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Interview Andreas Kramer
Im Gras und Unterholz lauert die Gefahr

Zecken lauern überall, wo es Pflanzen gibt. Wer sich oft im Grünen aufhält, sollte sich vor den Parasiten schützen. Denn sie können Krankheiten übertragen.
Zecken lauern überall, wo es Pflanzen gibt. Wer sich oft im Grünen aufhält, sollte sich vor den Parasiten schützen. Denn sie können Krankheiten übertragen. FOTO: gms / Bayer Ag
St. Wendel. Zecken trüben Naturliebhabern den Spaß am Sommer. Das Gesundheitsamt gibt Tipps zum Schutz. Von Sarah Konrad

Zecken mögen es feucht und warm. Zurzeit fühlen sich die Plagegeister daher besonders wohl. Im Gras und Unterholz warten sie auf ihre Opfer. Andreas Kramer ist Leiter des St. Wendeler Gesundheitsamtes. Im SZ-Interview erklärt er, wie sich Naturliebhaber vor den Parasiten schützen können, ob nach einem Stich ein Arztbesuch notwendig ist und wann uns die Zecken wieder in Ruhe lassen.


Herr Kramer, wo lauern die blutsaugenden Tiere?

Andreas Kramer Zecken kommen überall vor, wo es Pflanzen gibt. An ihnen klettern sie meist zehn bis 50 Zentimeter in die Höhe und warten dort auf ihre Blutspender.



Es soll Menschen geben, die für Stiche besonders anfällig sind. Suchen sich die Parasiten ihre Opfer aus?

Kramer Zumindest können sie ihre Opfer nicht sehen, da sie keine Augen haben. Die bei uns ganz im Vordergrund stehende Zecke, der gemeine Holzbock, krabbelt auch nicht auf seine Wirte zu. Vielmehr wird er beim Kontakt mit seinem Ansitz abgestreift und hält sich dann an Mensch oder Tier fest. Wer häufig in Kontakt mit niedriger Vegetation ist – etwa spielende Kinder – hat daher das höchste Risiko, sich eine Zecke einzufangen.

Wie kann man sich schützen?

Kramer Es wird empfohlen, geschlossene Kleidung zu tragen und die Hosenbeine in die Socken zu stecken, wenn man sich in hohem Gras oder Unterholz aufhält. An heißen Sommertagen mindert das ein Freizeitvergnügen erheblich und für Modebewusste ist das wohl auch keine Option. Es gibt daher Anti-Zecken-Sprays, die für einige Stunden relativ gut wirken. Sie bieten jedoch keinen hundertprozentigen Schutz und sind nicht für jeden geeignet, da sie zu Allergien und Augenreizungen führen können.

Haben Sie noch weitere Tipps?

Kramer Es ist ratsam, sich und vor allem seine Kinder nach einem Aufenthalt im Grünen sorgfältig abzusuchen – und zwar den ganzen Körper. Zecken laufen auf der Suche nach einer geeigneten Stichstelle zunächst längere Zeit auf dem Körper oder der Kleidung umher, sodass man sie bei konsequentem Suchen oft noch vor einem Stich entfernen kann. Die Kleidung sollte man ebenfalls absuchen und draußen ausschütteln.

Was sollte man tun, wenn eine Zecke bereits zugestochen hat?

Kramer Man sollte sie so schnell wie möglich entfernen, um eine Infektion zu verhindern. Dazu greift man sie mit einer Pinzette, einer Zeckenzange oder aber auch mit den Fingernägeln möglichst nahe an der Haut und zieht sie langsam, gerade und mit gleichmäßigem Druck, ohne sie zu quetschen, aus der Haut. Wenn dabei der Stechrüssel stecken bleibt, sollte man ihn von einem Arzt entfernen lassen. Nach dem Herausziehen der Zecke sollte man die Stichstelle desinfizieren. Öl, Klebstoffe oder Ähnliches aufzutragen nützt überhaupt nichts und kann sogar schaden.

