| 20:27 Uhr

Bibergeil
Wo ist die Biberburg an der Liebenburg?

Karl-Heinz Weber steht an der Stelle, wo der Namborner Biber seinen Hauptdamm gebaut hatte. Von dem Bauwerk ist nichts mehr zu sehen.
Karl-Heinz Weber steht an der Stelle, wo der Namborner Biber seinen Hauptdamm gebaut hatte. Von dem Bauwerk ist nichts mehr zu sehen. FOTO: Thorsten Grim
Namborn. Eine Biberfamilie hatte sich neben der Namborner Halle angesiedelt. Nun sind die Nager spurlos verschwunden. Von Thorsten Grim

Winterspeck anfressen, sich gemeinsam mit den anderen Mitgliedern der Großfamilie einmummeln und die kalte Jahreszeit verschlafen – das ist die Sache des Bibers nicht. Im Gegenteil. Der Winter ist die regelmäßig wiederkehrende heiße Phase eines jeden Biberlebens. Schließlich werden zwischen Dezember und März die Nachkommen gezeugt, die Mama-Biber dann nach 104 Tagen zur Welt bringt – meist zwei bis vier Jungen. Das größte europäische Nagetier baut Dämme und Wasserburgen und verspachtelt rein pflanzliche Kost. Im Sommer überwiegend Gräser, Stauden, Kräuter und Wasserpflanzen. Im Winter frisst er neben Wurzeln und Knollen Rinde und Knospen von Bäumen. Dazu fällt, schält und entastet er diese mit seinen scharfen und lebenslang nachwachsenden Nagezähnen. Das alles wollte Karl-Heinz Weber aus Namborn seinem Enkel zeigen — unmittelbar neben der Liebenburghalle in Eisweiler. Denn dort am Großbach hat eine Biberfamilie seit Jahren ihr Revier. Gehabt, muss man aber wohl hinzufügen. Denn als Weber mit seinem Enkel an besagter Stelle ankam, war dort: Nichts. Kein Biber, keine Dämme, keine Burg und kein gefluteter kleiner Auenwald. Wobei die Bäume schon noch stehen, allerdings nicht mehr mit den „Füßen“ im Wasser.


„Ich habe meinen Augen nicht getraut“, berichtet Weber der SZ bei einem Ortstermin, was an jenem Tag in ihm vorging, „ich konnte nicht glauben, dass der Biber weg ist.“ Das frühere Mitglied des Namborner Gemeinderats fragte sich: „Ist der Damm auf natürliche  Weise verschwunden oder hat wer nachgeholfen?“ Schließlich verläuft etwa zwei Meter entfernt ein Schmutzwasserkanal parallel zum Bachbett. Zudem grub der Entsorgungsverband Saar (EVS) in den 80er Jahren dort einen sogenannten Regenwasserüberlaufbehälter und einen Sammler tief in den Boden ein. Was sich als problematisch für den Entsorger herausstellte, nachdem der Biber 2014 unmittelbar daneben sein Revier bezog. Das bestätigt Rasmund Denné von der Biberburg in Berschweiler.

Denné wird gemeinhin vom Landesamt für Umwelt und Arbeitsschutz (LUA) zurate gezogen, wenn das Nagetier irgendwo im Saarland Probleme macht. So wie in der Nachbarschaft der Namborner Liebenburghalle, wo der erste Damm wohl noch in Unwissenheit von Bauhof-Mitarbeitern entfernt worden war. Doch dem Biber gefiel es offensichtlich ausgesprochen gut an dieser Stelle, denn er baute den zerborstenen Damm wieder auf. Das war 2016.

Der Großbach staute sich wieder auf, „und es entstand ein wunderbarer kleiner See, der allerdings für den EVS ein größeres Problem darstellte“. Eben wegen des Regenwasserüberlaufbeckens nebenan. Das führte wohl auch zu Spannungen zwischen dem EVS und der Gemeinde Namborn beziehungsweise den Bürgern von Eisweiler. Denn die waren wohl stolz darauf, dass sich der Biber in ihrem Ort niedergelassen hatte, wie nicht nur Ortsratsmitglied Marvin Reipert berichtet.

