| 20:17 Uhr

G8 gegen G9
G8 oder G9 – welches System ist besser?

Symbolbild: Armin Weigel/dpa
Symbolbild: Armin Weigel/dpa FOTO: dpa / Armin Weigel
St. Wendel. Lehrer, Eltern und Schüler besuchten die SZ-Redaktion. Gemeinsam diskutierten sie über die Vor- und Nachteile des Turbo-Abiturs. Von Sarah Konrad

Acht oder neun Jahre bis zum Abitur? Diese Frage spaltet das Saarland. Eine Elterninitiative fordert, wieder G8 einzuführen. Doch viele Pädagogen warnen vor einer überstürzten Rückkehr. Wir haben Schüler, Lehrer und Eltern zum Gespräch in die Redaktion gebeten.


Klara, Du machst nächstes Jahr Abitur am Cusanus-Gymnasium in St. Wendel. Waren die vergangenen Wochen in der Schule stressig?

Holger Büch
Holger Büch FOTO: B&K / Bonenberger/


Klara Trappen Klar, so kurz vor dem Abitur hat man immer viel zu tun. Wir haben einige Kursarbeiten geschrieben. Aber es war machbar.

Martin Wagner
Martin Wagner FOTO: B&K / Bonenberger/

Denkst Du, wegen G8 ist Deine Schulzeit besonders anstrengend?

Martina Scheidecker
Martina Scheidecker FOTO: B&K / Bonenberger/

Klara Nein, besonders anstrengend würde ich nicht sagen. Es war bisher jedenfalls nie so, dass man es nicht hätte schaffen können.

Klara Trappen
Klara Trappen FOTO: B&K / Bonenberger/

Frau Scheidecker, Sie haben zwei Töchter im G8. Wie geht es Ihren Kindern damit?

Maurice Masella
Maurice Masella FOTO: B&K / Bonenberger/

Martina Scheidecker Meine jüngste Tochter ist gerade von der Grundschule aufs Gymnasium gewechselt. Durch eine neue Leistungsverordnung liegt da schon ein hohes Stress-
potenzial vor. Meine ältere Tochter ist in der achten Klasse. Sie kann sich während der Woche nachmittags kaum noch etwas vornehmen, weil sie so viel für die Schule zu tun hat.

Maurice, Du gehst in die zwölfte Klasse. Bleibt Dir Zeit für Hobbys?

Maurice Masella Nachmittags muss ich Hausaufgaben machen und lernen. Am Wochenende habe ich noch genug Zeit für Freizeitaktivitäten.

Herr Büch, was sagen Sie als Lehrer zur Belastung der Schüler?

Holger Büch Ich denke, es gibt zwei Dinge, die man unterscheiden muss. Ein Problem momentan ist sicherlich der neue Leistungserlass, den Frau Scheidecker schon angesprochen hat. Er führt zu einer wahren Dokumentationsflut. Somit steigt die Anzahl der schriftlichen und mündlichen Leistungsnachweise. Dadurch lastet auch ein größerer Druck auf den Schülern. Mit G8 hat das allerdings nichts zu tun.

Scheidecker Das stimmt. Bei meiner älteren Tochter war der Übergang von der vierten in die fünfte Klasse nicht mit so vielen Tests verbunden. Dennoch gab es genügend zu tun für sie.

Büch Wegen der verplanten Nachmittage möchte ich eines zu bedenken geben: Viele Eltern lassen ihre Kinder ohnehin berufsbedingt bis 15 oder 17 Uhr in der Schule. Immer mehr Familien greifen auf die Angebote von freiwilligen Ganztagsschulen zurück. Das heißt, auch wenn wir zu G9 zurückkehren würden, würden diese Kinder den Großteil des Tages in der Schule verbringen.

Herr Wagner, stimmen Sie ihrem Kollegen zu, dass sich der Druck auf die Schüler durch G8 überhaupt nicht erhöht hat?

