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Erste Lektion: Ohne Formular geht nichts

Barbara Motsch und Hajem Mohammad helfen den Kursteilnehmern beim Ausfüllen der Unterlagen. Darin geht es um die Schulbildung der Flüchtlinge. Foto: Kowol/Landkreis St. Wendel
Barbara Motsch und Hajem Mohammad helfen den Kursteilnehmern beim Ausfüllen der Unterlagen. Darin geht es um die Schulbildung der Flüchtlinge. Foto: Kowol/Landkreis St. Wendel FOTO: Kowol/Landkreis St. Wendel
St Wendel. Seit gut zwei Jahren kommen verstärkt Kriegsflüchtlinge aus Syrien im Landkreis St. Wendel an. Aber auch Menschen aus Ländern wie Afghanistan oder Eritrea verlassen ihre Heimat und wollen hier ein neues Leben beginnen. Dazu braucht es einige Voraussetzungen: Die deutsche Sprache muss erlernt, sich mit der Kultur auseinandergesetzt werden. In einer Serie will die Saarbrücker Zeitung einen Einblick geben, wie es im Kreis in Sachen Integration läuft. Heute: ein Kurs erklärt Flüchtlingen, wie das Jobcenter funktioniert und welche Anträge wichtig sind. Evelyn Schneider

Es geht hinauf in den dritten Stock eines ehemaligen Kasernengebäudes in St. Wendel . Hier ist das Jobcenter des Landkreises St. Wendel untergebracht. Auf den Gängen ist das ein oder andere Wort auf Arabisch zu hören, in dem Saal, in dem an diesem Tag ein Informationskurs stattfindet, herrscht hingegen Stille. Die Tische sind u-förmig angeordnet. An deren Kopf sitzen Migrationscoach Barbara Motsch, Beschäftigungscoach Hajem Mohammad und Henning Scheid von der Arbeitsförderung. 15 überwiegend männliche syrische Flüchtlinge nehmen in dem Rund Platz. Auch drei Frauen und drei Kinder sind gekommen. Alle pünktlich - das hat schon einmal geklappt.



Mittels eines Beamers werden Informationsskizzen an die Wand projiziert. Barbara Motsch stellt die beiden wichtigen Säulen des Jobcenters vor, damit sich die Neulinge besser zurechtfinden. Es gibt den Bereich "Geldleistung", der sich mit allem rund um den Lebensunterhalt zum Beispiel Wohnung oder Umzug beschäftigt. Das Team der "Eingliederung" ist derweil für Sprachkurse oder Arbeitsplätze zuständig. Die Infoblätter an der Wand arbeiten mit Symbolen, um es für die Flüchtlinge verständlicher zu machen. An diesem Tag hilft ihnen aber vor allem Hajem Mohammad, der als Übersetzer fungiert. Vertraute Sprache in einem fremden Behördensystem.

Ein Wort dürften die Flüchtlinge nach dem 90-minütigen Kurs auf Deutsch kennen: Antrag. Vielleicht eine der wichtigsten Botschaften: Es funktioniert nichts ohne Formulare. Und so teilt der Beschäftigungscoach, der ebenfalls aus Syrien stammt, auch schon das erste aus. Darauf sollen die Flüchtlinge Angaben zu ihrer Schulbildung machen. Mohammad und Motsch gehen derweil rum und helfen beim Ausfüllen.

Schule in Syrien

"In der Regel haben Syrer neun Jahre lang das Schulsystem besucht", erklärt Henning Scheid. Dort sei auch teilweise Englisch oder Französisch unterrichtet worden. Sechs Jahre sind die Kinder in der Grundschule, danach geht es auf eine Art Gemeinschaftsschule (bis Klasse neun). "Für die guten Schüler geht der Weg weiter zu Gymnasium und eventuell zur Hochschule", so Scheid. Außerdem gebe es noch eine Art Fachoberschule.

Berufe wie Schreiner, Taxifahrer, Busfahrer oder Friseurin haben die Kursteilnehmer aufnotiert. Sie alle verfügen über eine gewisse Schulbildung . "Am Anfang der Flüchtlingswelle sind die Hochgebildeten zu uns gekommen", erinnert Scheid. Inzwischen steige die Quote derer, die erst einmal alphabetisiert werden müssen.

Um Herauszufinden, in welchem Sprachkurs ein Flüchtling am besten aufgehoben ist, gibt es einen Sprachtest. Das erklärt gerade Motsch. Danach entscheidet sich, ob als erstes ein Vorbereitungskurs (drei Monate) oder ein Alphabetisierungskurs (neun Monate) besucht werden muss. Beide führen zum Integrationskurs (sechs Monate).

Das Sprachniveau wird in die Kategorien A 1 bis C 2 aufgeteilt. Mit A1-Niveau einen Job in Deutschland zu finden, sei nahezu unmöglich, sagt Motsch. A 2 genüge für Helfertätigkeiten und Reinigungsjobs. B 1 wird mit Ende des Integrationskurses erreicht. Das reiche für Jobs im Bereich Lager oder Logistik. Wer eine Ausbildung anstrebt, braucht Sprachniveau B2, Ärzte C 1 oder C 2. "Eine der häufigsten Fragen, die gestellt wird, lautet: Was tun wir bis zum Sprachkurs?", weiß Scheid aus Erfahrung. Auch darauf geht das Team Motsch/Mohammed ein. Ein-Euro-Jobs oder Praktika seien möglich.

Ein weiterer Kollege des Jobcenters stößt zu der Runde dazu. Stefan Scheer ist Teamleiter im Bereich Geldleistungen. Bei ihm geht es um "Money" (Geld), sagt er. Dieses Wort zaubert ersteinmal ein Lächeln auf die Gesichter der Flüchtlinge. Dann aber wird es kompliziert. Und wieder geht es um Anträge und Formulare. Wenn sie umziehen wollen, muss eine Mietbescheinigung her. Und das künftige Domizil muss "angemessen" sein. Was dieses Wort bedeutet, erklärt ein Merkblatt auf Arabisch. Hier steht, wie viel ein Appartement für wie viele Personen kosten darf. Ein Beispiel: Die Grundmiete für drei Personen liegt bei 310 Euro.

Viele Abkürzungen und lange, deutsche Behördenwörter dringen erstmals in die Ohren der Neunankömmlinge. Mohammed erklärt wortreich, umschreibt. "Die Teilnehmer sind aufmerksam bei der Sache", lobt Scheid. Doch nach knapp eineinhalb Stunden dürften deren Köpfe qualmen. Sind es doch reichlich Informationen, die es sich zu merken gilt. Eines wird besonders deutlich: Viele Formulare werden ihren Weg in ein neues Leben in Deutschland pflastern. Möchte ein Flüchtling Verwandte außerhalb des Landkreises St. Wendel besuchen, einen Job annehmen, Kindergeld beantragen, heiraten oder wird er arbeitsunfähig durch eine Krankheit - über all das und noch vieles mehr muss er Meldung beim Jobcenter machen. Es gilt, jeden Schritt zuvor anzumelden, jede Veränderung zu melden, das Einverständnis einzuholen.