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Projekt
Ein Kümmerer für die Kommunikation

Halt geben in den letzten Lebensstunden, damit die Menschen zuhause sterben können. Das ist das Anliegen des Modellprojekts „Allgemeine Ambulante Palliativversorgung im Landkreis St. Wendel“.
Halt geben in den letzten Lebensstunden, damit die Menschen zuhause sterben können. Das ist das Anliegen des Modellprojekts „Allgemeine Ambulante Palliativversorgung im Landkreis St. Wendel“. FOTO: dpa / Jens Wolf
St. Wendel. Ein Modellprojekt in Sachen ambulante Palliativ-Versorgung ist zu Ende. Dabei ging es auch um den Austausch zwischen Mediziner, Pflegedienst und Hospizhilfe. Damit es die Treffen weiterhin gibt, wurde ein St. Wendeler Internist zu Obmann auserkoren. Von Evelyn Schneider

Gut einen Zentimeter ist er dick, der Abschlussbericht des Modellprojektes „Allgemeine Ambulante Palliativversorgung im Landkreis St. Wendel“. Dessen Ziel war eine flächendeckende medizinische Betreuung, um den Menschen ihren oftmals letzten Wunsch zu erfüllen: zuhause sterben zu können (wir berichteten). Partner des Projektes waren die Kassenärztliche Vereinigung Saarland und die Christliche Hospizhilfe im Landkreis St. Wendel. Die wissenschaftliche Begleitung übernahm Professorin Martha Meyer vom an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (HTW) angesiedelten Institut für Gesundheitsforschung- und technologie (igft)  mit ihrem Team.


Teamarbeit – darum ging es auch bei dem Modellprojekt selbst, das von 2015 bis 2017 lief. Denn Hausärzte, Palliativmediziner, Pflegedienste und Hospizhilfe arbeiteten bei der Betreuung der Patienten eng zusammen. Wobei innerhalb der zwei Jahre eine Entwicklung erkennbar war. Wie Dagmer Renaud vom igft berichtet, sei beispielsweise vielen Medizinern zu Beginn nicht bewusst gewesen, welches Leistungsspektrum die St. Wendeler Hospizhilfe anbietet. Ihr habe man lediglich Begriffe wie Sterbebegleitung und Seelsorge zugeschrieben, nicht aber eine palliativ-pflegerische Beratung. Und genau diese könnte das Zeitmanagement der Ärzte entlasten, wenn Beratungsgespräche mit Angehörigen für sie entfielen.

Der Bedarf an Pflege im ambulanten Bereich werde steigen. Das betont Professor Martha Meyer. „Das Szenario ist nur in interdisziplinären Teams zu stemmen.“ Die Berufsgruppen könnten voneinander lernen, sich ergänzen. Von 39 Arztpraxen im Landkreis St. Wendel beteiligten sich 22 an dem Modellprojekt. 33 Mediziner betreuten in den zwei Jahren 86 Patienten. Krebsleiden, Herz-Kreislauferkrankungen, Krankheiten aus dem psychischen Bereich (vor allem auch Demenz) sind die drei häufigsten Diagnosefelder jener Menschen, die palliativ betreut werden.

Ein wichtiges Thema innerhalb der Studie war die Kommunikation. Vor dem Projekt gab es selten einen Austausch zwischen Hausarzt, Pflegedienst und Hospizhilfe. Um diesen zu fördern, wurden so genannte Qualitätszirkel ins Leben gerufen. Regelmäßige Treffen, bei denen sich die beteiligten Berufsgruppen über Patienten und deren Krankheitsverlauf unterhalten konnten. Diesen Austausch und die Zusammenarbeit bewertete Paul Herrlein, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Hospiz Saarland, als wichtig im Sinne des Patienten. Auch bei den Angehörigen würde dies für Zufriedenheit sorgen.

Viele Zahlen, Fakten, Entwicklungen und Erkenntnisse sind in dem Abschlussbericht zusammengefasst. Doch was nun? Die Sorge, dass das Werk in irgendwelchen Schubladen verstauben, das Projekt einfach so abgehakt werden könnte, treibt die Beteiligten um. „Es geht uns um Nachhaltigkeit“, betont Martha Meyer. Andere Landkreis könnten ein Nutzen aus dem ziehen, was das Modellprojekt im Landkreis St. Wendel an Ergebnissen aufgezeigt hat. „Was wir uns heute überlegen, ist unser aller pflegerische Zukunft.“



Sozialleistungen sind eine zentrale Aufgabe der Landkreise. Daher hat Landrat Udo Recktenwald (CDU)  zugesagt, das Modellprojekt „Allgemeine Ambulante Palliativversorgung im Landkreis St. Wendel“ seinen Landratskollegen und im zuständigen Ministerium vorzustellen. Ihm gehe es auch um die Frage, wie die Arbeit in den Qualitätszirkeln verstetigt werden könne. Denn aktuell laufen diese auf ehrenamtlicher Basis. Der Zeitaufwand für die Treffen wird nicht entlohnt. Aber vielleicht könnten mehr Mediziner gewonnen werden, wenn es eine Vergütungsregelung geben würde?

Wenn es darum geht, mehrere Menschen zusammenzubringen, braucht es jemanden, der die Treffen initiiert, die Regelmäßigkeit im Blick behält. In diesem Zusammenhang hat Wolfgang Herian von der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland eine gute Nachricht für den Landkreis. „Wir haben einen Kümmerer für das Projekt gesucht und gefunden.“ Der St. Wendeler Internist Frederik Schumann werde die Qualitätszirkel-Arbeit fortführen.