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Sexueller Missbrauch
Ebneten Tricks Missbrauchs-Pfarrer den Weg?

Gegen Pfarrer V. wird wegen des Verdachts sexuellen Missbrauchs ermittelt.
Gegen Pfarrer V. wird wegen des Verdachts sexuellen Missbrauchs ermittelt. FOTO: Friso Gentsch / dpa
Freisen. Unter dubiosen Umständen wurde ein Mann zum Priester geweiht, der einen Jungen missbraucht hat. Er hat auch in Freisen die Messe gelesen. Von Melanie Mai

Er hat zugegeben, einen Jungen sexuell missbraucht zu haben. Trotzdem wurde er danach zum Priester geweiht. Und hat sogar Gottesdienste in Freisen gehalten. Wie das alles passieren konnte, das beschäftigt derzeit Medien in Süddeutschland und Österreich sowie die Staatsanwaltschaften in Würzburg und Korneuburg bei Wien. Dieser Geistliche mit Bezug zu Freisen, der für Aufsehen sorgt, ist Pfarrer V.



Er lebte als Kind in Freisen, feierte dort seine Primiz und ist seit dem Jahr 2002 suspendiert. Er hatte zugegeben, in Unterfranken einen elfjährigen Jungen sexuell missbraucht zu haben. Das berichtete „Die Zeit“. Aber damit nicht genug. Wie vor wenigen Wochen bekannt wurde, soll er sich bereits 1993 im Stift Klosterneuburg bei Wien an einem jugendlichen Ministranten vergangen haben. Das bestätigte im September dieses Jahres das Stift auf seiner Homepage. „Als der Missbrauch am 2. Oktober 1993 im Stift bekannt wurde, hat man innerhalb von sechs Tagen reagiert und Herrn V. bereits am 8. Oktober 1993 suspendiert. Danach wurde er aufgefordert, aus dem Orden auszutreten.“

Vor seinem Eintritt habe sich das Stift über den jetzigen Ruhestandspfarrer im Priesterseminar in Trier erkundigt, von dort aber keine negative Auskunft erhalten, die eine Aufnahme in das Noviziat des Stiftes in Frage gestellt hätte. Nach SZ-Informationen heißt es im Gutachten aus Trier, V. sei unter Vorbehalt ins Priesterseminar aufgenommen worden. Grundlage dafür sei ein Zeugnis des Direktors des Erzbischöflichen Collegiums Marianum in Neuss, wo V. vier Jahre lang lebte. Dieses Zeugnis bescheinigte V. einen ausgeprägten Hang zum oberflächlichen Umgang mit den Dingen des Lebens. Es wurden Zweifel an dem Alter entsprechender Reife geäußert.

V. verließ also 1987 das Priesterseminar in Trier, um dem Orden in Österreich beizutreten. 1991 legte er seine Gelübde ab. Auf der Klosterneuburg-Homepage heißt es: „Während seiner Zugehörigkeit zum Stift gab es bis zum Bekanntwerden des Missbrauchs keine Vorfälle, die eine Beendigung seiner Zugehörigkeit erfordert hätte.“ Das war 1993. 1994 trat er aus dem Orden aus. Bis 1998 war er in einer Wohnung in Wien registriert. Trotz des Vorfalls wurde V. zum Priester geweiht. In Rumänien. „Unter obskuren Umständen“, wie es das österreichische Nachrichtenmagazin „Profil“ berichtet. Das Magazin behauptet: „Falsche Fürsprache und Tricksereien hinter den Kulissen ebneten einem Täter den Weg.“ Genaureres ist nicht bekannt.

Seine erste Messe, die Primiz, führte den frisch gebackenen Priester zurück nach Freisen. 1996 hielt ausgerechnet der damalige Pfarrer, über dessen Schicksal wegen Missbrauchsvorwürfen derzeit von der Glaubenskongregation im Vatikan entschieden wird (die SZ berichtete), die Primiz-Ansprache. Außerdem hielt V. 1999, so die Recherchen von Johannes Heibel von der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen, eine Messe in St. Remigius in Freisen. 2006, also nach seiner Suspendierung, soll er mit dem Freisener Pfarrer in die Kirche eingezogen sein. Diesen habe er 2008 sogar im Gottesdienst vertreten. Offensichtlich wussten jedoch Freisener Bürger von der Vorgeschichte des Priesters V. und beschwerten sich beim Bistum, hat Heibel recherchiert. Die Trierer Bistumssprecherin Judith Rupp nimmt dazu wie folgt Stellung: „Dass Herr V. 2008 einen Gottesdienst in Freisen gefeiert hat, hat das Bistum erst nach der Feier erfahren. Die Feier von weiteren Gottesdiensten im Bistum Trier ist ihm daraufhin untersagt worden.“ Rupp betont, dass V. zu keinem Zeitpunkt im Bistum inkardiniert, also Priester des Bistum Trier war.“

Der Kontakt zu Freisen riss wohl nie ab. Was auch ein Bild in der Ausgabe „Rund um den Kirchturm – Neues aus St. Remigius Freisen“ aus dem Jahr 2011 belegt. Dieses zeigt die beiden beschuldigten Pfarrer anlässlich des 50. Geburtstags von V.. Außerdem liegt der SZ eine Visitenkarte aus seiner Wiener Zeit vor. Vorne steht die Adresse im Stadtteil Döbling, hinten ist handschriftlich die Telefonnummer des Freisener Pfarramtes vermerkt.

Nach seiner Primiz in Freisen war V. unter anderem in einem Kloster im Schwarzwald, in der Schweiz und im Bistum Würzburg tätig, wo es dann 2002 zum Missbrauch kam. „Er wurde zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt“, sagt Heibel. Und fragt sich, ob das auch das Urteil gewesen wäre, wäre bereits der Fall von 1993 bekannt gewesen. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Würzburg erneut. Oberstaatsanwalt Boris Raufeisen bestätigt der SZ: „Die Staatsanwaltschaft Würzburg führt auf Anzeige der Diözese Würzburg ein Ermittlungsverfahren gegen einen ehemaligen Priester, dem Sexualstraftaten in einem Kloster in Österreich vorgeworfen werden. Die Akten befinden sich weiterhin zur Durchführung der erforderlichen Ermittlungen bei der Polizei. Die weitere Dauer der Ermittlungen ist schwer abschätzbar, da sich der Tatort und mutmaßlich auch zahlreiche Beweismittel in Österreich befinden.“

Dort sorgt der Fall weiter für Aufsehen, es gab inzwischen eine Demonstration vor Klosterneuburg. Organisiert von der „Plattform Betroffener kirchlicher Gewalt“. Deren Obmann Sepp Rothwangl sagte der Saarbrücker Zeitung: „Es ging uns im Wesentlichen dabei darum, das System der Vertuschung und Versetzung von Tätern aufzuzeigen und die Rolle, die Klosterneuburg dabei spielte.“ Gespräche mit dem Stift seien zwar in Aussicht gestellt worden, konkret habe sich aber bisher niemand gemeldet. Sepp Rothwangl sagt: „Das Schweigen hält an.“