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Sprach-Relikte im Saarländischen

Büschfeld/Überlosheim. Jenisch wurde auch im Saarland von fahrenden Händlern gesprochen. Auch heute noch gibt es jenische Wörter, die in die Dialekte übergegangen sind. Das jetzt erschienene Wörterbuch stellt die Sprache vor. Von SZ-MitarbeiterErich Brücker

Französisch, Englisch oder auch Spanisch sind uns Menschen allseits bekannte Fremdsprachen. Aber Jenisch? Davon haben sicherlich nur die wenigsten unserer Zeitgenossen gehört, wenngleich diese Sprache auch bei uns im Saarland gesprochen wurde - und zwar vornehmlich in den Orten Überlosheim, Dörsdorf und Lautzkirchen. Professor Maria Besse, Sprachwissenschaftlerin an der Universität des Saarlandes, hat zusammen mit ihrem Mann Thomas ein 214-seitiges Wörterbuch über diese vom Verschwinden bedrohten Sprache und ihre Anwender zusammengestellt.

Über 100 alte Fotos

Das Buch ist reichlich bebildert mit mehr als 100 Fotos zur Erläuterung der über 500 Wortartikel und mit historischen Fotos aus der dörflichen Gemeinschaft in Überlosheim und Dörsdorf. Herausgeber des Buches ist der Verein der Heimat- und Geschichtsfreunde Büschfeld zusammen mit dem Verein für Heimatgeschichte Thalexweiler. Im Rahmen einer öffentlichen Präsentation, zur der Ortsvorsteher Armin Fuchs (Büschfeld) zusammen mit dem Vereinsvorsitzenden Kurt Braun eingeladen hatte, wurde das Buch im Bürgerhaus in Überlosheim der Öffentlichkeit vorgestellt.

"Jenisch ist eine Sondersprache, die überwiegend von fahrenden Händlern wie Korbflechtern, Besenbindern oder Scherenschleifern, aber auch Handwerkern auf der Walz sowie Lumpenkrämern und Schaustellern benutzt wurde", klärte die Autorin über die Sprache auf. Im ganzen Saarland gebe es noch Relikte der alten Händlersprache der Jenischen, die diese benutzten, um sich untereinander zu verständigen und um von anderen nicht verstanden zu werden. Damit wollten sie ihren eigenen Zusammenhalt schaffen. Von daher sei das Jenische ein wertvolles, überwiegend mündlich tradiertes Kulturgut, das bewahrt werden muss.

Denn die älteste Generation der Jenischen ist schon zum größten Teil verstorben. In Dörsdorf finden sich noch etwa sechs Personen, die es fließend sprechen können, und in Überlosheim sollen es noch zehn sein. "Die Europäische Charta hat das Jenische 1998 wie andere Regional- oder Mindersprachen auch unter Schutz gestellt", betonte Besse. Darüber hinaus sei das Jenische eine höchst interessante Sprache, die verschiedenartige Anleihen aus anderen Sprachen getätigt und viele bildliche Ausdrücke geschaffen habe, wie zum Beispiel Langohr für den Hasen oder Dickschwanz für den Fuchs.

Heute sind zahlreiche jenische Wörter in die dörflichen Dialekte übergegangen. Noch heute brät man die Kartoffeln im "Fonkert", in der Glut des Schwenkfeuers, so dass "Schogge", das sind schwarze Kartoffeln entstehen. Viele kennen aber auch den Ausdruck "noowes Lowi im Kiss", der soviel bedeutet wie "kein Geld im Geldbeutel". Und in der Gastwirtschaft kann man "zwei Schäimertsche und einen Gefinkelten", also zwei Bier und einen Schnaps bestellen. Worte des Dankes richtete Besse an Edda Dittmann, Familie Joseph sowie Josef Bold, den ehemaligen Lehrer an der Volksschule in Überlosheim, die ihr bei ihren Nachforschungen zum Wörterbuch viel Freizeit geopfert und geholfen hätten.


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AUF EINEN BLICKWeitere Beispiele: aus dem Jenischen: "Knéffi, schòòg schiewes, de Haudz kémmd geschòògd!" ("Junge, hau ab, der Mann kommt angerannt!"); "De Fissel schäffd schabbisch" ("der junge Mann ist unsympathisch"); "Dä Knéffi had kää Loowi meh äm Kiss, da kanner kei Schäimerd meh schwäsche." ("Junge, hast du noch Geld? Dann kannst du noch ein Glas Bier trinken."); "Isch hann Blattling geminkeld." ("Ich habe Salat gegessen."); "Der Knéff, de ruußd mäd Bachkadzen." ("Der Junge wirft mit Steinen."); "Mir schieße mäd der Pimm." ("Wir schießen mit der Steinschleuder."); "De härlesse Haudz beknäißd noowes." ("Der Mann versteht nicht."); "Ed diewerd geer jeenisch." ("Sie spricht gerne jenisch."); "Mir schòòge änd Bildsche." ("Jetzt gehen wir zu Bett."); "Der had Muppesjer." ("Er hat Läuse."); "Oh weh, da gréschde äwwer de Kiewes gekuffd!" ("Pass auf, sonst bekommst du Schläge auf den Kopf!"); "Härlesse Móssi, schdògg mer e gewande Blómberd!" ("Kellnerin, bring mir eine Flasche Bier!"); "Dòò sinn die Schwämmesjer módde gang." ("Sie gingen Fische fangen."); "Die Moss schäffd gwand Kiedscher." ("Die Frau hat viel Geld."); "Die Mossi had e gewante Hautz." ("Die Frau hat einen guten Mann"). eb