| 20:42 Uhr

Paten mit Herz
Damit die Einsamkeit nicht krank macht

Hildegard Marx, Oberin des St. Wendeler Marienkrankenhauses, zieht bei Paten mit Herz eine Zwischenbilanz. Und die fällt durchweg positiv aus. 2016 wurde das Modellprojekt ins Leben gerufen.
Hildegard Marx, Oberin des St. Wendeler Marienkrankenhauses, zieht bei Paten mit Herz eine Zwischenbilanz. Und die fällt durchweg positiv aus. 2016 wurde das Modellprojekt ins Leben gerufen. FOTO: Thorsten Grim
St. Wendel. Das 2016 gestartete Modellprojekt Paten mit Herz ist ein Erfolg. Mit 186 000 Euro für die kommenden zwei Jahre wird es weiter gefördert. Von Thorsten Grim

Der Fernsehapparat übertönt die übermächtige Stille in dem früher vor Leben strotzenden Haus eher schlecht als recht. Das eigene Berufsleben liegt Jahre zurück. Die Kinder sind der Arbeit wegen in andere Winkel der Republik gezogen. Dann stirbt der Ehemann. Nun bleibt nur noch die Einsamkeit, mit der die Seniorin Tisch und Bett teilt. So oder so ähnlich geht es immer mehr Menschen in Deutschland. Dessen Bewohner werden dank des medizinischen Fortschritts zwar immer älter – sind im Herbst ihres Lebens aber auch nicht selten sehr einsam. Das ist auch zunehmend in ländlichen Gebieten wie dem Landkreis St. Wendel der Fall. Hier setzt Paten mit Herz an.


In dem Modellprojekt, das durch das Bundesprogramm Land(auf)Schwung gefördert wird, hat sich das Marienkrankenhaus St. Wendel gemeinsam mit dem Landkreis, dem Pflegestützpunkt und mit Ansprechpartnern vor Ort zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. Gemeinsam bemühen sich die Partner um Senioren, die allein leben oder sich Unterstützung in ihrem häuslichen Umfeld wünschen. Oder die nach einem Krankenhausaufenthalt in die eigenen vier Wände zurückkehren, oft ängstlich und in Sorge vor der Zukunft, wenn nahe Verwandte nicht greifbar sind und andere soziale Kontakte fehlen.

Die Paten mit Herz besuchen Senioren und gehen mit ihnen spazieren, unterstützen sie bei Arztbesuchen, helfen beim Einkauf oder bei Behördengängen. Und sie reden mit den Menschen. „Die wichtigste Aufgabe der Paten ist es, zuzuhören“, weiß Hildegard Marx, Oberin des Marienkrankenhauses. „Das ist auch gerade dann wichtig, wenn im näheren Umfeld jemand gestorben ist.“ Gemeinsam mit der Koordinatorin Monika Krächan organisiert die Krankenhausoberin die Paten mit Herz und deren Schulungen.



Im Oktober 2016 wurde das Patenprogramm ins Leben gerufen. Es fußt auf „+P“, einem Projekt, in dem das Marienkrankenhaus von 2011 bis 2015 in Zusammenarbeit mit der Saarbrücker Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Erfahrungen in der Begleitung von Senioren sammelte. Mit der Erkenntnis, dass der Gesundheitszustand von Menschen, die begleitet werden, sich verbessert. Zudem beuge der soziale Kontakt der Vereinsamung vor. Das gilt laut Marx ebenfalls für die ehrenamtlichen Begleiter. Eine Patenschaft „macht Freude und kommt auch den Paten für ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zugute, vor allem Menschen, die selbst bereits im Ruhestand sind und oder alleine leben“, berichtet Marx bei einem Treffen der Netzwerkpartner im Zentrum für Altersmedizin am St. Wendeler Klinikum. Zu diesem ist auch Monika Bachmann (CDU), Ministerin für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie gekommen. Außerdem einige Senioren und ihre Paten.

Mehr als 30 Paten mit Herz gibt es inzwischen im Landkreis St. Wendel. Und ebenso viele Paten-Senioren. „Damit sind wir viel weiter gekommen, als wir uns anfangs als Ziel gesetzt hatten“, sagt Marx.

