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Gedenktag
Erinnerung mahnt zur Wachsamkeit

Florian Hagenbourger, Marie Hagenbourger und Julia Kümmel (v. links) haben sich filmisch mit der lokalen NS-Geschichte auseinandergesetzt.
Florian Hagenbourger, Marie Hagenbourger und Julia Kümmel (v. links) haben sich filmisch mit der lokalen NS-Geschichte auseinandergesetzt. FOTO: Frank Faber
St. Wendel. St. Wendel gedenkt mit einer zentralen Veranstaltung im Missionshaus, ehemals eine Napola-Stätte, der Opfer des Nazi-Terrors.

Mehr als 70 Jahre liegen die Verbrechen der Nazis zurück. Seit 2015 wird im Landkreis St. Wendel mit einer zentralen Veranstaltung am Internationalen Tag des Gedenkens der Opfer gedacht. „Wir wollen daran erinnern, dass die barbarischen NS-Gräueltaten auch bei uns vor Ort stattgefunden haben“, sagte Landrat Udo Recktenwald (CDU) während seiner Rede in der Aula des St. Wendeler Arnold-Janssen-Gymnasiums (AJG).


An gleicher Stelle, wo Recktenwald und der Historiker Bernhard W. Planz die 200 Gäste begrüßten, richtete im Herbst 1941 wohl ein Zugführer seine Worte an die Schüler einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (kurz: Napola). Die drei AJG-Schüler Julia Kümmel, Marie Hagenbourger und Florian Hagenbourger haben im vergangenen Jahr einen außergewöhnlichen und preisgekrönten Film produziert: „Zwischen Christuskreuz und Hakenkreuz. Eine Spurensuche zur Napola-Zeit des St. Wendeler Missionshauses“ lautet der Titel des Werkes, das die Jahre beleuchtet, in denen die Nazis hinter den Mauern des Missionshauses ihre Nachwuchskader ausbildeten. Das Ergebnis ihrer Recherche flimmerte bei der Gedenkveranstaltung über die Leinwand.

Die 1933 an die Macht gekommenen Nazis sahen von Beginn an in den konfessionellen Schulen die geistigen Feinde einer Jugenderziehung in ihrem Sinne. 1939 forderte die NSDAP-Gauleitung Saar-Pfalz von den Kommunalleitungen die „Beseitigung aller klösterlichen und sonstigen bekenntnismäßig geführten Schuleinrichtungen“. Gegen den Steyler Missionar Pater Backes erging Haftbefehl, 1940 wurde die Schule geschlossen, alle Kreuze abgehängt und 120 Missionshaus-Schüler in die St. Wendeler Oberschule überführt. Ab dem 1. September 1941 bis in den März 1945 war die Schule eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt, eine Eliteschule zur Heranbildung des nationalsozialistischen Führernachwuchses. Pater Becker als Leiter des Hofes und sechs Brüder wurden dienstverpflichtet und mussten bleiben, damit Landwirtschaft und Werkstätten weitergeführt werden konnten. „In St. Wendel ist das schon als Belastung empfunden worden, aber eine Reaktion oder einen Aufschrei gab es nicht“, erinnert sich Zeitzeuge Hermann Scheid, seinerzeit Schüler am heutigen Gymnasium Wendalinum. Zur Zulassung an der Napola haben die Schüler einen Arier-Nachweis bis zu den Urgroßeltern vorlegen und eine achttägige Aufnahmeprüfung absolvieren müssen.



„Das waren ganz stramme Buben, für uns Helden in Uniform, die wir als Fan bewundert haben“, erinnert sich die 91-jährige Helga Glattfeld aus St. Wendel. Gemeinsam mit ihren Freundinnen habe sie die Jungs bei ihrem Ausgang in der Bahnhofstraße angelächelt. „Was waren wir so stolz, wenn wir von ihnen zum Sportfest eingeladen wurden“, sagt die Seniorin. Aber völlig naiv sei sie seinerzeit gewesen. „Die Erziehung war damals völlig anders. Ich habe immer meinen Eltern gehorcht“, blickt Zeitzeugin zurück. Eine Freundin habe später noch über einen längeren Zeitraum den Kontakt zu einem ehemaligen Napola-Schüler gepflegt.

Etwa 300 Schüler sind an die Eliteschule gekommen, darunter einige aus der Region. Insgesamt 220 Namen sind dem Filmteam bekannt. Ein Abitur wurde nicht abgelegt, wednngleich der Besuch zur Hochschulreife führte. Wie in der Mehrzahl der 38 Napolas reichsweit, waren auch  in der St. Wendeler Schulleitung SS-Angehörige tätig. Lehrer und Studienräte waren Zugführer. Ein Balkonsprung aus einer Höhe von fünf Metern in ein ausgebreitetes Tuch gehörte zur Mutprobe, der Keulen-Weitwurf bei Geländespielen, einer Art vormilitärischen Ausbildung, sollte den abgewandelten Wurf einer Handgranate darstellen.

Mit Kriegsende war der Spuk für die Steyler Missionare vorbei. Am 19. März 1945 besetzten die US-Amerikaner St. Wendel und bezogen bis zum Sommer mit zeitweilig 800 Mann die Anlage. Danach richtete bis Januar 1946 das französische Militär ihr Quartier im Missionshaus ein. Im April 1946 hob die französische Militärbehörde die Beschlagnahmung auf und die Ordensgemeinschaft erhielt das Verfügungsrecht über die Anlage zurück, Mitbrüder und Schüler kehrten zurück. Das 50. Jubiläumsjahr des Missionshauses im Jahre 1948 konnte christlich gefeiert werden.