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Einen Ausweg aus der Anspannung finden

St Wendel. 0,8 bis ein Prozent der Gesamtbevölkerung leidet unter Borderline. Dr. Ernst Kern, leitender Psychologe an den SHG-Kliniken Sonnenberg in Saarbrücken, therapiert Menschen mit dieser Persönlichkeitsstörung. Die Hälfte der Patienten sind 18 bis 25 Jahre alt. Wie sich Borderline äußert und wie Betroffenen geholfen werden kann, darüber sprach SZ-Redakteurin Evelyn Schneider mit dem Psychologen. Von SZ-Redakteurin Evelyn Schneider

Sie lächelt, als sie die Redaktion betritt. Lena ist eine sympathische junge Frau. Offen und mutig. Als sie auf dem Stuhl Platz nimmt, greift sie in ihre Handtasche und nimmt einen kleinen blauen Ball hervor. "Den brauche ich, falls die Anspannung zu groß wird", sagt die 21-Jährige. In ihrer Tasche finden sich weitere so genannte Skills. Das sind Gegenstände, die dem Gehirn einen Reiz senden und Lena so ablenken. Ablenken von dem Druck in ihr. Die junge Frau leidet unter Borderline.

Im Mai vergangenen Jahres bekam sie die Diagnose. "Es war ein Schreck und eine Erleichterung zugleich", sagt Lena. Denn endlich wusste sie, was los war mit ihr. Warum sie fühlte, wie sie fühlte. Bereits vor der Diagnose war Lena in psychologischer Behandlung. "Die Ärzte haben gesagt, ich leide unter Depressionen", erinnert sich die junge Frau. Doch sie habe immer gespürt, dass sich mehr dahinter verbirgt. "Ich habe mich selbst gehasst. Alles in mir war leblos", fasst Lena ihre Empfindungen in Worte. Dabei drückt sie den Ball in ihrer Hand.

Auf die Diagnose Borderline folgte eine 13-wöchige Therapie in den SHG-Kliniken Sonnenberg in Saarbrücken: zunächst ambulant, dann sechs Wochen vollstationär. Ein wichtiger Schritt für Lena. Zum einen, weil ihre Therapeuten ihr Wege gezeigt haben, mit Borderline umzugehen. Zum anderen, weil sie in ihrer Zimmergenossin einen Art Seelenverwandte gefunden hat. Nach dem Klinikaufenthalt spürt die 21-Jährige erste Verbesserungen. Jetzt wisse sie, dass sie weinen darf und auch, dass sie Hilfe annehmen darf. Wut und Trauer waren für Lena immer Gefühle, mit denen sie nicht umgehen konnte. "Ich habe mich zum Beispiel nicht getraut zu weinen." Schon als Kind habe sie immer für ihre Familie stark sein wollen.

Keine Schwäche zeigen, perfekt sein - Lena hat gelernt, eine Maske aufzusetzen. Sie mimt die lustige, aufgeweckte und positiv denkende junge Frau. Doch in ihr drin sieht es ganz anders aus. Kleine Fehler nagen an ihr, stunden- und manchmal tagelang. Komplimente kann sie keine annehmen, und ein Lob scheint ihr absurd. "Es ist als säße auf der einen Schulter ein Teufelchen und auf der anderen ein Engelchen. Das Teufelchen sagt: Das hast du mal wieder falsch gemacht. Und das Engelchen sagt: Aber du hast es doch versucht", beschreibt Lena den Kampf in sich. Typisch für Borderline-Patienten sei auch das Schwarz-Weiß-Denken. Ihre Gefühlslage ändert sich von dem einem zum anderen Moment. Ein Alltagsbeispiel: Lena sieht Schuhe, die sie toll findet. Wenige Augenblicke später sind dieselben Schuhe plötzlich hässlich. "Ich weiß, dass sie mir eigentlich gefallen, aber trotzdem kann ich sie dann nicht mehr anprobieren."

