänzte Finkler. Im Rollenspiel mit seiner Kollegin zeigte der Polizist, wie man sich einfach aus einer Situation lösen kann. „Ist man in einer Gruppe gefangen, sollte man eine Schwachstelle suchen, um da raus zu kommen“, riet Finkler.

Ein wichtiges Thema war auch, wie man als Zeuge einer Gewalttat ohne sich selbst zu gefährden Hilfe organisieren kann. Leider sei in unserer Gesellschaft das Helferverhalten nicht optimal. Dabei könne jeder Zivilcourage schon zeigen, indem er wenigstens Hilfe organisiert und signalisiert „ich beobachte euch“.

Für alle, die helfen wollen, sei der wichtigste Grundsatz: Ich helfe, ohne mich selbst zu gefährden. „Wenn einer aufsteht und sich einmischt, gehen andere mit. Sucht euch Verbündete“, riet Eric Finkler. Beobachte man eine Gewalttat, sei es wichtig, sich aktiv als Zeuge anzubieten, denn in einem Strafverfahren seien Zeugen wichtige neutrale Beobachter.

In verschiedenen Übungen mit der Gruppe vermittelten die Referenten den Teilnehmern verschiedene Verhaltens- und Bewegungsmuster, die sie in Gefahrensituationen anwenden können. Brigitte Kreutzer empfahl, die Übungen zu Hause zu wiederholen: „Diese Verteidiungsmechanismen sollten automatisiert sein, damit man sie in einer brenzligen Situation schnell abrufen kann. Auch das laute Schreien zur Abwehr sollte jeder ab und an zu Hause üben.“

Johanna Klos aus Urexweiler will zur eigenen Sicherheit zu Hause üben. „Ich muss morgens im Dunklen zum Bus gehen. Da habe ich manchmal ein mulmiges Gefühl, wenn ich auf dem Weg jemandem begegne“, berichtete die zwölfjährige Schülerin. „Es ist gut, dass wir gelernt haben, wie einfach man sich verteidigt und wie man helfen kann. Wenn ich beobachte, dass was passiert, würde ich die Polizei anrufen“, ergänzte der 13-jähirge Till Rauber aus Bliesen.

„Wir haben es verlernt, aufmerksam zu sein. Jeder läuft umher, tippt in sein Handy und hat keinen Gefahrenradar mehr für das, was um ihn herum passiert. Wir haben unsere Urinstinkte, die uns wachsam machen, vergessen“, mahnte Eric Finkler die Teilnehmer abschließend zu mehr Aufmerksamkeit.

Till Rauber (links) und Luis Mohr (rechts) üben im Rollenspiel eine Verteidigungssituation.
Till Rauber (links) und Luis Mohr (rechts) üben im Rollenspiel eine Verteidigungssituation. FOTO: Marion Schmidt