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Museumskonzept
Damit die Museumslandschaft nicht verödet

  Blick auf das Kunstzentrum Bosener Mühle am Bostalsee. Das dort beheimatete Café Kunst und Kultur wirkt sich positiv auf Besucherströme aus.
Blick auf das Kunstzentrum Bosener Mühle am Bostalsee. Das dort beheimatete Café Kunst und Kultur wirkt sich positiv auf Besucherströme aus. FOTO: CHRISTOPH M FRISCH
St. Wendel. Verband stellte in St. Wendel eine Studie und den dazugehörigen Entwicklungsplan für museale Einrichtungen im Saarland vor. Von Thorsten Grim

Noch gehört das Saarland zu den Bundesländern mit der größten Dichte an Museen. Mehr als 100 Einrichtungen repräsentieren in vielfältiger Weise sowohl die saarländische Erinnerungskultur, als auch die Kunst- und Kulturszene des Landes. Doch die reichhaltige Museumslandschaft ist bedroht. Das offenbart eine Studie des saarländischen Museumsverbandes (SMV), die Rainer Raber, geschäftsführendes Vorstabdsmitglied des SMV, jüngst im großen Sitzungssaal des St. Wendeler Landratsamtes präsentierte.


Wie zukunftsfähig ist die saarländische Museumslandschaft? So lautete die Frage, die am Anfang der von Raber beschriebenen Erhebung stand. Die Antworten sind in einen Museumsentwicklungplan geflossen, der ebenfalls vorgestellt wurde, und der zuerst im Landkreis St. Wendel umgesetzt werden soll, um anschließend landesweit realisiert zu werden. Vor etwa zwölf Jahren hat der Verband begonnen, der Frage nach der Zukunftsfähigkeit gezielt nachzuspüren. Mit teils besorgniserregendem Ergebnis. Vor allem die Auswertung der Alterspyramide der Leiter und Mitarbeiter der musealen Einrichtungen bereitet den Verantwortlichen Sorgen. Den Ist-Zustand verdeutlicht Raber den Anwesenden – Vertreter der Museen im Landkreis St. Wendel – mittels Powerpoint-Präsentation. Die zeigt, dass das Gros der Museumsleiter und -Mitarbeiter vor zehn Jahren zwischen 60 und 65 Jahren alt war.

Und heute? Die Pyramide ist auf der X-Achse weiter nach rechts gewandert. Will sagen: Nun sind die Protagonisten mehrheitlich zwischen 70 und 75 Jahren alt. „Eine Zeitbombe“, nennt das Raber. Ein Problem, „das sich nicht von heute auf morgen lösen lassen wird“, das aber akut die Häuser in ihrer Existenz bedrohe. „Und“, fragt Raber, „was ganz wichtig ist: Was ist mit dem Wissen über die Exponate?“ Das drohe mit dem absehbaren Ausscheiden vieler Altgedienter verloren zu gehen. Darum sei es extrem wichtig, die Bestände der einzelnen Häuser digital zu erfassen. „Saarlandweit haben von den 100 Museen nur 35 zumindest teilweise ihre Bestände erfasst“, klagt Raber. Im Landkreis St. Wendel hat laut Studie nur eines der 16 Museen, die Mitglied im SMV sind, seine Stücke digital gesichert: Die Stiftung Marpinger Kulturbesitz. Alle anderen hinken hinterher.



Nun erfordert die digitale Erfassung – ein wichtiger Punkt im Museumsentwicklungsplan – Zeit, Technik und Personal. Dinge, über die die meisten Häuser nicht im Überfluss verfügen. „Daher ist der Museumsverband einem Verbund mehrerer Bundesländer beigetreten, der mit Hilfe der Europäischen Union eine Software entwickelt hat, mit der die Bestände digital erfasst und in die Öffentlichkeit getragen werden können.“ Der Einsatz dieser Software ist laut Raber für die SMV-Mitglieder kostenlos. Auch könnten Verbandsmitarbeiter bei der Erfassung helfen. „Damit könnten wir große Probleme in den Häusern lösen“, ist der Geschäftsführer überzeugt.

Wenn die Exponate ihren Weg in die virtuelle Welt gefunden haben werden, „ist ein wichtiger Schritt getan, um die Museen in eine neue Zeit zu führen“. Das sieht auch Thomas Fritsch von der gemeinnützigen Terrex GmbH so. Der Archäologe sagt: „Für uns ist die Erfassung und Digitalisierung der Museumsbestände am dringendsten, damit diese für die Nachwelt gesichert werden.“ Das würde vermutlich auch für viele der Museen gelten, deren Alterstrukturen das Risiko bergen, dass sie in absehbarer Zeit schließen müssen – eben weil kein Nachwuchs in Sicht ist. Vorschläge, wie der personelle Engpass zu lösen ist, hat Fritsch nicht. Und er gibt zu bedenken, dass es ja nicht nur so sei, dass jüngere Generationen andere Interessen hätten, auch der demographische Wandel mache sich bemerkbar. „Es kann nicht mehr so viel nachkommen, weil nicht mehr so viele da sind. Und die, die da sind, sind zunehmend geprägt durch die digitale Welt.“