Welche Krankheiten können Zecken übertragen?

Kramer In Deutschland stehen zwei Erkrankungen im Vordergrund: die durch Bakterien verursachte Borreliose und die Viruserkrankung Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME).

Ist die Wahrscheinlichkeit höher, sich mit FSME oder Borreliose anstecken?

Kramer Die Borreliose tritt viel häufiger auf. Im Landkreis St. Wendel wurden seit Einführung der Meldepflicht im Jahr 2011 etwa 340 Erkrankungen gemeldet. Das sind  durchschnittlich also etwa 50 pro Jahr. Im gesamten Saarland und den an den Landkreis St. Wendel angrenzenden Kreisen in Rheinland-Pfalz wurden seit 2001 hingegen lediglich 29 FSME-Erkrankungen registriert. Die meisten davon sind in den als FSME-Risikogebieten eingestuften Landkreisen Birkenfeld (14) und Saar-Pfalz (sechs) aufgetreten. Bei beiden Erkrankungen gibt es allerdings auch eine Dunkelziffer. Das heißt, es treten mehr Erkrankungen auf als gemeldet werden.

Wie viel Prozent der Gestochenen bekommen eine Krankheit?

Kramer Weniger als ein Prozent der Stiche führen zu Erkrankungen.

Welche Symptome treten bei der Borreliose auf?

Kramer Eine Borreliose kann ganz unterschiedliche Symptome haben. Gelenke, Nervensystem, Haut und Herz können betroffen sein. In 90 Prozent der Fälle tritt jedoch in den Tagen oder Wochen nach dem Stich um die Einstichstelle eine Wanderröte auf, die sich schmerzlos ausbreitet und meist zentral abblasst.

Muss man zum Arzt gehen, wenn man eine Wanderröte entdeckt?

Kramer Ja, sie muss antibiotisch behandelt werden. Aber auch bei Gelenk- oder Herzmuskelentzündungen, Nervenschmerzen oder Lähmungen, zum Beispiel der Gesichtsmuskeln, sollten Ärzte immer auch eine Borreliose als Ursache ausschließen.

Und wie äußert sich FSME?

Kramer Typisch ist ein zweiphasischer Verlauf. Auf grippeähnliche Beschwerden folgen nach kurzer Beschwerdefreiheit Zeichen einer Gehirn- oder Hirnhautentzündung wie Kopfschmerzen, Fieber, Nackensteifigkeit und Bewusstseinseintrübung.

Im Gegensatz zu Borreliose kann man sich gegen die Krankheit FSME impfen lassen. Würden Sie das empfehlen?

Kramer Die Impfung ist allen dringend zu empfehlen, die sich in FSME-Risikogebieten im Grünen aufhalten. Bei uns in der Gegend träfe das zum Beispiel für diejenigen zu, die während der Zeckensaison im Landkreis Birkenfeld wandern oder Zeit am Rohrbacher Weiher verbringen. Das St. Wendeler Land selbst ist kein FSME-Risikogebiet. Die gibt es in Deutschland vor allem in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen, Hessen und Sachsen. In Europa unter anderem in Österreich, Polen, Skandinavien und dem Baltikum.

Wie lange müssen wir im St. Wendeler Land noch damit rechnen, von Zecken gestochen zu werden?

Kramer Zecken sind oberhalb einer Temperatur von etwa acht Grad Celsius aktiv. Dementsprechend geht die Zeckensaison etwa von März bis zum November. Innerhalb dieser Zeit sind Zecken besonders aktiv während feuchtwarmer Perioden.

Die Fragen stellte Sarah Konrad.

Die Wanderröte, eine ringförmige Hautrötung, kann einige Tage bis Wochen nach einem Zeckenstich auftreten. Betroffene sollten einen Arzt aufsuchen.
Die Wanderröte, eine ringförmige Hautrötung, kann einige Tage bis Wochen nach einem Zeckenstich auftreten. Betroffene sollten einen Arzt aufsuchen. FOTO: dpa / Harry Melchert