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Ausbildung
Zwei, die sich am Arbeitsplatz zu Hause fühlen

Schwester Jesmy aus Indien und der afghanische Flüchtling Hossein absolvieren eine Ausbildung zum Altenpfleger. Die beiden unterhalten sich mit den Senioren Alfons Scheer (links) und Paul Recktenwald.
Schwester Jesmy aus Indien und der afghanische Flüchtling Hossein absolvieren eine Ausbildung zum Altenpfleger. Die beiden unterhalten sich mit den Senioren Alfons Scheer (links) und Paul Recktenwald. FOTO: B&K / Bonenberger/
St. Wendel. Schwester Jesmy aus Indien und Hossein aus Afghanistan absolvieren eine Ausbildung bei der Stiftung Hospital in St. Wendel. Von Evelyn Schneider

„Waschlumbe – Was ist das?“ Schwester Jesmy erinnert sich noch genau daran, als sie zum ersten Mal den typisch saarländischen Ausdruck hörte und sich keinen Reim darauf machen konnte. Deutsche Sprache und der Dialekt – ganz einfach war das nicht. Aber inzwischen verstehe sie fast alles, sagt sie und lacht. Seit sechs Jahren ist die Ordensschwester aus Indien schon hier. Schnellen Schrittes geht sie über das Gelände der Stiftung Hospital St. Wendel. „Ich fühle mich wie zu Hause“, sagt die 35-Jährige und öffnet die Tür zu „ihrer“ Station. Einige der Senioren sitzen gerade bei Kaffee und Kuchen im Aufenthaltsraum zusammen. Mit einem Lächeln auf den Lippen begrüßt sie die Männer und Frauen, verharrt hier und da zu einem kurzen Plausch. In Schwester Jesmys Heimat gibt es keine Altenheime und keine Altenpflege wie hier in Deutschland. „Die alten Leute leben zu Hause und Angehörige kümmern sich um sie“, berichtet sie. Die Ordensfrau hat auch ein Praktikum im Krankenhaus absolviert, aber schnell gemerkt, dass sie lieber mit alten Menschen arbeitet. Diesen Herbst ist sie ins dritte Ausbildungsjahr zur Altenpflegerin gestartet. Die deutsche Grammatik bereite ihr manchmal noch Schwierigkeiten. „Aber meine Mitschüler sind sehr nett und helfen mir.“


Diesen Kampf mit der deutschen Sprache kennt auch Hossein Mohammadi. Der 21-jährige Afghane ist seit drei Jahren in St. Wendel. Als er als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling ins Land kam, war es die Stiftung Hospital, die ihm in einer speziellen Wohngruppe das erste Zuhause in der Fremde gab. Jetzt ist er ins zweite Ausbildungsjahr als Altenpfleger gestartet. Es gelte, viele Fachbegriffe zu lernen. „Ich kämpfe“, sagt er und lächelt. Der Afghane hat auch in andere Berufszweige reingeschnuppert. So absolvierte er ein Praktikum als Automechaniker. „Aber ich hatte Pech und musste ins Krankenhaus“, erzählt er. Dort habe er sich lange mit den Pflegern unterhalten und über die Möglichkeit nachgedacht, in einer Klinik zu arbeiten. „Aber im Krankenhaus bleiben die Leute oft nur eine Woche.“ Es ist ein Kommen und Gehen. Im Seniorenheim dagegen habe er viel Kontakt mit den alten Menschen. „Ich fühle mich wie zu Hause.“ Oft erzählten die Bewohner aus ihrer Jugend oder sie redeten über Afghanistan. Für Hossein Mohammadi war es nicht leicht, seine Familie und das gewohnte Umfeld zu verlassen. „Man hat immer Heimweh“, sagt er. Auch wenn er inzwischen Freunde gefunden hat. Die Ausbildung bei der Stiftung Hospital bedeute für ihn auch, beschäftigt zu sein. „Ich fühle mich nicht mehr so allein.“ Es mache ihm Spaß, wenn er unter Menschen sein kann.

Ob Ordensschwester, Flüchtling oder Langzeitarbeitsloser – die Biografien der aktuell 43 Azubis der Stiftung Hospital sind vielfältig. Die meisten kennen den Sozialdienstleister schon länger. In der Regel haben die Bewerber bereits ein Praktikum oder ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolviert, ehe sie die Ausbildung beginnen. „Das ist von Vorteil für uns und für die jungen Leute, weil beide Seiten wissen, ob es passt“, sagt Dirk Schmitt, Direktor der Stiftung Hospital. In seinem Haus gebe es eine niedrige Abbrecherquote von unter fünf Prozent. Im Oktober haben 20 Männer und Frauen die Ausbildung zum Altenpfleger begonnen. Sie wurden aus 60 Bewerbern ausgewählt. Fürs nächste Jahr liegen bereits sechs Bewerbungen vor. „Wer gute Fachkräfte möchte, der muss auch gut ausbilden“, sieht sich Dirk Schmitt in der Pflicht. Von Kurzzeitpflege über die Betreuung Demenzkranker bis hin zur Pflege von Intensivpflegepatienten deckt die Stiftung Hospital viele Bereiche in der Altenhilfe ab. Während der drei Jahre hätten die Azubis so die Chance herauszufinden, wo genau ihre Stärken liegen. Altenpfleger sei ein krisensicherer Beruf. Aber, darauf weist Schmitt hin, er beinhalte eben auch Schichtdienst und Wochenendarbeit. Hossein Mohammadi weiß noch genau, wie ihn ein skeptischer Freund darauf aufmerksam machte, dass er in dem Job keine Feiertage mehr habe. „Jetzt absolviert er auch ein Praktikum hier“, verrät der 21-Jährige.



Mit die beste Werbung für den Beruf ist Angelika Gerharth, die für die Azubis der Altenpflege zuständig ist. „Ich bin seit 40 Jahren in der Pflege. Es ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, aber es wird auch nie langweilig. Täglich warten neue Herausforderungen. Das hält jung.“ Um die Azubis zu unterstützen, gibt es bei der Stiftung Hospital jeden Dienstag einen Studientag, an dem verschiedene Themen aus der Schule vertieft werden. Außerdem engagiert sich ein Kollege in seiner Freizeit, um Hossein, Schwester Jesmy und anderen Nachhilfe in Deutsch zu geben. „Es ist schwierig, Sprachförderung zu bekommen“, merkt Gerharth an. Dabei sei die Sprache eine wichtige Voraussetzung für Integration.

Der erfahrenen Pflegerin ist aufgefallen, dass gerade Menschen wie Hossein und Schwester Jesmy, die aus einem anderen Kulturkreis kommen, den Älteren eine andere Wertschätzung entgegenbringen als die jungen Leute hier. „Manchmal kommen die Kinder der Senioren vorbei, sagen ,Hallo, wie geht es‘ und gehen wieder. Dann weinen die alten Leute oft“, erzählt die Ordensschwester. Für einen Moment wirkt sie betrübt. Dann ruft eine Seniorin im Rollstuhl nach ihr. „Ich helfe Ihnen“, sagt die 35-Jährige und bringt die Dame auf ihr Zimmer.