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"Faninka", ein böhmisches Mosaik

Neunkirchen. Was bringt eine Lehrerin im Ruhestand dazu, mit 79 Jahren ein Buch zu schreiben, noch dazu ihr erstes größeres Prosawerk, und mühsam im Eigenverlag anzubieten? "Das Buch hat einen Auftrag. Ich möchte der ganzen Welt zeigen, was da los war", sagt Erika Dietrich im Gespräch mit der SZ Von SZ-Redakteur Gunther Thomas

Neunkirchen. Was bringt eine Lehrerin im Ruhestand dazu, mit 79 Jahren ein Buch zu schreiben, noch dazu ihr erstes größeres Prosawerk, und mühsam im Eigenverlag anzubieten? "Das Buch hat einen Auftrag. Ich möchte der ganzen Welt zeigen, was da los war", sagt Erika Dietrich im Gespräch mit der SZ. "Da" ist das Riesengebirge, genauer gesagt die Stadt Hohenelbe, die für die heutige Neunkircherin bis zum Teenager-Alter Heimat war. Nachhaltig geprägt haben sie die Erlebnisse als Kind und junges Mädchen, als auch ihre Heimat Böhmen zum Spielball der unheilvollen politischen Entwicklung in Europa wurde. Der Hitlerwahn, der vor dem zweiten Weltkrieg zur Vertreibung der Tschechen aus ihrer angestammten Heimat führte und die für Erika Dietrich viel einschneidendere Retourkutsche, als nach dem Krieg die Deutschstämmigen aus Tschechien ausgewiesen wurden.Als ihre Mutter 1983 starb, drängte es die Lehrerin - sie unterrichtete Deutsch, Musik und Religion am Steinwald-Gymnasium - die Vergangenheit schriftstellerisch zu verarbeiten, die Geschichte ihrer Familie autobiographisch zu Papier zu bringen. Seitdem waren die Gedanken "beim Geschirrwaschen, Fensterputzen, Stricken beim Buch", sagt Erika Dietrich und ihre lebhaften Augen unterstreichen dies. Auf 180 Seiten stellt sie episodenhaft, mit sparsam eingestreuter Lyrik, die Ereignisse im Umfeld von Großeltern, Eltern und schließlich ihrer Generation selbst zwischen 1896 und 1946 dar. Bitterkeit über ihr Schicksal ist herauszulesen, aber die Autorin sagt auch: "Das ist ein Buch der Versöhnung. Auch die Tschechen sollen es lesen." Sie, die Tochter einer böhmischen Mutter und eines österreichischen Vaters, hat das Werk unter dem Kunstnamen E. Vladyka herausgegeben. Und ihm in Anlehung an die zentrale Figur des Buches den Titel "Faninka" gegeben - der tschechische Kosename (zu deutsch "Fannerle") für ihre Mutter Franziska Wlassak. Vergangene Weihnachten war das "böhmische Mosaik", wie sie es selbst nennt, fertig und wurde an Bekannte und Freunde geschickt. Umgehend lobte Professor Hans Pichler, Kulturreferent des Heimatkreises Hohenelbe: "In Erikas Familiengeschichte ist die politisch bedingte Wandlung im gegenseitigen Umgang von Deutschen und Tschechen im Zeitraum von etwa 1900 bis zur Vertreibung exemplarisch festgehalten." Ihre private Odyssee führte die Autorin als junges Mädchen aus dem Riesengebirge in die Mark Brandenburg in der DDR. Dort lernte sie ihren Mann Wolfgang Dietrich kennen, damals Müller-Stift und später ebenfalls Lehrer. 1958 entschloss sich das Paar mit zwei Kindern und Erikas Eltern zur Flucht und landete über die Zwischenstation Hessen auf eigenen Wunsch im Saarland. Hier wurde Neunkirchen 1964 ihr endgültiger Niederlassungsort."Ich unterrichte liebend gern", betont Erika Dietrich. Auch mit fast 80 Jahren gibt sie noch Nachilfe. Und hofft darauf, vom Saarbrücker Kultusministerium eine Erlaubnis zu erhalten - damit sie in Schulen aus ihrem Buch lesen kann. Wer Interesse an Erika Dietrichs Buch "Faninka" hat, kann sich gerne bei ihr melden: Tel. (06821) 86 132. "Ich möchte der ganzen Welt zeigen, was da los war."Erika Dietrich zur Intention ihres autobiographischen Buches