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Vokabular für den Berufsalltag
Sprachtreffs sollen Integration fördern

Sprache ist ein wichtiger Grundstein für die Integration. Mittlerweile haben sich zwar viele Flüchtlinge Deutsch-Grundkenntnisse angeeignet. Doch mit fachspezifischen Vokabular hapert es noch. Dabei ist gerade das für den Schritt in die Arbeitswelt wichtig.
Sprache ist ein wichtiger Grundstein für die Integration. Mittlerweile haben sich zwar viele Flüchtlinge Deutsch-Grundkenntnisse angeeignet. Doch mit fachspezifischen Vokabular hapert es noch. Dabei ist gerade das für den Schritt in die Arbeitswelt wichtig. FOTO: picture alliance / dpa / Armin Weigel
St. Wendel/Marpingen . Die Evangelische Kirche im Rheinland hat ein neues Projekt gestartet: Sie sucht ehrenamtliche Paten, die Flüchtlingen Vokabular für den Berufsalltag vermitteln. Von Sarah Konrad

Manchmal kann Fadi Alnaamat seinen Schülern keine Antwort geben. Manchmal weiß der Lehrer selbst nicht weiter. Vor allem, wenn es um den Arbeitsmarkt geht. Seit mehr als drei Jahren lebt der Syrer jetzt schon in Deutschland, aber die Bürokratie macht ihm noch immer zu schaffen. In seiner Heimat hat der junge Mann Sprachwissenschaften studiert und als Englischlehrer gearbeitet. In Deutschland wird sein Universitätsabschluss nicht anerkannt. „Bisher sind alle Versuche gescheitert. Ich weiß nicht, was ich noch machen soll“, sagt er.


Einen Job hat Alnaamat trotzdem gefunden. Er unterrichtet. Allerdings nicht Englisch, sondern Deutsch. Seine Schüler sind Flüchtlinge. Und die haben ganz ähnliche Probleme wie ihr Lehrer. „Sie sind motiviert, wollen arbeiten. Aber es gibt zu viele Hürden, die sie nicht bewältigen können“, erzählt er. Einige Migranten seien vor der Flucht beispielsweise als Auto-Mechaniker tätig gewesen. Sie bringen mehrere Jahre Berufserfahrung mit, aber keine abgeschlossene Ausbildung. „In Syrien gibt es so etwas nicht“, erläutert Alnaamat. Ihr Können in Deutschland zu beweisen oder gar den Abschluss nachzuholen, ist für die Zuwanderer jedoch ein schwieriges Unterfangen. Eine Ursache dafür: die Sprache. „Im Unterricht bringe ich ihnen die Grundlagen bei“, sagt Alnaamat. Zwar stehe auch Vokabular für die Jobsuche auf dem Lehrplan. Aber mit seinen Schülern fachspezifische Begriffe für die unterschiedlichsten Berufe zu pauken, sei in einem Sprachkurs mit so einer großen Gruppe nicht drin.

An dieser Stelle setzt nun ein neues Projekt der Evangelischen Kirche im Rheinland an. Es trägt den Titel „Sprachtreff – für Integration auf dem Land“ und soll Flüchtlingen helfen, Deutsch für den Berufsalltag zu lernen und so ihren Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern. Zunächst wollen die Verantwortlichen in vier Bundesländern Treffpunkte einrichten, die als Informations-, Sprachlern- und Begegnungsorte dienen. Zudem planen sie, Medienangebote für die allgemeine und berufliche Sprachförderung aufzubauen. Als Pilotstandort im Saarland mit dabei sind die Stadt und die Evangelische Kirchengemeinde St. Wendel mit ihrem Begegnungscafé sowie die Gemeinde Marpingen mit dem Jugendbüro. „Die Sprachtreffs sollen eine Anlaufstelle für Zuwanderer sein. Hier können sie individuell mit Paten lernen und im Gespräch ihre Deutschkenntnisse verbessern“, sagt Projektleiterin Helga Schwarze von der landeskirchlichen Büchereifachstelle. Im ersten Schritt müsse man nun auf die Suche nach Ehrenamtlichen gehen, die Paten werden möchten.



Dafür infrage kommen etwa Senioren, die im Ruhestand sind, ihr Wissen aber noch weitergeben möchten. „Ein ehemaliger Gärtner könnte einem Zuwanderer, der in dem Bereich arbeiten will, fachspezifisches Vokabular vermitteln“, erklärt Schwarze. Eine Ärztin könnte Interessenten im medizinischen Bereich sprachlich unterstützen. In einem Vorgänger-Projekt hat Schwarze die Erfahrung gemacht, dass Flüchtlinge ohne ausreichende Deutschkenntnisse es weder schaffen, sich in die Gesellschaft noch in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Sie betont, dass sich in dem Projekt auch jüngere Menschen, beispielsweise Schüler und Auszubildende, engagieren können. „Wir hoffen sogar, dass wir jugendliche Paten finden“, ergänzt Christine Unrath, Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde St. Wendel. Sie hat beobachtet, dass sich junge Zuwanderer Gleichaltrigen gegenüber manchmal leichter öffnen. Die Sprachtreffs zur jetzigen Zeit ins Leben zu rufen, hält sie für sinnvoll. Denn Deutschland habe die nächste Integrations-Phase erreicht. Mittlerweile hätten viele Flüchtlinge Deutsch-Grundkenntnisse gelernt. Es sei ihnen gelungen, Wohnungen zu finden und ihre Kinder in Schulen und Kitas unterzubringen. „Jetzt müssen sie den nächsten Schritt in die komplexe Arbeitswelt bewältigen“, sagt Unrath. Und dabei sei es hilfreich, wenn ihnen ein Pate zur Seite stehen würde.

Ehrenamtliche, die das Projekt unterstützen wollen, werden übrigens nicht ins kalte Wasser geworfen. Sie können zuvor Qualifizierung-Lehrgänge belegen. Außerdem stehen ihnen die hauptamtlichen Mitarbeiter stets für Fragen zur Verfügung. „Denn Ehrenamt ist auch anstrengend und belastend“, weiß Stefan Gebhardt von der Diakonie Saar. Und bis zur vollständigen Integration der Zuwanderer ist es seiner Meinung nach noch ein weiter Weg. „Das ist ein Marathonlauf und wir sind bei Kilometer zehn“, schätzt er. Die meisten Flüchtlinge seien mit einer hohen Motivation nach Deutschland gekommen, sonst hätten sie es gar nicht so weit geschafft. Gebhardt ist daher überzeugt: „Wenn wir sie jetzt unterstützen, ihnen sozusagen Wasser und Bananen reichen, schaffen sie es noch ein gutes Stück weiter.“

 Daran glaubt auch der syrische Lehrer Fadi Alnaamat ganz fest. Sprache entwickele sich vor allem mit persönlichen Beziehungen. „Schüler, die sich viel mit Deutschen unterhalten, lernen viel schneller“, sagt er. Die Idee mit den Sprachpaten gefällt ihm. Denn diese könnten nicht nur fachspezifisches Vokabular vermitteln, sondern auch Fragen rund um den Arbeitsmarkt beantworten. Fragen, auf die Alnaamat seinen Schülern manchmal keine Antworten geben kann.