Martin Wagner Seit dem Wechsel auf G8 ist die Belastung besonders für Schüler in der siebten Klasse  gestiegen. Da sinken die Noten deutlich ab. Die einzige Erklärung, die ich dafür habe, sind die Fremdsprachen. Im G9 bekamen die Schüler ihre erste Fremdsprache in der fünften Klasse, die zweite in der siebten und die dritte entsprechend später. Das Problem bei G8 ist, dass wir in Klasse fünf die erste und bereits in Klasse sechs die zweite Fremdsprache haben. In der siebten Klasse lernen die Kinder diese Sprachen dann schon auf einem beachtlichen Niveau. Das bereitet den Schülern Schwierigkeiten. Dazu kommt, dass bei G8 in der siebten Klasse auch noch mehrere Fächer neu hinzukommen. Bei G9 war all das in der siebten Klasse so nicht der Fall. Dafür war die Klassenstufe elf schwieriger. In der hatten früher die meisten Schüler ähnliche Probleme. Von daher meine ich, dass sich der Druck durch G8 nicht erhöht hat. Die stressige Phase wurde lediglich vorgezogen.


Büch In Ostdeutschland gab es immer das achtjährige Gymnasium. Und da ist all die Jahre nie drüber diskutiert worden. Statt diese, meiner Meinung nach unnötige Strukturdebatte weiterzuführen, sollten wir lieber darüber nachdenken, wie wir dem entwicklungspsychologischen Stand der Schüler gerechter werden – und zwar im Kontext von G8. Das wäre durch eine Anpassung der Lehrpläne durchaus möglich. An den schlechteren Noten in der siebten Klasse ist nicht G8 schuld.

Frau Scheidecker, Sie setzen sich für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium ein. Was halten Sie für das größte Problem bei G8?

Scheidecker Die Kinder lernen oft stur auswendig. Egal, in welcher Klassenstufe. Auch wenn die Lehrpläne verkürzt wurden, geben die Lehrer entsprechend Gas.

Klara, habt Ihr im Unterricht Zeit, Themen zu vertiefen?

Klara Wir lernen das, was uns die Lehrer vorgeben. Aber manchmal, wenn wir gerne ein Thema vertiefen würden und vor den Ferien vielleicht noch ein bisschen Zeit ist, gehen die Lehrer schon mal auf unsere Vorschläge ein.

Ist die Qualität des Unterrichts durch G8 schlechter geworden?

Büch Im Doppeljahrgang 2009 wurden die Noten der Schüler in Kursarbeiten und den Abiturprüfungen durch das Bildungsministerium erfasst und verglichen. Dabei stellte sich heraus, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Jahrgängen gegeben hat.

Wagner Die G8-Schüler waren damals im Notendurchschnitt sogar geringfügig besser als die G9-Schüler. Ein Unterschied, der aber sicher nichts mit der unterschiedlichen Dauer der Schulzeit zu tun hat. Die Prüfungsergebnisse im Abitur der letzten Jahre zeigen, dass die Noten der Schüler im achtjährigen Gymnasium nicht schlechter sind als die der Schüler früher.

Scheidecker Früher hatten die Lehrer aber ein Jahr mehr Zeit, um gewisse Themen zu vertiefen. Das finde ich wichtig. Jetzt wird morgens in der Schule kurz ein Thema angerissen. Meine Wahrnehmung ist, dass wir Eltern verantwortlich sind, die offenen Fragen der Kinder zu klären, da die Zeit während des Unterrichts zu knapp ist. Zum Üben bleibt in der Schule oft gar keine Zeit. Immer mehr Schüler bekommen ja auch Nachhilfe. Meine älteste Tochter hatte von der fünften bis zur siebten Klasse, immer kurz vor den Klassenarbeiten, Nachhilfe in Mathe in Anspruch genommen. Das hat ihr Sicherheit gegeben.

Büch Ich denke, dass immer mehr Kinder Nachhilfe bekommen, hat vor allem mit der Erwartungshaltung der Eltern zu tun. Es muss immer eine sehr gute Note sein. Befriedigende Leistungen werden oft schon als mögliche Indikation für Nachhilfe angesehen. Viele scheuen außerdem den Weg über die Gemeinschaftsschule. Der Gedanke, dass ein Kind ohne Abi nichts wert ist, geistert in vielen Köpfen herum. Das ist fatal.

