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Antrittsbesuch
„Schön, dass es solch eine Einrichtung gibt“

Bundespräsident zu Gast in Otzenhausen FOTO: B&K- Bonenberger & Klos / B&K Fotograf Bonenberger
Otzenhausen. Die letzte Station seines Antrittsbesuchs führte Bundespräsident Steinmeier an die Europäische Akademie nach Otzenhausen. Von Sarah Konrad

Anja Kritinin zittert. Ihre Hände sind rot vor Kälte, die Jeans völlig durchnässt. Seit 90 Minuten steht sie im strömenden Regen. Und wartet. Ihre Augen sind auf die Europäische Akademie Otzenhausen (EAO) gerichtet, in ihnen spiegelt sich das Blaulicht von Polizei-Motorrädern. „Wir wollten einfach mal sehen, wie so ein Staatsbesuch abläuft“, sagt die 16-Jährige. Mit vier Freunden quetscht sie sich unter einen pinkfarbenen Regenschirm. Alle halten ihre Smartphones bereit, träumen von einem Foto mit dem Stargast. „Der Bundespräsident kommt eben nicht so oft in unser kleines Dörfchen“, sagt Kritinin.


Sie ahnt nicht, dass Frank-Walter Steinmeier zur selben Zeit in höchsten Tönen von ihrer Heimat spricht. Insbesondere von der Europäischen Akademie. „Ich war schon mal in der Region und kenne das Saarland von früheren Reisen“, erzählt der Bundespräsident. Da er sich die EAO bisher noch nicht anschauen konnte, habe er sie für seinen Antrittsbesuch im Saarland auf die Liste gesetzt. „Ich war ganz neugierig. Erstens, wie sie aussieht und zweitens, wie hier gearbeitet wird“, sagt Steinmeier auf Nachfrage der Saarbrücker Zeitung. Und sein Eindruck fällt durchweg positiv aus. „Ich bin echt begeistert“, erklärt er nach einer Podiumsdiskussion.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Zweiter von rechts) und seine Frau Elke Büdenbender bei ihrem Besuch in Otzenhausen. Saar-Ministerpräsident Tobias Hans (Dritter von links) und seine Gattin Tanja begleiten sie.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Zweiter von rechts) und seine Frau Elke Büdenbender bei ihrem Besuch in Otzenhausen. Saar-Ministerpräsident Tobias Hans (Dritter von links) und seine Gattin Tanja begleiten sie. FOTO: Sarah Konrad


Gut eine Stunde lang redeten der Bundespräsident und seine Frau Elke Büdenbender mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Auch Saar-Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) saß auf dem Podium. Das Thema: das Verhältnis zwischen Demokratie und Europa. Steinmeier erläuterte, dass es an der Zeit sei, die europäische Lethargie der vergangenen Jahre zu überwinden und Europa wieder handlungsfähig zu machen. Dabei setze er vor allem auf die neue Bundesregierung und den französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Es sei ihre Aufgabe, die Menschen von der Notwendigkeit Europas zu überzeugen. Und wie? „In offenen Fragen, in denen Europa Lösungen anbieten könnte, muss es auch Lösungen liefern“, betonte der Bundespräsident. Es genüge nicht mehr, Europa als Friedensprojekt zu verkaufen. Das reiche vor allem für die jüngeren Generationen nicht aus. Denn die seien mit der Selbstverständlichkeit dauerhaften Friedens aufgewachsen.

Elke Büdenbender hält es daher für umso wichtiger, in allen Ländern alle Bürger mitzunehmen. „Ich denke, unser größter Schatz sind die jungen Menschen“, erklärte die Frau des Bundespräsidenten. Europa dürfe kein Akademiker-Projekt und kein Europa der Eliten werden. „Wir müssen es daher schaffen, dass allen Kindern, egal aus welchen Schichten sie kommen, eine gute Bildung zuteil wird.“

Eine Gefahr für Europa sieht Steinmeier auch in der weltweit wachsenden Polarisierung der Gesellschaft. „Das hat damit zu tun, dass die Akzeptanz des Kompromisses verloren geht“, ist der Präsident überzeugt. Der werde heute nicht mehr als Wesenselement von Demokratie begriffen, sondern eher als Defizit. „Das müssen wir ändern“, forderte er. Demokratie bedeute nicht, am Ende immer recht zu haben. Jeder müsse auch einmal Abstriche machen. Zum Abschluss bedankte sich Steinmeier für die Diskussionsrunde. Bei solchen Debatten könne auch ein Bundespräsident noch neue Erfahrungen sammeln, sagte er. Sein Fazit zur Europäischen Akademie: „Wie schön, dass es solch eine Einrichtung gibt.“

Da hat sich das lange Warten doch noch gelohnt: Der Bundespräsident winkt den Jugendlichen zu, die diesen Moment mit ihren Handys festhalten.
Da hat sich das lange Warten doch noch gelohnt: Der Bundespräsident winkt den Jugendlichen zu, die diesen Moment mit ihren Handys festhalten. FOTO: Sarah Konrad

Wenig später ist der zweitägige Antrittsbesuch des Staatsoberhauptes vorbei. Am Mittwochnachmittag um Punkt 16.50 Uhr machen sich Steinmeier und seine Frau wieder auf den Weg nach Berlin. Gleich vorm Eingang der EAO steigen sie in die schwarze Limousine. Anja Kritinin und ihre Freunde stehen etwa 50 Meter entfernt. Polizisten sperren das Gelände ab. Auf Zehenspitzen versuchen die Schaulustigen, wenigstens einen Blick auf Steinmeier zu erhaschen. Vor lauter Regenschirmen können sie aber nicht einmal erkennen, wer von den ganzen Anzugträgern überhaupt der Bundespräsident ist.

„Wir haben gedacht, dass wir näher ran dürfen“, sagt Kritinin enttäuscht. „Ich habe auf ein Selfie mit dem Präsidenten gehofft“, gesteht ihre Freundin Katharina Kamerloh, während sich der Tross langsam in Bewegung setzt. Und dann werden die Jugendlichen doch noch für ihre Ausdauer belohnt. Steinmeier fährt das Fenster herunter und winkt ihnen zu. Kritinen zückt ihr Smartphone. Die Szene ist im Kasten. Die 16-Jährige sieht sich das Video noch einmal an. Schließlich macht auch sie sich auf den Heimweg. Halb erfroren, aber glücklich.

Bundespräsident zu Gast in Otzenhausen FOTO: B&K- Bonenberger & Klos / B&K Fotograf Bonenberger