Für die ökologischen Fragen beim EVS verantwortlich zeichnet Elisabeth Bächle. Diese ist oder war mit der Biber-Problematik in Namborn befasst und erklärt: „Hier prallen zwei Rechte aufeinander. Das eine ist das Wasserrecht, das heißt, wir müssen diese Becken schon ernsthaft betreiben und ihre Funktionstüchtigkeit aufrecht erhalten, denn sonst kommen wir in den strafrechtlichen Bereich.“ Denn wenn der Biber das Wasser so hoch staut, dass es in den Sammler zur Kläranlage läuft, hat das – neben den betriebstechnischen Problemen – rechtliche Konsequenzen. „Andererseits haben wir dort den Biber, der auch seine Rechte hat.“ Der EVS erstattete laut Bächle eine Störungsanzeige beim LUA. Hernach wurden verschiedene Maßnahmen ausprobiert. Beispielsweise wurden große Drainage-Rohre seitlich in den Damm eingelegt, damit das Wasser einen bestimmten Pegel nicht überschreiten sollte, der Biber aber dennoch „ausreichend Habitat um seine Burg hat“. Dabei seien die Gemeinde und Rasmund Denné vonseiten des LUA mit im Boot gewesen. Doch eine echte Lösung war das nicht, denn der Biber torpedierte die Bemühungen, indem er die Rohre immer wieder verschloss.



Dann kam aus den Reihen des Eisweiler Ortsrats der Vorschlag, das Ablaufrohr bachabwärts bis hinter die Brücke zu verlängern. Doch erstens könne niemand sagen, ob der Biber nicht seinen Lebensraum ausdehnt oder verlegt und die Maßnahme somit gar nicht greifen würde. Zweitens stelle sich die Frage: „Wer bezahlt diese Sammlerverlegung?“ Mehrere Zehntausend Euro, schätzt Bächle, hätte dies gekostet. Obendrein hätte das einen größeren Eingriff bedeutet. Doch irgendwann im Spätsommer des vergangenen Jahres hatte sich das Thema aus EVS-Sicht erledigt. „Der Damm war offen und der Biber weg.“

Hat der EVS bei der Dammöffnung nachgeholfen, wie das in Namborn hinter vorgehaltener Hand kolportiert wird? „Nein“, sagt Bächle, „wir wären ja mit dem Klammersack gepudert. Wir sind eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, damit würden wir uns ja nur Ärger aufladen.“ Es sei auch nicht das Bestreben des EVS in Gegnerschaft zum Biber zu gehen, auch wenn es an verschiedenen Stellen im Land ähnliche Probleme mit dem Nager gebe. „Es ist ja nicht das einzige Becken, das seinerzeit so nah an ein Gewässer gebaut wurde, das heute mit Biber beschlagen ist.“ Derzeit sei man dabei, gemeinsam mit dem LUA darüber nachzudenken, „was bedeutet der Biber für die Wasserwirtschaft, und was machen wir, wenn durch den Biber Anlagen in Schaden kommen“. Die Lösung wäre in den Augen Bächles, einen sogenannten Biberfonds einzurichten, aus dem notwendige Umbauten finanziert beziehungsweise die Schäden behoben werden. Doch man habe sich noch nicht auf eine Lösung einigen können.

Und wo ist nun die Namborner Biber-Familie abgeblieben? „Ich weiß es nicht“, sagt Biber-Manager Denné. Entweder seien die Nager bachaufwärts gewandert – oder in die Gegenrichtung. Oder aber in einen Seitenarm, der 30 Meter weiter unten abzweigt. Es könne aber auch sein, dass die Nager über Land in ein neues Gewässer gezogen sind. „Biber sind sehr flexibel“, sagt Rasmund Denné, „alles ist denkbar.“ Nur, dass die pelzigen Nager zurückkehren an die Stelle neben der Halle, das ist nach derzeitigem Stand eher unwahrscheinlich.

Der Biberdamm neben der Liebenburghalle staute das Wasser so hoch, dass es in den Sammler der Kläranlage beziehungsweise in das Überlaufbecken floss.
Der Biberdamm neben der Liebenburghalle staute das Wasser so hoch, dass es in den Sammler der Kläranlage beziehungsweise in das Überlaufbecken floss. FOTO: Marvin Reipert/Herrenwalder
So sah die Biberburg an der Liebenburghalle in Namborn Eisweiler aus. das Foto stammt aus dem Sommer 2016.
So sah die Biberburg an der Liebenburghalle in Namborn Eisweiler aus. das Foto stammt aus dem Sommer 2016. FOTO: Marvin Reipert/Herrenwalder