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Unsere Woche
Die Angst in unseren Köpfen

FOTO: SZ / Roby Lorenz
Ärger, Wut, Mitleid: Die Reaktionen auf den Bericht „Jugendliche bedrängen Frau am Bahnhof“ waren immens. Viele SZ-Leser ließen ihrem Zorn bei Facebook freien Lauf. Einige zogen über Ausländer her, andere über Deutsche und manche regten sich über die Jugend von heute auf. Doch wer auch immer diese Tat begangen hat, hat – neben Diskussionen – vor allem für eines gesorgt: Verunsicherung. Nicht nur beim Opfer. Viele Menschen, die von dem Vorfall erfahren haben, lassen sich davon beeinflussen. Auch unbewusst. Von Sarah Konrad

Das konnte ich vor ein paar Tagen bei mir selbst beobachten. An einem Abend war ich alleine in der Neunkircher Innenstadt unterwegs. Ich ging durch eine enge Gasse –  rechts Häuser, links die Blies und mitten auf dem Weg eine Gruppe Jugendlicher. Etwa zehn Männer, ich schätze zwischen 15 und 20 Jahren alt. Unter ihnen Deutsche und Ausländer, einige hatten ein Bier in der Hand und alle haben teils laut miteinander geredet. Jetzt bin ich wahrlich kein ängstlicher Typ. Aber für einen Moment dachte ich: „Oh nein, muss ich da wirklich mitten durch?“ Ich hatte keine Wahl. Mein Plan: Einfach unauffällig vorbeispazieren. Doch gleich der erste Mann hat mich angesprochen und gegrüßt. Ich habe ihn verdutzt angesehen und ebenfalls „Hallo“ gesagt. Das war’s. Alles ganz harmlos.


Dennoch hatte ich ein mulmiges Gefühl. Warum? Eben weil uns Meldungen, wie die von der Nötigung in St. Wendel, verunsichern. Sie führen dazu, dass wir in ungefährliche Situationen schlimme Dinge hineininterpretieren. Ich möchte nichts verharmlosen. Was der Frau am Bahnhof passiert ist, ist furchtbar. Es ist daher umso wichtiger, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen, wachsam zu sein und vorsichtig an gewisse Situationen heranzutreten. Aber mal im Ernst: Wir laufen täglich durch die Straßen dieser Welt. Wie oft ist Ihnen dabei schon etwas zugestoßen? Wohl eher selten, oder? Das zeigt doch, dass unsere Angst oft unbegründet ist. Die meisten Horror-Szenarien spielen sich zum Glück immer noch in unseren Köpfen ab.