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Ich mach' jetzt mal was Neues

Unsere Woche. Acht Jahre und sieben Monate währte mein Einsatz für die St. Wendeler SZ. Wie meine Kollegen akribisch ausrechneten. Eine Herkulesaufgabe, stehen viele Journalisten mit der hohen Kunst der Mathematik auf Kriegsfuß. Matthias Zimmermann

Acht Jahre und sieben Monate hatte ich also Zeit, um die Region zu erkunden. Da ich in der Nähe aufwuchs, war mir bewusst: Das sublokalpatriotische Herz divergiert von Dorf zu Dorf, tickt überall anders. Genau das reizte mich, stachelte meine Neugier an. Zuweilen meinen Hang, deswegen Leute liebevoll auf die Schippe zu nehmen.



Acht Jahre und sieben Monate begleitete ich hier Themen, berichtete darüber. Wenn ich's für nötig befand, kommentierte ich. Damit eckte ich ein ums andere Mal bei Betroffenen wie Lesern an. Ist halt so, wenn jemand zu seinem Standpunkt namentlich steht. Ich wurde durch diverse Diskussionen dazu, die ich niemals scheute, um viele Erfahrungen reicher.

Während der acht Jahre und sieben Monate steckte ich mir jeden Tag folgendes Ziel: mich niemals mit einer Sache gemein machen, seriösen, aber keinen arroganten Abstand wahren, stiller Beobachter bleiben. Dabei sein und nicht dazugehören. Wenn Euphorie mit einem durchzugehen drohte, hieß es erst recht, mit von persönlichen Befindlichkeiten losgelösten, wenn nötig unangenehmen Fragen den Finger in die Wunde legen, um möglichst objektiv an einer Sache dran zu bleiben. Ein Anspruch, bei dem mir sicherlich Fehler unterliefen. Sollte ich jemanden verletzt haben, so bitte ich von Herzen um Verzeihung.

Acht Jahre und sieben Monate: Das sind Begegnungen mit interessanten Menschen und prägende Momente. Das sind berührende Geschichten wie die um das Missbrauchsopfer aus Scheuern, das einer Betrügerin aufsaß. Das sind politische Erdbeben, die durch schamlos ausgenutzte Arbeiter auf der Baustelle des Ferienparks am Bostalsee ausgelöst wurden. Das sind Stilblüten, bei denen ich schallend über mich selbst lachte, wie bei der von mir fabulierten: "Exhibitionist mit Pferdeschwanz gefasst".

Nach acht Jahren und sieben Monaten mache ich mich nun zu neuen Ufern auf. Ich verlasse das Arbeitsfeld St. Wendeler Land - mit dem Wissen, dass einige erleichtert aufatmen; und in der Hoffnung, dass dies nicht alle tun. Ich setze auf jene, die mich mit Zuschriften in meinem Tun bestärkten. Meinen aufrichtigen Dank dafür.

Zum guten Schluss ein Riesen-Kompliment an meine geduldigen Kollegen in der Redaktion und unterwegs, die mich vor Schnellschüssen bewahrten, mir wertvolle Tipps gaben, den Rücken bei rechercheintensiven Aufgaben freihielten. Und für das enorme Vertrauen, das Informanten in mich setzten. Ich habe die Zeit fürwahr genossen. Gehabt Euch wohl.

m.zimmermann@sz-sb.de

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