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Kleiderkammer in St. Wendel
Kleine Hände, großes Engagement

Im Mode-Raum: Die Vorsitzende des Fördervereins Kleine Hände, Birgit Litz, und Renate Löffler (von links) präsentieren die Ware.
Im Mode-Raum: Die Vorsitzende des Fördervereins Kleine Hände, Birgit Litz, und Renate Löffler (von links) präsentieren die Ware. FOTO: Evelyn Schneider
St. Wendel. St. Wendeler Förderverein feiert 30-jähriges Bestehen. Die SZ war auf Stippvisite in der Kleiderkammer in der Hospitalstraße 35. Von Evelyn Schneider

Zufrieden lächelnd geht eine junge Frau Richtung Ausgang. Sie hat schicke Stiefel und Oberteile für sich ergattert. Siggi Drumm kümmert sich derweil um Nachschub. Er rollt einen prall gefüllten Einkaufswagen in den Raum mit Damen- und Herrenmode. Dort verschwinden die Sommersachen langsam aus den Regalen. Herbst- und Winterartikel werden an den beiden drehbaren Kleiderständern präsentiert. Auch eine Ankleide gibt es. „Es ist schon beinahe wie in einem Geschäft. Man kann stöbern“, sagt Birgit Litz, Vorsitzende des Fördervereins Kleine Hände.


In dessen Kleiderkammer ist Wohlfühl- und Shopping-Atmosphäre inklusive. Vor etwas mehr als zwei Jahren wurden die neuen Räume in der Hospitalstraße 35 in St. Wendel bezogen. Eine komplette Etage mit 220 Quadratmetern Fläche steht dem Verein dort zur Verfügung. In den verschiedenen Räumen werden unter anderem Geschirr, Elektroartikel, Spielsachen, Kleidung für Babys oder größere Kinder angeboten – für einen kleinen Obolus.

„Damit arbeiten wir“, erläutert Birgit Litz. Der Verein müsse Geld erwirtschaften, um sein Angebot aufrechterhalten zu können. Jährlich gibt es einen Zuschuss vom Landkreis. Ansonsten ist der Förderverein auf Spenden angewiesen. Seit dem Umzug im April 2016 können die Kleinen Hände auch mehr neue Waren anbieten. „Endlich haben wir die Lagermöglichkeiten“, sagt Litz. Und denkt prompt an die beengten Verhältnisse früher in der Josefstraße zurück. Dann lächelt sie: „Aber ganz ehrlich, ein, zwei Räume mehr dürften es auch jetzt sein.“



Montagsvormittags und Donnerstagnachmittags sind Kleiderkammer und das Büro des Vereins geöffnet – jeweils etwa zwei Stunden. Um bis zu 50 Leute kümmern sich in dieser Zeit mitunter die Ehrenamtler. Sieben sind pro Schicht eingeteilt. Der feste Kern, so sagt Litz, besteht aus 14 Helfern. Überwiegend Frauen. Siegfried Drumm ist meist der Hahn im Korb, löst jede handwerkliche Herausforderung.

Viele Familien schauen in der Kleiderkammer vorbei, kaufen Jacken, Hosen, Pullover oder Spielsachen für den Nachwuchs. Vor dem Hintergrund – Schwangeren, Müttern und jungen Familien eine Stütze zu sein – wurde der Verein 1988 gegründet. 53 Mitglieder kamen damals zusammen und wählten den ersten Vorstand. Vorsitzende wurde damals Katharina Bock. Am kommenden Freitag, 28. September, feiert der Förderverein Kleine Hände seinen 30. Geburtstag.

Über die Jahre hat sich einiges geändert. Mit dem Flüchtlingsstrom zuletzt beispielweise auch der Kundenstamm. Zwischen 70 und 80 Prozent sind es Zuwanderer, die in die Kleiderkammer kommen. Ihrer Kultur entsprechend hätten sie zu Beginn versucht, zu handeln. Doch jetzt, da sie wissen, dass das Geld, das sie zahlen, auch ihnen selbst wieder zugute kommt, ist Feilschen kein Thema mehr. Alle Hinweisschilder an den Türen sind auch ins Arabische übersetzt. „Ich habe zudem ein paar Wörter gelernt. Das hilft“, sagt Hildegard Nagel. Sie wünscht sich, dass auch mehr deutsche Familien vorbeischauen. Dass es keine Hemmschwelle mehr gebe. „Wir sind für jedermann da“, bringt es Siegfried Drumm auf den Punkt.