St. Wendels Landrat Udo Recktenwald (CDU) beschreibt das Paten-mit-Herz-Projekt aus Sicht des Landkreises. Zunächst einmal sei es schön, „wie erfolgreich wir hier gemeinsam unterwegs sind“. Das unterstreiche der Besuch der Ministerin, die damit ihre Wertschätzung für das Projekt zum Ausdruck bringe. „Das bestärkt uns gemeinsam, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagt der Landrat. „Paten mit Herz ist ein Projekt im Gesamtkontext der Regionalentwicklung im Landkreis St. Wendel.“ Regionalentwicklung sei für den Kreis ein zentrales Thema, eine zentrale Herausforderung, „hinter der sich Begriffe verbergen wie Sicherstellung der Daseinsvorsorge, Sicherstellung von Infrastruktur vor Ort, Sicherstellung der Zukunft unserer Dörfer im ländlichen Raum in einer Zeit, in der Infrastruktur wegbricht, in der es immer mehr Dörfer gibt, die auf Infrastruktur verzichten müssen“. Dörfer also, „denen Geschäfte fehlen, denen Banken fehlen, denen Gaststätten fehlen, denen Treffpunkte fehlen, die die Anlaufpunkte nicht mehr haben, die früher selbstverständlich waren“. Auch die medizinische Versorgung auf dem Land sei gefährdet. In diesem Zusammenhang berichtete Recktenwald vom Landkreistag, wo das Thema ärztliche Versorgung im ländlichen Raum diskutiert worden sei. „Da merkt man, dass das nicht nur hier ein Thema ist, sondern generell in der Republik eine große Herausforderung ist“. All das gehe einher mit dem demographischen Wandel und verändere die Gesellschaft. „Deswegen haben wir als Landkreis bereits sehr früh das Thema Regionalentwicklung (. . .) für uns entdeckt und auch die Auffassung vertreten, dass es nicht alleine eine Aufgabe der Gemeinden ist, sondern dass wir als Kreis die Gemeinden bei dieser Herausforderung unterstützen müssen“.

Als einer von bundesweit 13 Landkreisen ist St. Wendel am Bundesprojekt Land(Auf)schwung beteiligt. Mit den damit verbundenen nicht unerheblichen finanziellen Mitteln sei es gelungen, modellhaft Projekte anzugehen und umzusetzen, bei denen nicht sofort die Frage gestellt werde: Wie lässt sich das finanzieren? So auch bei Paten mit Herz, das sehr gut in das Konzept der Regionalentwicklung hineinpasse. Gestartet worden sei es in fünf Dörfern im Kreis. Es habe sich schnell gezeigt, dass es Bedarf gibt. „Von daher bin ich sehr froh, heute einen symbolischen Scheck über 186 000 Euro überreichen zu können“, damit das Modellprojekt weitergeführt werde.

Ministerin Monika Bachmann berichtete von Erfahrungen, die sie bei Veranstaltungen mit älteren Menschen über 80 Jahren gemacht hat. „Da sind Leute dabei, die sind richtig fit, auch im Kopf.“ Aber „Viele sind einsam. Und Einsamkeit macht krank.“ Bachmann erzählt von Gesprächen mit Mitarbeitern der Notrufzentrale. Dort riefen oft ältere Menschen an, und wenn man dann nachfrage, warum sie anriefen, erhielten die Mitarbeiter die Antwort, „ich habe mich verwählt. Aber das stimmt gar nicht. Die haben sich nicht verwählt. Sondern die sitzen alleine Zuhause, und der Anruf ist das einzige Gespräch, das sie an diesem Tag führen“. Jeder müsse doch ab und an mal reden, sich austauschen, meint die 67-Jährige. „Wir haben das zum Glück Zuhause. Viele aber nicht.“ Sie selbst habe übrigens auch einen Paten, „nämlich den Udo“. Oft hole sie sich bei Recktenwald kollegialen oder freundschaftlichen Rat. Dann geht Bachmann auf Marx’ Aussage ein, dass sie nicht damit gerechnet hätte, dass sich so viele für Paten mit Herz melden würden. „Aber sicher ist: Es werden noch mehr.“

Nun geht es, dank dem Scheck aus dem Landratsamt, für zwei Jahre weiter mit dem Modellprojekt. „Es bleibt spannend, was danach in die Verstetigung geht“, sagt Marx und verleiht ihrer Hoffnung Ausdruck, „dass nach dem Ende des Projekts ganz viele Menschen von unseren Erfahrungen profitieren werden“.

Im Zentrum für Altersmedizin am St. Wendeler Marienkrankenhaus trafen sich die Netzwerker von Paten mit Herz.
Im Zentrum für Altersmedizin am St. Wendeler Marienkrankenhaus trafen sich die Netzwerker von Paten mit Herz. FOTO: Thorsten Grim
Landrat Udo Recktenwald, Koordinatorin Monika Krächen, Krankenhausoberin Hildegard Marx und Gesundheitsministerin Monika Bachmann.
Landrat Udo Recktenwald, Koordinatorin Monika Krächen, Krankenhausoberin Hildegard Marx und Gesundheitsministerin Monika Bachmann. FOTO: Thorsten Grim