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Eichhörnchen in Not
„Das Jahr war wirklich eine Vollkatastrophe“

Im vergangenen Herbst gab es wenig Nüsse. Eichhörnchen hatten daher Probleme, sich einen Vorrat für die kalte Jahreszeit anzulegen.
Im vergangenen Herbst gab es wenig Nüsse. Eichhörnchen hatten daher Probleme, sich einen Vorrat für die kalte Jahreszeit anzulegen. FOTO: dpa / Daniel Reinhardt
St. Wendel. Der milde Winter und trockene Sommer haben den Eichhörnchen zu schaffen gemacht. Monika Pfister musste in den vergangenen Monaten ungewöhnlich viele Nager in ihrer Auffangstation aufpäppeln. Von Sarah Konrad

Der Körper ist ausgemergelt, die Augen sind geschlossen. Zitternd liegt der kleine Nager am Boden. Seine Mutter hat ihn verstoßen. Mit letzten Kräften kämpft er ums Überleben. Für Monika Pfister ist das fast schon ein gewohnter Anblick. Seit acht Jahren kümmert sich die Tierretterin um verletzte, geschwächte und unterernährte Eichhörnchen. Doch so viele wie in den vergangenen Monaten hat sie selten bei sich aufgenommen. „Das Jahr war wirklich eine Vollkatastrophe“, bilanziert Pfister.


Im Sommer 2017 habe es kaum Nüsse gegeben. Die Folge: Die quirligen Säugetiere konnten sich nur einen minimalen Vorrat anlegen. „Von der versteckten Nahrung finden sie nur etwa die Hälfte wieder. Sie hatten in der kalten Jahreszeit daher nur sehr wenig zu fressen“, erklärt sie. Außerdem sei der Winter relativ mild gewesen. Dadurch seien die Hörnchen früher aktiv geworden, um sich zu paaren. „Normalerweise kommen die Babys erst im April auf die Welt. Dieses Jahr hatten wir schon Ende Februar die Stube voll mit Findelkindern“, erzählt Pfister. Diese seien besonders mickrig und unterentwickelt gewesen. „Weil die Muttertiere nicht genug Nahrung hatten, konnten sie nicht genug Milch produzieren“, erläutert sie. Auch der heiße und trockene Sommer habe den kleinen Rackern zu schaffen gemacht. Denn viele hätten kein Wasser gefunden, seien regelrecht dehydriert.

Insgesamt 86 Eichhörnchen hat Pfister dieses Jahr aufgepäppelt und freigelassen. 16 weitere wird sie im Laufe der Woche auswildern. Und sieben sogenannte Bleiber, die erst vor zwei Monaten auf die Welt gekommen sind, werden bei ihr überwintern. „Das ist schon viel. Normalerweise ziehe ich im Jahr zwischen 50 und 80 Tiere groß“, sagt Pfister. Angefangen hat sie damit, als ihr Hund auf einem Campingplatz in Frankreich ein verwaistes Tier anschleppte. „Ich habe überall herumtelefoniert und versucht, eine Pflegestelle für den Nager zu finden. Erfolglos“, erinnert sich Pfister. Also zog sie das Hörnchen namens Speedy selbst auf – und richtete auf dem Grundstück ihres Hauses in Heusweiler eine Auffangstation für Eichhörnchen in Not ein. Die erste und bislang einzige im Saarland.



Auch aus dem Landkreis St. Wendel nimmt sie immer wieder Findelkinder auf. „Oft muss ich sie selbst abholen, weil die Leute nicht so weit fahren wollen“, erzählt die selbsternannte Eichhörnchenmama. Solche ungeplanten Fahrten stellen sie immer vor eine Herausforderung. Denn alle zwei Stunden muss Pfister ihre kleinen Schützlinge füttern. „Wenn ich längere Zeit unterwegs bin, ist das ein bisschen kompliziert“, gibt sie zu.

Umso mehr hofft die Tierliebhaberin, dass sich die Lage von nun an entspannen wird. Medien in unterschiedlichen Teilen der Bundesrepublik machen derzeit auf den drohenden Hungertod der Eichhörnchen aufmerksam. Sie berichten, dass viele Bäume durch die Hitze schnell reif geworden seien. Die Früchte wären deshalb zu früh und teils ohne Kerne abgefallen. Doch Pfister ist optimistisch: „In unserer Region sieht es danach aus, dass es diesen Herbst viele Nüsse gibt.“ Dennoch seien die flinken Tierchen mit dem buschigen Schwanz auf Unterstützung angewiesen.

Wer einen geschwächten, aus dem Nest gefallenen oder verletzten Nager findet, sollte ihn aufheben und wärmen. „Die Wärme ist das Allerwichtigste“, betont Pfister. Denn im Gegensatz zu anderen Wildtieren sei es für Eichhörnchen-Mütter kein Problem, wenn Menschen ihre Jungen anfassen. Allerdings würden sie die Babys nur zurücknehmen, wenn ihre Körpertemperatur hoch genug ist. „Wichtig ist auch, dass sich die Finder schnellstmöglich an uns wenden und nicht versuchen, das Tier selbst aufzupäppeln“, sagt Pfister. Das gehe meistens schief. Und noch einen Hinweis hat die Expertin. Eichhörnchen, die Spaziergängern im Wald nachlaufen und am Bein hochklettern, brauchen immer Hilfe. Dieses Verhalten sei ein eindeutiges Indiz dafür, dass das Tier in Not ist.

Pfister empfiehlt außerdem, schon jetzt mit dem Zufüttern zu beginnen. Denn zurzeit fressen sich die Eichhörnchen Winterspeck für die kalte Jahreszeit an. Sie nehmen daher Sonnenblumenkerne, Buchecker, Eicheln, Nüsse, Esskastanien und frisches Obst dankbar an. Allerdings seien die Nager wahre Gourmets. „Die einen mögen Möhren, die anderen stürzen sich nur auf Apfelstücke“, erklärt Pfister. Ihr Tipp: „Wer den Tieren etwas Gutes tun möchte, kann ihnen Wassermelonen hinstellen. Die mag jedes Eichhörnchen.“ Als Futterplatz geeignet sind vor allem größere, überdachte Vogelhäuser oder spezielle Eichhörnchenhäuschen.

Auch im Winter freuen sich die kleinen Säugetiere über Nahrung aus Menschenhand. Denn sie halten keinen Winterschlaf sondern Winterruhe. „Eichhörnchen stehen hin und wieder auf, um zu fressen oder Sonne zu tanken“, erklärt Pfister. Wer also hin und wieder ein Hörnchen durch den Schnee huschen sehe, müsse sich darüber keine Sorgen machen.

Wer Eichhörnchen helfen will, durch den Winter zu kommen, kann sie in Vogelhäuschen mit Sonnenblumenkernen füttern.
Wer Eichhörnchen helfen will, durch den Winter zu kommen, kann sie in Vogelhäuschen mit Sonnenblumenkernen füttern. FOTO: dpa / Roland Weihrauch
Kleine Eichhörnchen brauchen vor allem Wärme. Wer ein Tier findet, sollte deshalb versuchen, dessen Körpertemperatur hoch zu halten.
Kleine Eichhörnchen brauchen vor allem Wärme. Wer ein Tier findet, sollte deshalb versuchen, dessen Körpertemperatur hoch zu halten. FOTO: Boris Roessler/dpa / Boris Roessler