Das wissen auch Raber und der SMV, dass es allein mit der Digitalisierung nicht getan ist. Gemeinsam mit Partnern lässt der Verband daher als Pilotprojekt eine App entwickeln, mithilfe der man in der Villa Borg bei Perl beziehungsweise im Feinmechanischen Museum Fellenbergmühle in Merzig auf animierte Entdeckertour gehen kann. „Das würde eventuell auch die Probleme mit Führungen lösen, die manche Häuser haben.“ Im Mai soll die App verfügbar sein.

Niko Leiß vom Theulegium in Tholey hat sich nach eigenen Angaben „viele Gedanken um die Altersstruktur“ gemacht – ohne eine Lösung gefunden zu haben. Vielleicht, regt Leiß an, solle sich mal jeder fragen, wie man selbst zum jeweiligen Thema gekommen ist, was einen begeistert hat. Wenn man das weiß, könne man vielleicht junge Menschen auf ähnlichem Weg ansprechen. Zum Thema Digitalisierung meint Leiß: „Wir haben im vergangenen Jahr Inventur gemacht“, was sehr zeitaufwändig gewesen sei. Sämtliche Stücke auch digital zu erfassen, sei ausgeschlossen. „Das schaffen wir nicht, wir sind personell am Anschlag.“ Im Übrigen glaube er nicht, dass durch die digitale Erfassung und Präsentation im Netz mehr Besucher kommen. „Da bin ich sehr skeptisch.“

Einen ganz anderen Weg, Besucher anzulocken, geht das Mineralogische Museum in Oberkirchen. „Wir hatten in der Vergangenheit lediglich etwa 200 Besucher im Jahr“, berichtet Erwin Raddatz. Dann sei man beim Heimat- und Verkehrsverein auf die Idee gekommen, im Haus ein Café einzurichten. Das öffne jeden Sonntag und locke jeweils bis zu 20 Leute an. „Seitdem geht es bergauf“, berichtet Raddatz nicht ohne Stolz.

Die Museen als Orte der Begegnung gestalten, auch das steht im SMV-Konzept. Bereits vorbildlich umgesetzt wird das im Heimatmuseum in Neipel, das eine Gastronomie beherbergt, regelmäßig bespielt wird und als Kulturtreff dient – nicht nur für das Bohnental. Ebenso vorbildlich: das Kunstzentrum Bosener Mühle. „Wobei wir die Probleme mit Erfassung und Digitalisierung nicht haben, weil wir mit Workshops und wechselnden Ausstellungen arbeiten“, sagt Christoph M. Frisch. Vorsitzender des Kunstzentrums. Aber engagierte freiwillige Helfer zu finden, das sei auch in Bosen ein Problem.

Dass sich ein Café positiv auf Besucherströme auswirken kann, bestätigt Frisch. Das Café Kunst und Kultur werde gut angenommen und bringe Gäste in die Mühle. „Der Besucher-Traffic hat sich durch das Café deutlich verbessert. Kunst, Kultur und Kuchen passt im Saarland immer.“ Seinen Kollegen in der Runde empfahl er, verschiedene Projekte anzustoßen und Workshops für Grundschulen zu organisieren. „Wir sollten Samenkörner pflanzen, die in 20 bis 30 Jahren Früchte tragen.“

Dann wäre vielleicht zu verhindern, dass etliche Museen im Land das Schicksal des Museums im Oberthaler Ortsteil Güdesweiler teilen. Das schloss im August 2017 für immer seine Türen. Im mehr als 250 Jahre alten Millpetersch Haus konnten Besucher bis dahin eine Zeitreise in das dörflich-bäuerliche Leben des 18. und 19. Jahrhunderts unternehmen. Doch, wie Werner Rauber vom Verein für Geschichte und Heimatkunde Oberthal festhält, war der Museumsbetrieb nicht mehr zu stemmen. Auch sei so gut wie keine Unterstützung von außerhalb gekommen – auch nicht von der öffentlichen Hand. Letzte Station des Museums war dann die RTLII-Sendung „Der Trödeltrupp“ und der Verkauf der Einrichtung.

So etwas soll nicht wieder passieren, sagt der St. Wendeler Landrat Udo Recktenwald (CDU). Recktenwald will ein Gremium ins Leben rufen, das die Belange der musealen Einrichtungen im Landkreis im Auge behält. „Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man lässt alles laufen wie es läuft, oder man versucht im Rahmen des Möglichen gegenzusteuern.“ Er sei für die zweite Option.