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So viel trennt Religionen gar nicht voneinander

Türkismühle. Beim Wettbewerb „Trialog der Kulturen“ setzt sich die Gemeinschaftsschule in Türkismühle (GNT) für Toleranz zwischen den Religionen ein. In Zusammenarbeit mit der Herbert-Quandt-Stiftung informierten vier jüdische und muslimische Referenten über ihre Kultur, Religion und Geschichte. Daniel Ames

Auf dem Rücken von Religionen werden zahlreiche Konflikte ausgetragen. Palästina, Afghanistan und Irak sind Fixpunkte der Schlagzeilen. Ein verschwindend kleiner Teil der religiösen Menschen verschiedener Kulturkreise prägt ein Bild, das zu unreflektiertem Schubladendenken verleitet.

"Dieses Schubladendenken gibt es auch bei den Schülern", berichtet Jörg Friedrich von der Gemeinschaftsschule Nohfelden-Türkismühle (GNT), der das Projekt "Trialog der Kulturen" leitet. "Uns fehlt die Vorstellung über die verschiedenen Lebensweisen. Wir kriegen nur die schlimmen Schlagzeilen aus den Medien mit." Um diese Sichtweise zu erweitern, lud die GNT vier Referenten ein, um in zwei Workshops eine Einführung zum Islam und dem Judentum zu geben. Vor allem die Lehrerschaft sollten sie mit ihrem Wissen auf brenzlige Fragen des Unterrichts vorbereiten.

Miyesser Ildem (Zentrum für islamische Frauenforschung und Frauenförderung Köln) und Rabeya Müller (Institut für Interreligiöse Pädagogik und Didaktik Köln) gaben in ihren Workshops eine Einführung in den Islam . Müller plädierte für eine offene Auslegung des Korans im Sinne des Zeitgeists. So würde von radikalen Vertretern der Satz "Tötet die Götzendiener, wo immer ihr sie findet" aus der neunten Sure [9:5] aus dem Kontext gerissen. Dem gegenüber steht in der fünften Sure [5:32]: "Und wer ein menschliches Wesen am Leben erhält, so ist es, als ob er alle Menschen am Leben erhält." Laut Müller steht im Koran stets die Barmherzigkeit Gottes im Zentrum.

Viele Fragen der Workshop-Teilnehmer drehten sich um das Frauenbild des Islam , besonders wegen des Zitats "diejenigen, deren Widersetzlichkeit ihr befürchtet, ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie." [4:34]. Müller: "Diese Übersetzung ist vor allem im Zusammenhang mit der darauf folgenden Sure fragwürdig, die den Streit innerhalb einer Familie durch einen Schiedsrichter klärt." Sie rät den Lehrern, mehrere Übersetzungen zurate zu ziehen, denn "es ist nicht abzustreiten, dass ein Großteil davon im Sinne eines Patriarchats geschrieben wurde."

Das jüdische Leben wurde im Landkreis St. Wendel in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Projekten beleuchtet. Trotzdem ist Jahrzehnte nach der Shoa wenig über die jüdische Kultur bekannt beziehungsweise in Vergessenheit geraten. In den übrigen beiden Workshops brachten Dr. Alina Gromova (Wissenschaftliche Mitarbeiterin im jüdischen Museum Berlin) und Manfred Levy (Fritz Bauer Institut und Jüdisches Museum Frankfurt) etwas Licht ins heutige Leben der Juden in Deutschland.

"Das Judentum ist mehr als eine Religion. Es ist eine Volkszugehörigkeit", sagt Gromova. Riten und Gebräuche kennzeichnen das jüdische Leben auch in Deutschland, wobei sich nur wenige Ultraorthodoxe an alle Regeln halten. Dazu gehört die Sabbatruhe, die freitags in der Dämmerung beginnt und bis zum Samstagabend anhält. Währenddessen sind alle körperlichen Tätigkeiten stark eingeschränkt. Laut Gromova ist aber die Bedeutung des Sabbats als Familienfest heutzutage wichtiger. Ähnlich verhält es sich mit den Regeln für koscheres Essen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten nur noch wenige Tausend Juden in Deutschland. Ihre Zahl stieg erst wieder nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Aus der ehemaligen Sowjetunion - vor allem Russland, der Ukraine und dem Kaukasus - wanderten über 200 000 Juden ein. Heute leben zirka 250 000 Juden in Deutschland.


Zum Thema:

HintergrundAm Wettbewerb Trialog der Kulturen der Herbert-Quandt-Stiftung nehmen bundesweit 22 Schulen teil, darunter die Gemeinschaftsschule Türkismühle . Ein Jahr lang wird sich die Schule mit dem Thema Religion und Kultur auseinandersetzen. Mit einem Startgeld von 3500 Euro können die Schulen Exkursionen finanzieren, Referenten einladen oder Materialen für das Projekt anschaffen. In Türkismühle wird unter anderem bei Wandertagen und Zeitzeugengesprächen die jüdische Geschichte des Orts aufgearbeitet und ein Werbevideo für Toleranz gedreht. Am Ende des Jahres entscheidet eine Jury über die besten Projekte. Diese werden mit weiteren Preisgeldern in Höhe von insgesamt 60 000 Euro ausgezeichnet. ame