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Ein maßgeschneidertes Leben

Neunkirchen. "Nehmen Sie sich Zeit, wir wollen beim Gespräch zusammen Abend essen." Es kündigte sich schon beim ersten Telefongespräch an: Es sollte ein außergewöhnlicher Pressetermin bei Familie Pollak werden Von SZ-Redakteurin Heike Jungmann

Neunkirchen. "Nehmen Sie sich Zeit, wir wollen beim Gespräch zusammen Abend essen." Es kündigte sich schon beim ersten Telefongespräch an: Es sollte ein außergewöhnlicher Pressetermin bei Familie Pollak werden. Im Rahmen der Serie "Modernes Wohnen in alten Gemäuern" wollten wir das traditionsreiche Haus in der Hüttenbergstraße 20 vorstellen und machten einen Termin mit Otto Pollak aus. Zu Kaffee und Kuchen wurden die SZ-Vertreter schon öfter eingeladen, aber ein Abendessen im Kreis der Familie - das ist eher ungewöhnlich. Für uns Deutsche. Gabriela und Otto Pollak praktizieren jedoch nur, was in ihrer Heimat Rumänien selbstverständlich ist: großzügige und überaus herzliche Gastfreundschaft.Also plaudern wir bei Gogosi, einem frittierten Hefegebäck, und selbst gemachter Quittenmarmelade darüber, wie die Familie im April 2000 wegen der betagten Eltern aus den südlichen Karpaten ins ferne Deutschland zog. Diese lebten seit 1993 im Saarland und brauchten die Hilfe von Sohn und Schwiegertochter. Otto Pollak erinnert sich an eine schwierige Zeit der Entscheidung. Sollten er, seine Frau Gabriela und der einjährige Sohn Alfred in Deutschland neu anfangen und ihr selbst gebautes Haus, einen Managerjob und ein Nähatelier aufgeben? "Als wir dann hier waren, fiel unsere Entscheidung sehr schnell für Deutschland", sagt Otto Pollak. Und diese hat die Familie, die ein Jahr später mit Kevin Zuwachs erhielt, bis heute nicht bereut. Auch wenn der Neustart alles andere als einfach war. Otto konnte nur ein paar Brocken Deutsch, seine Frau Gabriela kein Wort. Die Schneidermeisterin musste hier noch einmal die Meisterschule absolvieren, das Erlernen der Sprache hatte also oberste Priorität. Heute spricht Gabriela fast akzentfrei Deutsch.Nach Stationen in Herrensohr, Dudweiler und Sulzbach hörte Familie Pollak davon, dass die alteingesessene Näherei Ortel in Neunkircher Hüttenbergstraße 20 schließen wolle. Im August 2007 übernahm Gabriela Pollak die Näherei und machte daraus ein Modeatelier mit Maßschneiderei, das heute einen ausgezeichneten Ruf hat und auch den verwöhntesten Kunden zufrieden stellen kann. "Je komplizierter eine Arbeit ist, desto mehr Freude habe ich daran." Zehn Menschen beschäftigt das Modeatelier inzwischen inklusive Otto Pollak, der für das Kaufmännische zuständig ist. Seine Frau bildet auch aus, denn es sei "ihre große Sorge", gelernte Schneider zu finden.Großer Enthusiasmus, viel Arbeit und eine gehörige Portion Gottvertrauen waren nötig, um sich quasi vom Punkt Null eine neue Existenz aufzubauen. Die Pollaks sind dafür auch mitten in die Stadt über das Atelier gezogen, obwohl sie mit den Kindern gern einen Garten hätten. "Aber jetzt gefällt es uns hier sehr gut", versichert Gabriela Pollak. Es sei so praktisch, überall zu Fuß hingehen zu können. Zum Ausgleich macht die Familie sonntags Ausflüge. Am 1. Mai etwa wanderten die Vier durchs Kasbruchtal: "Die Kinder fanden's toll."