Aktuell zählt der Verein 70 Mitglieder. „Es waren schon mal doppelt so viele“, erinnert sich Litz. Zwölf Euro im Jahr kostet die Mitglied­schaft. Nicht die Welt. Und doch – vergleichbar mit anderen Vereinen – sinkt die Zahl. Zuwachs hingegen gab es im Team der ehrenamtlichen Mitarbeiter. Seit dem Umzug sind fünf bis sechs Damen dazu gekommen. Eine von ihnen ist Margit Beilstein. Seit 2004 ist sie Rentnerin. Die freie Zeit widmete sie zunächst einem „Leihhund“, wie sie es nennt. Mehr als 13 Jahre kümmerte sie sich um den Vierbeiner einer Freundin, ging mit ihm Gassi. „Als er gestorben ist, hatte ich Angst in ein Loch zu fallen“, erinnert sich Beilstein. Wie es der Zufall wollte, lernte sie Birgit Litz kennen. Und so kam es zu dem Engagement im Förderverein. „Ich bin beschäftigt und tue etwas Gutes“, sagt Beilstein. Auch Anne Zeibig ist neu im Team. Vom ersten Moment an sei sie nett aufgenommen worden.

Dass die Kleinen Hände in ihrer Kleiderkammer eine große Auswahl an Kleidung und Haushaltswaren anbieten können, ist auch dank vieler Spender möglich. „Wir kriegen viele schöne Sachen“, lobt die Fördervereins-Vorsitzende. Hin und wieder müsse aber auch aussortiert werden. Als Maßstab gilt: Was würde ich selbst noch tragen. Nur diese Klamotten kommen in den Verkauf. Aktuell werden Winterjacken für Jugendliche in den Größen 140 bis 164, Spannbetttücher (auch für französische Betten), Babykleidung, Geschirr- und Badetücher gebraucht.

Neben dem Angebot der Kleiderkammer ist es den Verantwortlichen des Fördervereins wichtig, auch individuell und unbürokratisch helfen zu können. Aktuell hat der Verein zehn Patenschaften übernommen (vor vier Jahren waren es halb so viele). Monatlich unterstützt er so junge Familien, in denen das Geld knapp ist. In zwei Fällen trägt der Verein die Kosten für den Musikunterricht.

Auch wenn gerade einmal der Herbst seine Schatten vorauswirft, laufen beim Förderverein schon die Vorbereitungen für den St. Wendeler Weihnachtsmarkt Anfang Dezember. Traditionell haben die Kleinen Hände dort einen Stand, an dem unter anderem Mützen und Schals angeboten werden. Dafür wird im Strick-Kreis schon fleißig gearbeitet. Die Älteste im Bunde ist stolze 100 Jahre. Über weitere Mitstreiterinnen würde sich der Förderverein freuen, der die Wolle für die Strickwaren stellt.

Vieles im Verein hat seine Tradition, neues Engagement kommt hinzu und manchmal, da endet auch ein Angebot. 15 Jahre lang hat sich Maria Wegel um den Brotverkauf donnerstagvormittags gekümmert. „Aus gesundheitlichen Gründen musste sie aufhören“, berichtet Litz. Das bedeutete auch das Ende der kleinen Brottheke. „Es ist uns schwer gefallen, das Angebot zu streichen“, so Litz. Aber der Aufwand sei einfach zu groß gewesen.

Statt Teigwaren stapeln sich gerade Schachteln mit süßen Grüßen im Aufenthaltsraum des Fördervereins. Hände aus heller und dunkler Schokolade gehören zur Dekoration der 30-Jahr-Feier am Freitag ab 14 Uhr im Mariensaal der Stiftung Hospital. Etwa 90 Gäste werden erwartet. Und wie es der Brauch will, hat das Geburtstagskind einen Wunsch frei. Der ist in der Damenrunde schnell gefunden: „Mehr Männer, die mit anpacken.“

Hildegard Nagel (links) und Margit Beilstein machen im Raum für Haushaltswaren klar Schiff.
Hildegard Nagel (links) und Margit Beilstein machen im Raum für Haushaltswaren klar Schiff. FOTO: Evelyn Schneider