Scheidecker Eltern möchten ihren Kindern den Weg ebnen, damit ihnen nach der Schule alle Türe offen stehen. Früher konnte man mit dem Hauptschulabschluss noch eine Banklehre machen. Versuchen Sie das heute mal. Heute genügt dazu nicht einmal mehr die Mittlere Reife.

Fühlt Ihr Euch auch manchmal unter Druck gesetzt?

Maurice Meine Eltern machen mir keinen Druck. Die Lehrer vielleicht ein bisschen. Letztendlich kann es ihnen aber egal sein, was aus uns wird. Das hängt ja von jedem Schüler selbst ab. Von daher mache ich mir selbst den meisten Druck.

Wagner Maurice, das ist uns nicht egal. Zur Belastung bei G8 kann ich sagen, dass ein Großteil davon nur gefühlt vorhanden ist. Die Gesamtverweildauer von Schülern in der Schule ist gleich geblieben. Es steht sogar mehr Zeit für die Behandlung der Unterrichtsinhalte zur Verfügung, weil die G8-Lehrpläne stark gekürzt wurden. Im Unterschied zu G9 haben die Jugendlichen in G8 in der siebten, achten und neunten Klassenstufe jetzt nachmittags Unterricht. Das ist der einzige Unterschied zu G9. Und das wird als belastend empfunden.

Habt Ihr das Gefühl, dass die Lehrer neben dem Unterricht noch Zeit haben, sich um Eure individuellen Interessen zu kümmern?

Klara Zu meiner Grundschullehrerin hatte ich immer eine sehr gute Beziehung. Als ich in die fünfte Klasse gekommen bin, war das schon eine Umstellung. Auf dem Gymnasium kommen die Lehrer halt, machen ihren Unterricht und gehen wieder. Aber wenn man ein Problem hat, kann man sich schon an sie wenden.

Scheidecker Ich glaube, das Soziale bleibt oft auf der Strecke. Vielleicht ist das aber ein Problem aller weiterführenden Schulen. Die Kinder haben dort nicht mehr nur eine Bezugsperson, sondern verschiedene Lehrer. Gerade in der fünften Klasse brauchen die Kinder aber noch ein bisschen mehr Zuspruch.

Büch Da gebe ich Ihnen recht. Da muss man nachjustieren, auch bei uns am Cusanus-Gymnasium. Nach dem Wechsel auf eine weiterführende Schule kann es zu Adaptionsproblemen kommen. Da brauchen die Kinder ein offenes Ohr. Ich kann die Sorgen und Ängste der Eltern verstehen. Aber dieses Problem würde es auch bei G9 geben.

Trotzdem fehlt den Schülern ein ganzes Jahr zur Entwicklung. Ältere Schüler sind doch reifer oder nicht?

Wagner Das könnte durchaus sein. Erstaunlich ist jedenfalls, dass mit dem Wechsel auf G8 die Zahl der Schüler, die nach dem Abitur eine Auszeit nehmen, extrem gestiegen ist. Was dafür die Ursache ist, weiß ich nicht. Unreife ist eine Möglichkeit. Den Schülern wird aber auch oft gesagt: Ihr habt eine ganz schwere Zeit hinter euch. Jetzt habt ihr euch ein Jahr Erholung verdient.

Werdet ihr eine Auszeit nehmen?

Maurice Ich will nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr machen und anschließend Medizin studieren.

Klara Ich möchte ein Jahr nach Australien gehen und dann Jura studieren. Mein Bruder hat vergangenes Jahr Abi gemacht und danach erst mal gearbeitet. Das hat ihn schon weitergebracht. In der Schule sieht man gar nicht den richtigen Arbeitsalltag. Viele wissen nicht, was sie nach dem Abitur machen sollen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es da mehr helfen würde, neun Jahre aufs Gymnasium zu gehen oder nach dem Abi ein Jahr lang Erfahrungen zu sammeln.

Siehst Du das gewonnene Jahr als Chance?

Klara Ja, als Chance, sich selbst zu finden. Wenn man in die Schule geht, hat man keine Zeit, jeden Tag Praktikum zu machen oder die Welt zu bereisen. Das kann man wegen des gesparten Jahres nach dem Abi- 
tur nachholen.

Das Gespräch führte Sarah Konrad.
Weitere Infos zum Thema > Seite C 3