Kampf rund um die Uhr

Wenn Lenas Gefühle Achterbahn fahren, dann ist das auch schwierig für ihr Umfeld. Sie habe zwei echte Freunde, auf die sie immer zählen könne. Auch ihre Mutter und ihr Stiefvater stünden 100-prozentig hinter ihr. Einige wenige Menschen, bei denen sie ihre perfekte Maske fallen lassen kann.

Auch das Thema Liebe ist schwierig. "Ich kann niemandem sagen, was ich empfinde, sondern es nur aufschreiben", so Lena. Aber schlimmer noch. Wenn sie einen Mann kennen lernt, gibt sie sich alle Mühe, dass er das Interesse wieder an ihr verliert. Sie will das eigentlich nicht, aber sie tut es. Auch aus Angst, verletzt zu werden.

Borderline ist nicht heilbar. "Aber man kann lernen, damit umzugehen." Die 21-Jährige hat den Kampf gegen die Krankheit aufgenommen. "Zirka drei Stunden am Tag nimmt mich meine Krankheit ein." Auch nachts. Sie schlafe sehr schlecht, und am nächsten Morgen sei sie dann ausgelaugt. "Manchmal vergesse ich die Krankheit und dann passiert wieder eine Kleinigkeit, die mich aufregt." Ein geregeltes Leben habe sie nicht. Auf die Frage hin, was sie sich für die Zukunft wünscht, muss Lena nicht lange überlegen. "Am allermeisten wünsche ich mir, dass ich meine Krankheit so im Griff habe, dass ich im Alltag mit den Dingen besser umgehen kann."

Damit das gelingt, ist sie täglich auf der Suche nach neuen Skills. Schmecken, riechen, fühlen, hören - diese Sinne werden von den Skills angesprochen. "Wir haben eine Anspannungsskala von 1 bis 100. Von 1 bis 70 ist es normal. Alles darüber ist ein Stresshoch." Ein solches Anspannungshoch kann jederzeit entstehen. Zuhause, im Bus, im Restaurant oder in der Bahn. "Einmal bin ich barfuß durch den Zug gelaufen. Das war zwar peinlich, hat aber geholfen." Auch Eiswürfelkauen oder Rheumasalbe, die sie sich auf den Handrücken reibt, können hilfreiche Skills sein.

Druck abbauen, Wut rauslassen. Wenn Lena alleine Zuhause ist, lässt sie schon einmal Gegenstände durch die Wohnung fliegen. Ihre Wut richtet sich gegen sie selbst. Deshalb kommt es auch vor, dass sich Borderline-Erkrankte selbst verletzten. An diesem Punkt war Lena in der Vergangenheit auch einmal. Aber das ist vorbei. Was der Auslöser für ihre Krankheit war? Die 21-Jährige weiß es nicht. Hat lange darüber nachgedacht. Vielleicht das ein oder andere Trauma in der Kindheit. Aber nicht mit Absicht passiert, betont sie. "Ich akzeptiere meine Vergangenheit und schaue nach vorne."

Vielfältige Symptome

Die 21-Jährige rät allen, die das Gefühl haben, sie könnten an Borderline leiden, sich Hilfe zu suchen. "Der Gang zum Arzt war schwierig", gibt sie zu. "Zu wissen, ich bin anders als die anderen." Aber nur so konnte sie den Kampf gegen Borderline aufnehmen. "Du ritzt dich doch" - dieser Satz hat Lena dazu bewogen, in die St. Wendeler Redaktion zu kommen. Sie wollte mit Vorurteilen aufräumen, ihre Geschichte erzählen, um Betroffenen zu helfen. "Die meisten denken an Selbstverletzung, wenn sie das Wort Borderline hören". Doch es gebe vielfältige Symptome. Lena möchte nicht als Emo abgestempelt werden, als chronisch schlecht gelaunter Mensch, der sich selbst verletzt und immer Schwarz trägt. Sie hat Borderline, eine ernstzunehmende Krankheit, die ihr Leben bestimmt.

