| 21:08 Uhr

St. Wendel
Auch die Nähe zum Gotteshaus half nicht

Etwa 500 Fans schauen gemeinsam an der Basilika voller Erwartung das späterhin doch enttäuschende Spiel der deutschen Nationalmannschaft.
Etwa 500 Fans schauen gemeinsam an der Basilika voller Erwartung das späterhin doch enttäuschende Spiel der deutschen Nationalmannschaft. FOTO: Frank Faber
St. Wendel. Beim Public Viewing in der St. Wendeler Altstadt blieben nach fast 100 Minuten Fußball fassungslose Fans zurück. Von Frank Faber

Deutschlands Elitefußballer haben jetzt Urlaub. Der Weltmeister muss nach der 0:2-Niederlage im letzten Gruppenspiel gegen Südkorea die Heimreise antreten. Mehr als gefühlte 500 Fans verfolgten den WM-Supergau beim Public Viewing in St. Wendel. Kurz vor 16 Uhr marschierten die Anhänger des DFB-Teams noch zuversichtlich in Richtung Open-Air-Kino Spinnrad.


Eine Frisörin im grünen Auswärtstrikot der Nationalmannschaft verschönerte zu dem Zeitpunkt noch den Haarschopf einer Kundin. Im Barbershop hat sich noch ein junger Mann stylen lassen. WM-freundlich ist die Stadtverwaltung: pünktlich zum Anpfiff haben die Mitarbeiter ihren Dienst erledigt. Einige Zuschauer fragen sich, warum Thomas Müller zunächst draußen sitzt, dafür Mesut Özil mitmischen darf. Ein lautes „Oh“ geht durch die Menge, weil Schlussmann Manuel Neuer einen Ball fallen lässt. Bis zur Halbzeitpause bleibt es so ruhig, dass Pastor Klaus Leist nebenan in der Wendelinus-Basilika seine Predigt deutlich und verständlich hätte verkünden können. Keine Torchance der Nationalmannschaft, keine Anfeuerungsrufe in St. Wendel. Nur ein einzige Fähnchen weht im Wind. Liegt es etwa am Siebenschläfertag? Aber nach dem Kopfball von Leon Goretzka ist erstmals eine emotionale Regung der Menschen zu vernehmen. Die nächste folgt: Schweden geht im Parallelspiel gegen Mexico mit 1:0 in Führung. Bestens, Deutschland ein Tor gegen Südkorea, doch die Spieler schaffen es nicht mit irdischen Mitteln. „Deutschland braucht wieder ein Wunder“, ist ZDF-Reporter Bela Rethy überzeugt. Direkt neben dem Domizil des Universalheiligen Wendelin sollte das doch in der Kreisstadt möglich sein. Doch Özil trabt, Gomez stolpert und die Fans leiden. Um 17.52 Uhr schießt Südkorea den Ball in den deutschen Kasten. „Nein, nein“, schreien ein paar Mädels. Plötzlich sind am Spinnrad alle nervös und haben das Ausscheiden des Weltmeisters vor Augen. Dessen Beerdigung findet mit dem 0:2 direkt neben dem St. Wendeler Gotteshaus statt. Schluss, aus, raus, die ersten hauen ab. Allerdings fair, es gibt keine Pfiffe oder Buh- und Schmährufe. Das Sommermärchen 2006 reloaded ist geplatzt, ein Alptraum ist pure Realität. Ein paar Jungs nehmen es gelassen, spülen die Blamage mit einem kräftigen Schluck Gerstensaft runter. Andere wiederum sind entsetzt, wirken gelähmt und bleiben wortlos mit leerem Blick auf der Bierbank kleben. Viele der bereits abgewanderten Fans vernehmen Rethys Worte als Hörfunk: Schweden und Mexico sind weiter, der Weltmeister sang- und klanglos ausgeschieden.