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Zur Nazi-Zeit nicht mit Ruhm bekleckert

Befreiungsfeier am 1. März 1935 auf dem Schlossplatz, damals Adolf-Hitler-Platz. Foto: Landesarchiv
Befreiungsfeier am 1. März 1935 auf dem Schlossplatz, damals Adolf-Hitler-Platz. Foto: Landesarchiv FOTO: Landesarchiv
St Wendel. „Gegen das Vergessen – Orte des NS-Terrors und Widerstands im Landkreis St. Wendel“ ist der Titel einer neuen Broschüre. Sie soll über Orte und Menschen des nationalsozialistischen Terrors sowie des Widerstandes informieren. Daniel Ames

"Die Zeit des Nationalsozialismus ist im Landkreis St. Wendel genauso erfahrbar wie in den historischen Zentren Berlin, Nürnberg, Buchenwald und Auschwitz", steht im Vorwort. Die Broschüre "Gegen das Vergessen - Orte des NS-Terrors und Widerstands im Landkreis St. Wendel ", gemeinsam herausgegeben von Aktion 3. Welt Saar und dem Verein Wider das Vergessen und gegen Rassismus, beleuchtet das Gesicht der braunen Vergangenheit in der Region. Täter sowie Opfer und Widerstand sollen anhand der Orte des Geschehens ins Gedächtnis gerufen werden. Eberhard Wagner, Vorsitzender des Vereins Wider das Vergessen, und Wolfgang Johann, Projektkoordinator der Aktion 3. Welt Saar , stellten im Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung die 27 Seiten umfassende Publikation vor.

Einer der vorgestellten Orte ist der Schmuggler-Pfad bei Namborn . "Das Saargebiet war bis zum Anschluss an das Dritte Reich der letzte freie Ort auf deutschem Boden", berichtet Eberhard Wagner. Dem heutigen Landkreis St. Wendel kam dabei eine besondere Stellung zu. Durch ihn lief die Grenze zwischen dem damaligen Saargebiet - das von 1920 bis zur Volksabstimmung 1935 unter der Verwaltung des Völkerbundes stand - und dem Deutschen Reich. Wagner: "Hier fanden umfangreiche Schmuggeltätigkeiten statt." Verfolgte konnten bis 1935 über die Grenze entkommen, die durch den östlichen und nördlichen Teil der heutigen Gemeinde Namborn verlief. Ebenso drangen direkte Informationen über die Situation im Deutschen Reich ins Saargebiet. Heute führt der Premiumwanderweg Schmuggler-Pfad an den alten Grenzsteinen vorbei und erzählt einen Teil Geschichte nach.

Der Haltung der St. Wendeler Stadtbevölkerung vor der Abstimmung über die Eingliederung des Saargebiets an Deutschland ist ein weiteres Kapitel gewidmet. "Es herrschte Begeisterung nach dem Wahlergebnis," so Wagner. Mit 91,8 Prozent wurde für Hitler-Deutschland abgestimmt. Nur wenige Widerständler traten hervor, wie der Sozialdemokrat Nikolaus Wahl. Er entfernte Ende 1933 die Hakenkreuzfahne an den Fabrikschornsteinen des Reichsbahnausbesserungswerks und schloss sich nach seiner Flucht nach Frankreich dem Widerstand an. Aktivisten, die blieben, seien meist durch die Bevölkerung isoliert worden.

Die größte Opfer des Nazi-Terrors waren auch in unserer Heimat die jüdischen Bürger. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 begann unverzüglich die Verfolgung in den Orten außerhalb des Saargebiets. Bosen, Sötern und Gonnesweiler hatten größere jüdische Gemeinden. Nach heutigem Forschungsstand wurden 134 von 139 Juden deportiert und ermordet. In St. Wendel gab es zahlreiche jüdische Geschäfte. Die Broschüre listet ihre ehemaligen Standorte auf. Sie verschwanden alle zwischen 1934 und 1936. Durch den relativen Schutz des Römischen Abkommens, das den Status des Saargebiets unter dem Völkerbund regelte, konnten bis zum 29. Februar 1936 viele St. Wendeler und Tholeyer Juden fliehen. Wer sich nach Frankreich durchschlug, musste nach dem deutschem Einmarsch allerdings erneut ums Leben fürchten.

Die Unmenschlichkeit des mörderischen Nazi-Regimes musste laut Wagner weiten Teilen der Bevölkerung bekannt gewesen sein. "Der Marpinger Widerstandskämpfer Alois Kunz wurde als einziger nicht-jüdischer Bürger aus dem Kreis St. Wendel im Konzentrationslager ermordet." Er wurde 1942 nach Auschwitz verschleppt; zur gleichen Zeit war dort der Marpinger Reinhold Schmidt KZ-Wächter. In Oberthal kämpfte Johann Becker mit wenigen Mitstreitern gegen den Anschluss an Hitler-Deutschland. Er musste ununterbrochen neun Jahre und sieben Monate in Gefängnissen und Konzentrationslagern verbringen. Trotz seiner Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus sei er in der Nachkriegszeit im Heimatdorf weiterhin diskriminiert worden. Erst 2008 wurde ihm zur späten Ehre vor seinem Wohnhaus in der Imweilerstraße eine Gedenktafel errichtet.

Die Broschüre "Gegen das Vergessen - Orte des NS-Terrors und Widerstands im Landkreis St. Wendel " behandelt im Weiteren auch das Schicksal von Zwangsarbeitern in Theley, die Ermordung dreier Sinti-Kinder in Urexweiler und die Person des ehemaligen saarländischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Röder, der Mitglied der NSDAP war. "Viele Akten über Röder sind nach dem Zweiten Weltkrieg verschwunden," berichtet Wolfgang Johann. Erst 2013 sei eine ausgedünnte Akte im Landesarchiv wieder aufgetaucht; eine Aufarbeitung sei vonnöten.

Bei der Arbeit an der Broschüre arbeiteten die Verfasser Wolfgang Johann, Eberhard Wagner und Hans Wolf (Vorstand der Aktion 3. Welt Saar ) eng mit Wissenschaftlern und Heimatforschern zusammen. Der Veröffentlichung gingen zwei vergleichbare Publikationen im Landkreis Merzig-Wadern sowie Saarlouis voran. Johann: "Unser Plan ist es, zukünftig alle Landkreise des Saarlandes abzudecken."

a3wsaar.de

widerdasvergessen.de



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Auf einen BlickDie St. Wendeler Ausgabe "Gegen das Vergessen - Orte des NS-Terrors und Widerstands im Landkreis St. Wendel " hat eine Auflage von 12 000 Exemplaren. Erstellung und Druck förderte das Saar-Sozialministerium. Die Broschüre ist kostenlos und wird an Schulen, Kommunen, Büchereien und Bibliotheken weitergegeben. Zusätzlich ist sie online abrufbar, auf der Internetseite von Aktion 3. Welt Saar . Weitere Ausgaben werden im Landratsamt und der Kreisbibliothek im Mia-Münster-Haus ausgelegt. Dort steht am Montag, 13. April, die offizielle Vorstellung an. Beginn: 19 Uhr. ame

Reichsminister Rudolf Hess besucht das Saargebiet; Hess wird auf dem Schlossplatz in St. Wendel empfangen. Foto: Landesarchiv
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Oberthals Gedenktafel für  Johann Becker. Foto: 3. Welt Saar
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Marianne Berl wurde im KZ ermordet Foto: Eberhard Wagner
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St. Wendeler Synagoge in der Kelsweilerstraße. Foto: LA
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