Am Ende eines jeden Tages setzt sie sich fünf Minuten ruhig hin und schreibt eine Pro- und Kontra-Liste. Was hat sie gut gemacht, was ging schief. "Achtsam sein, ist ganz wichtig". Und so fragt sich Lena immer, warum sie etwas so aufgeregt hat. "Irgendwie bin ich ein bisschen stolz auf mich", sagt sie fast verlegen am Ende des Gesprächs. Sie lächelt. Den Ball hält sie in der Hand, ganz sachte, ohne Druck. Was ist Borderline?

Ernst Kern: Der Begriff wurde in den 1930er Jahren geprägt und wurde damals verstanden als Grenzgänger zwischen Neurose (zum Beispiel eine Depression) und Psychose. (Anmerk. der Redaktion: Border heißt übersetzt Grenze). Seit den 1970er Jahren beschreibt der Begriff Borderline eine Persönlichkeitsstörung, bei der die Betroffenen aufgrund ihrer Lebensgeschichte die Welt oft auf eine eigene Art erleben. Auf Fachebene spricht man von einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung.

Welche Symptome gibt es?

Kern: Borderline wird in der Öffentlichkeit häufig über Selbstverletzung wahrgenommen. Als Leitsymptom gilt aber die schnelle und intensive innere Anspannung. Dabei können die Betroffenen immer wieder keine einzelnen Gefühle mehr unterscheiden, sondern erleben nur einen unerträglichen inneren Druck. Die Selbstverletzung ist eine Art Selbstregulierung, die im Moment gut funktioniert und kurzfristig hilft. Innerhalb von fünf bis 15 Minuten wird die Anspannung abgebaut. Langfristig leiden die Betroffenen immer mehr darunter. Das ist oft ein Grund, um sich Hilfe zu suchen. Aber nicht jeder Borderliner muss sich schneiden. 30 Prozent der Betroffenen verletzen sich nicht. Und: Nicht jeder, der sich schneidet, leidet unter Borderline. Essstörungen, Suchtverhalten, riskantes Autofahren, an seine Grenzen gehen - sind weitere typische Symptome für Borderline, um Gefühle zu regulieren.

Wie kann den Betroffenen geholfen werden?

Kern: In den SHG-Kliniken Sonnenberg bieten wir die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) an. Diese dauert 13 Wochen, davon sind sechs Wochen vollstationär. Wir arbeiten unter anderem mit einer Anspannungsskala. Dabei soll der Borderliner lernen, Anspannung zu erkennen. Im nächsten Schritt sollen sie erkennen, was diese Anspannung ausgelöst hat. Wir bieten den Patienten Alternativen zur Selbstverletzung an, mit sogenannten Skills (übersetzt: Fähigkeiten, Fertigkeiten). An Ammoniak zu riechen zum Beispiel ist auch ein starker Reiz, aber nicht verletzend. Mit der Zeit lernen die Patienten verschiedene Skills kennen, erst mit Hilfe von Gegenständen, später über innere Strategien. Wir wollen die Patienten zu Experten ihrer Krankheit machen. Ziel ist es, die Alltagstauglichkeit der Borderliner zu verbessern. Je früher die Betroffenen in Therapie gehen, desto besser. Gut Zweidritteln der Patienten kann geholfen werden.

Was bedingt Borderline, was sind die Auslöser?

Kern: Anlagefaktoren, wie das Temperament, können die Anfälligkeit erhöhen, an Borderline zu erkranken. Ein Fünftel der Borderliner hat ebenfalls ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder -störung (AD(H)S). Größere Rolle spielen die sozialen Erfahrungen. Häufig erzählen Borderliner von jähzornigen Eltern, Eltern, die ihre Kinder nicht trösten konnten oder von dem Gefühl, nicht gewollt zu sein. Borderline wird oft schon in der Pubertät sichtbar. Zweidrittel der Betroffenen haben schwere Traumata erlitten wie Missbrauch oder Misshandlung. Aber auch kleinere Traumata in der Kindheit, die nicht unbedingt beabsichtigt waren, spielen eine Rolle.